A RAINY DAY IN NEW YORK

PÖNIs:      (4/5)

„A RAINY DAY IN NEW YORK“ von Woody Allen (B + R; USA 2017; K: Vittorio Storaro; 92 Minuten; deutscher Kino-Start: 05.12.2019).

Gastkritik von Caroline „Carrie“ Steinkrug

Da es im Vorfeld – und im Rahmen der MeToo-Bewegung – zu erheblichen Anschuldigungen gegenüber dem Regisseur Woody Allen kam, ist es journalistische Pflicht, kurz auf dieses furchtbare Dilemma einzugehen. Im Anschluss daran muss und sollte allein A RAINY DAY IN NEW YORK mit seiner Wertigkeit im Mittelpunkt stehen. Fernab aller gesellschaftlicher Vorwürfe. Die Dreharbeiten hierzu fanden bereits vom 11. September bis zum 23. Oktober 2017 statt. Da sich aber gleichzeitig der (haltlose) Verdacht erhärtete, es hätte 1992 sexuelle Übergriffe gegeben (diesbezüglich ist Näheres zum Grundsatz der „Unschuldsvermutung“ in Pönis-BLOG vom 30.11.2019 nachzulesen), beendete der Hauptfinanzier Amazon die Zusammenarbeit, und die Distribution der Produktion wurde in den amerikanischen Kinos eingestellt. Beteiligte Schauspieler (wie Griffin Newman) distanzierten sich betroffen auf namhaften Social-Media-Plattformen, während die Hauptdarsteller Selena Gomez und Timothée Chalamet ihre Gagen an Einrichtungen für Missbrauchs-Opfer, wie das „Rape, Abuse & Incest National Network“ (kurz: RAINN), spendeten. Aber auch andere Stimmen wie die des britischen Schauspielers Jude Law meldeten sich in dieser Hexenjagd zu Wort und gaben ihre weitere Unterstützung bekannt, mit dem Vermerk, dass diese Behandlung des Films „eine schreckliche Schande“ sei. Nun startet er außerhalb den USA und…

…back to the roots. In New York. Ist nicht nur der 1935 dort geborene „Stadtneurotiker“ Allan Stewart Konigsberg, der sich einst selbst das Pseudonym Woody Allen gab, sondern auch das Sujet seines als Lebensratgeber zu lesenden Oeuvres. Nach der Liebe in und zu europäischen Spielstätten wie London („Match Point“/2005; s. Kino-KRITIK), Barcelona („Vicky Cristina Barcelona“/2008; s. Kino-KRITIK), Paris („Midnight in Paris“/2011; s. Kino-KRITIK), Rom („To Rome with Love“/2012; s. Kino-KRITIK) oder der Côte d‘Azur („Magic in the Moonlight“/2014; s. Kino-KRITIK), kehrt er nun in seine Hometown, in seinen „Kiez“, zurück. In die „City“, die niemals schläft. Hier begegnen wir dem aufgeweckten Studenten Gatsby (TIMOTHÉE CHALAMET), der mit seiner Flamme Ashleigh (ELLE FANNING) bei Kutschfahrten, in Pianobars und in einem schmucken Hotel ein romantisches Wochenende verbringen möchte. Doch Ashleigh, so süß wie naiv, muss erst noch ein wichtiges Interview mit dem berühmten Regisseur Roland Pollard (LIEV SCHREIBER) fertigstellen, bevor es mit dem Turteln losgehen kann. Was sich nun in Gang setzt ist ein Allen-typischer Reigen verschiedenster Charaktere. Während Gatsby umstandshalber verschmäht durch die Gegend irrt, verbringt seine Liebste einen aufregenden Tag mit so genannten Prominenten (charmant-verzweifelt: JUDE LAW als „Drehbuchautor“ Ted Davidoff; oder rassig-aufreißerisch: DIEGO LUNA als „Filmstar“ Francisco Vega). Gatsby, der Dichter, bleibt im wahrsten Sinne des Wortes auf der Strecke. Vom Regen auf die Straßen von New York gespült. Auf denen begegnet er plötzlich, in Person der kessen Shannon (SELENA GOMEZ), seiner Vergangenheit, die sowohl seine Gegenwart als auch seine Zukunft ganz schön aus der Bahn wirft.

Alle Jahre wieder feiern wir im Dezember nicht nur Weihnachten, sondern auch eine neue Geschichte des gerade 84-jährigen Woody Allens. Eine Zeit, die zu seinen Träumereien passt. Zu seinen Existenzspäßen, die sich anfühlen wie eine kuschlige Decke, die die Seele wärmt. Nur ist diese nicht aus Wolle gestrickt, sondern aus feinsten Erinnerungen, die er gerne mit uns teilt. A RAINY DAY IN NEW YORK ist eine sehr persönliche Anekdote, die Einblicke in Allens Ursprünge gewährt. Dabei kredenzt er den „Big Apple“ nach seinem eigenen traditionellen Kino-Rezept. Mit viel Stil und Geschmack in jeder Faser des „Zelluloids“. Er spürt dem Whiskey-schwangeren Zigarettenrauch in einem Lokal oder dem Klang einer Irving Berlin Ballade nach. Langsam. Bedächtig. Durch diese Szenerie, führt uns, innerhalb einer netten Liebeskomödie, der junge Freigeist Gatsby (brillant: das 23-jährige Nachwuchstalent Timothée Chalamet). Ein weiteres Alter-Ego des Autorenregisseurs. In einer Stimmung, in der gleichwohl Gene Kelly durch Pfützen tanzen könnte. Jedoch getragener, weniger spritzig, als noch neulich im von Allen verfilmten Europa.

Dabei besticht vor allem die Schlichtheit der Inszenierung. Sei es eine dezente Klaviermelodie oder der puristische Vorspann mit den Namen aller Beteiligten. Schriftlich. Ohne Handlung. Sowie: die vollendete Poesie seiner (Bild-)Sprache. Ein Satz bleibt am Ende haften: „Die Realität, das wahre Leben, ist nur etwas für Menschen, denen nichts Besseres einfällt.“ Woody Allen fällt aber zum Glück jede Menge ein … und auf. So lenkt er unseren Blick auf das Wesentliche: Den Wert eines Gesprächs bei gutem Wein; das Nähren des Geistes durch die bildenden Künste; oder den Reiz eines flüchtigen Moments. In einer Begegnung, die in Sekundenschnelle über Werden und Vergehen entscheiden kann. Im Glücksspiel mit dem Schicksal: Sonnenschein oder „Niederschlag“. Aber auch Letzterer bietet Schönheit. Chancen. Inspiration. Und so begleiten wir die „Unglücksraben“, Woody und Gatsby, zu der Quelle ihrer Ideen, die abseits der Hektik, des Business, liegen. Ohne Anklage rückt hier der Kontrast zwischen Ashleighs Besuch in der Schein-Welt, mitsamt ihren menschlichen Abgründen, und der Reise des inspirativen Odysseus in den Fokus. Der versucht Gedankentiefe in einer Sein-Welt zu erreichen. Eine emotionale Schatzkiste zu öffnen, die so viel Wertvolleres zu bieten hat als Ruhm, Macht und Geld. Im melancholischen Herbst seiner Karriere, findet Woody Allen dort, im grausten Grau dieses einzigen Tages, schimmernd schöne Farb- und Emotionstöne, die an eine verblasste Ära anknüpfen. Die Nostalgie von Trenchcoats, nassen Hüten, verruchten Kneipen und Zigarren wird wahrnehmbar. Ohne großes Tamtam. Nur auf die Romantik des Lebens setzend. Sowie auf die Liebe: zum Da-Sein, zum Mensch-Sein, zum New-York-Sein. Und lichtet sich der Nebel, öffnen sich auch seine Figuren. Zeigen ihr wahres Gesicht. Was die ein oder andere Überraschung mit sich bringt: umjubelte Persönlichkeiten voller (Selbst-)Zweifel; die Schickeria und ihr ordinärer Preis … viel Schminke über einer verrottenden Gesellschaft. Die dringend Idealisten braucht … wie ihn.

Wenngleich sein Kommentar heute humaner, weniger sarkastisch, vielleicht auch gereifter ausfällt, gibt es kaum einen anderen Regisseur, der Kino so humorvoll, intelligent, unterhaltsam, feinfühlig, spürbar „schmecken“ lassen kann – wie Woody Allen. Seine Filmwelt ist und bleibt eine kostbare Tradition. Ein Märchen der Entschleunigung. Und auch, wenn einige ihm mittlerweile ein unkreatives Repetieren, leere Wiederholungen, unterstellen, hoffe ich ganz persönlich, dass er nicht damit aufhört uns diese Gefühlsebenen immer „wieder zu holen“. Jene, die im Alltag viel zu oft verloren gehen. A RAINY DAY IN NEW YORK als altmodische Hollywood-Romanze lädt zum Schlendern ein. Ins Lichtspielhaus. Durch sein Manhattan, sein Brooklyn, seine Stadt. Atmen Sie hier amüsiert durch. Der Meister tut es auch (= 4 „Carrie“-PÖNIs; …“just singin‘ in the rain“).

Teilen mit: