ALLES AUßER GEWÖHNLICH

PÖNIs:       (4,5/5)

„ALLES AUßER GEWÖHNLICH“ von Éric Toledano und Olivier Nakache (B + R; Fr 2018; K: Antoine Sanier; M: Grandbrothers; 113 Minuten; deutscher Kino-Start: 05.12.2019); falls Sie diese beiden Filmemacher nicht auf dem Schirm haben, es handelt sich um die Regisseure des französischen Erfolgsfilms „Ziemlich beste Freunde“ von 2011 (s. Kino-KRITIK), die danach „Heute bin ich Samba“ (s. Kino-KRITIK) und „Das Leben ist ein Fest“ (s. Kino-KRITIK) schufen. Mit „Hors normes“, „Außerhalb der Norm“, drehten sie wieder einen außergewöhnlichen wie humanen Spielfilm, dessen deutscher Titel – „Alles außer gewöhnlich“ – vorzüglich ausgewählt wurde. Bestens passt.

Das System muss „stimmen“. Wir sind „glatt“ gewohnt. Das Leben, die Ereignisse, die Ergebnisse, alles soll unkompliziert „stimmen“. Davon-Abweichungen bedeuten für viele: Es ist unangenehm. Also unerwünscht. Also lieber über „Komplikationen“, Schwierigkeiten, „Störungen“, hinwegsehen. Sie ignorieren. Damit bleibt das eigene Leben „bequem“.

Autismus ist ein Sammelbegriff für verschiedene tiefgreifende Entwicklungsstörungen beim Menschen. Eine Autismus-Spektrum-Störung tritt in der Regel vor dem dritten Lebensjahr auf und kann sich in einem oder mehreren von drei Bereichen zeigen: Störung beim Aufbau von sozialen Fähigkeiten; Beeinträchtigung von Kommunikation und Sprache; sich wiederholende, stereotype Verhaltensweisen und Interessen. „Autisten leben in einer eigenen Welt, die für andere nur schwer begreifbar ist. Und doch können Verhaltenstherapie sowie das Training von Angehörigen viel bewirken“ (Marian Grosser, Arzt).

Sein Name: Bruno. Bruno Haroche (VINCENT CASSEL). Er hat irgendwann für sich beschlossen, nicht drüber-hinwegzusehen. Nicht zu ignorieren oder zu resignieren, wenn es wieder einmal heißt, ein „hoffnungsloser Fall“ soll mit Tabletten auf Dauer ruhiggestellt und in ein Heim abgeschoben, also gesellschaftlich ausgeschlossen werden. Bruno leitet seit vielen Jahren in Paris eine private Einrichtung, die sich rund um die Uhr und außergewöhnlich nah und individuell um d i e Heranwachsenden kümmert, die nirgends woanders mehr einen „normalen“ Betreuungsplatz bekommen. Brunos Einrichtung ist die allerletzte Anlaufstelle für Menschen, die keinerlei Chancen mehr haben, weil ihr Autismus „erheblich“ ausgeprägt und der Umgang mit ihnen entsprechend erheblich schwierig ist. Gemeinsam mit seinem Kumpel Malik (REDA KATEB) ersetzt Bruno mit seiner privaten Einrichtung quasi eine staatliche Einrichtung und gilt dennoch als nur inoffizielle Anlaufstelle. Die bisher geduldet und amtlich finanziell unterstützt wurde. Doch damit soll es nun vorbei sein. Stichwort: das Rentabilitätsprinzip. Es „rechnet“ sich nicht mehr. Haushaltsrechtlich. „Außerhalb der Norm“ soll nun normiert werden. „Legitimiert“ werden. Ohne diese individuelle Einzelbetreuung. Wie bislang. Bruno und Malik sind mehr und mehr darauf angewiesen, „eigenwillig“ zu improvisieren. Denn ihre Schützlinge, bestehend aus rund 40 Jugendlichen, wollen sie auf gar keinen Fall aufgeben. Ihr täglicher 24 Stunden-Aufwand ist nur noch am Rande der Legalität zu bewerkstelligen.

Aber dies ist ihnen egal. Auch wenn ihr privates Leben keines mehr ist, weil mittlerweile ein Netzwerk, bestehend aus Ärzten, Pflegern und vor allem: Eltern, sich auf ihren Dauer-Einsatz verlässt. So ist die Selbstausbeutung der beiden engagierten „Betreuer“ inzwischen enorm. Brunos Versuche „zwischendurch“, mit und bei einigen Dates, für etwas Privatluft zu sorgen, beendet meistens das Handy. Es ist aufreibend, was sich Bruno und „Anhang“ auf die Fahnen geschrieben haben, aber darüber denken sie kaum nach. „Ich finde eine Lösung“, lautet ebenso das Bruno-Motto wie: „Wir sind nah dran“. Es wird weitergemacht.

Kein Trocken-Streifen mit Doku-Schema, sondern ein Spielfilm mit authentischen, spannenden Charakteren. Dass Bruno ein Kippa tragender Jude ist und Malik ein praktizierender Muslim, notieren wir nebenbei. Spielt keine thematische Rolle. Wird als selbstverständlich eingebunden. Ohne Aufhebens. Dafür wird sehr viel „Aufhebens“ um diese Schützlinge-Persönlichkeiten gemacht, von denen uns einige „mit ihrer Dauer-Unruhe“ näher gebracht werden. Mit ihrem „eigenwilligen Inneren“ und den daraus resultierenden unkalkulierbaren Folgen. Mit viel Engagement, Feingefühl und listigem Humor gelingt es Bruno und Malik, aus diesen vielen unterschiedlichen Persönlichkeiten tatsächlich eine Gemeinschaft zu formen, in der jeder Einzelne die Chance bekommt, über sich hinauszuwachsen. Indem sein Ich akzeptiert wird.

Mit VINCENT CASSEL („Public Enemy No. 1 – Mordinstinkt“ und „Public Enemy No. 1 – Todestrieb“/2009 „César“) und REDA KATEB (der Django Reinhardt-Darsteller in „Django – Ein Leben für die Musik“/Berlinale-Eröffnungsfilm von 2017) konnten die beiden Macher zwei namhafte, exzellente französische Charakterdarsteller für die Rampe verpflichten, die sich dem sensiblen Thema Autismus unterordnen und vor allem ihren großartigen Ensemble-Schützlingen viel schauspielerische Atem-Luft gestatten.

Was für ein wunderbares Herzensprojekt. Der beiden „Ziemlich beste Freunde“-Regisseure. Deren Geschichte über Bruno und Malik auf der jahrelangen Bekanntschaft zu zwei Männern beruht, die sich genau diesem humanen Integrationsziel verschrieben haben: Stéphane Benhamou leitet seit 1996 den Verein „Le Silence des Justes“ („Das Schweigen der Gerechten“), der sich auf die Aufnahme und Integration autistischer Kinder und Jugendlicher spezialisiert hat. Daoud Tautou leitet seit 2000 den Verein „Le Relais IDF“; diese Organisation kümmert sich um autistische Kinder und Jugendliche, bemüht sich aber gleichermaßen um die soziale und berufliche Wiedereingliederung junger Menschen aus Brennpunkt-Vierteln.

Einmal mehr: Wie die Franzosen – mit viel Engagement und noch mehr Herzblut –  es wieder einmal verstehen, ein schwieriges Gegenwarts-Thema mittels eines beeindruckenden, warmherzigen und sehr unterhaltsamen Spielfilms auszubreiten, als Plädoyer für Humanität und Menschlichkeit, das (sehr) lange nachhallt, ist ein beglückendes Kino-Erlebnis (= 4 1/2 PÖNIs).

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