ONCE UPON A TIME … IN HOLLYWOOD

PÖNIs:       (5/5)

„ONCE UPON A TIME … IN HOLLYWOOD“ von Quentin Tarantino (B + Co-Produzent + R; USA 2018; K: Robert Richardson; M: diverse zeitgenössische Pop-Rock-Songs; 161 Minuten; deutscher Kino-Start: 15.08.2019); am Anfang eines jeden neuen Jahres wird immer gerätselt – auf welchen Film oder Regisseur oder beides freuen wir uns am meisten? Anfang 2019 war eindeutiger Favorit: QUENTIN TARANTINO! Als letzter großer Erzähler und Spannungsvermittler im aktuellen Hollywood-Zirkus-Programm.

1.) „Der 100-Millionen-Dollar-Mann: Welcher Autorenfilmer bekommt von Hollywood heute noch so ein Budget für einen hochgradig unberechenbaren Kinofilm?“ („Süddeutsche Zeitung“/09.08.19). Anmerkung: Und wer „traut“ sich heute noch, seinen neuen Film per 35mm-Cinemascope-KOPIE beim Cannes-Festival zu präsentieren?

2.) Quentin Tarantino. Geboren am 27. März 1963 in Knoxville, Tennessee. Burt Reynolds mimte in der populären TV-Western-Reihe „Gunsmoke“ (bei uns: „Rauchende Colts“) den jungen Hufschmied Quint Asper. Mutter Connie liebte nicht nur Elvis Presley, sondern auch die jungen Kerle aus dieser Serie. Gab ihrem Sohn deshalb den Namen Quentin Jerome Tarantino: „Ich wollte, dass der Junge einen Namen hat, der groß genug ist, um eine ganze Leinwand zu füllen“ (aus „Quentin Tarantino Unchained: Die blutige Wahrheit“ von Michael Scholten/2016).

3.) Er hat uns u.a. geschenkt: „Pulp Fiction“ (1994/vor 25 Jahren mit der „Goldenen Palme“ von Cannes prämiert/s. Kino-KRITIK/+ „Oscar“ für das „Beste Original-Drehbuch); „Jackie Brown“ (1997/s. Kino-KRITIK); „Death Proof – Todsicher“ (s. Kino-KRITIK); „Inglourious Basterds“ (2009/s. Kino-KRITIK); „Django Unchained“ (2012/s. Kino-KRITIK/“Golden Globe“ für das „Beste Filmdrehbuch“); „The Hateful Eight“ (2015/s. Kino-KRITIK).

4.) Angekündigt war eine „Art“ Orgie. Jedenfalls liefen sich die Spekulationen heiß, als Tarantino ankündigte, mit seinem nächsten Movie einen der bestialischsten Morde in der amerikanischen Kriminalgeschichte zu thematisieren. Stichwort: Der Sommer von 1969; wo im Hollywood-Haus von Roman Polanski seine im 8. Monat schwangere Ehefrau Sharon Tate und drei Freunde von Mitgliedern der Charles Manson-Sekte abgeschlachtet wurden. Dies im Zusammenhang „mit Tarantino“, und schon „sah“ man überall blutrünstige Motive. Mit der moralischen Entrüstung: „darf man das“? Auch wenn man Quentin Tarantino heißt?

5.) Der Kerl hat uns gefoppt. Uns an unseren eigenen gierigen Mist-Gedanken reingelegt. Denn „Once Upon A Time … in Hollywood“ ist alles, aber kein Gewalt-Akt über widerwärtige Satanisten. Keine Freak-Show. Er ist zwar in „jenem Sommer“ angesiedelt, der heutzutage als „Sommer of Love“ gepriesen wird, von wegen „Woodstock“ und Folgen, konzentriert sich aber – wie es der Titel verspricht – eher auf innere hollywood‘sche wie private Fiktions-Vorkommnisse in jenen Tagen. Mit zünftigem Realitätsgeschmack à la Tarantino. Erzählt von einem Auslaufmodell namens Rick Dalton (LEONARDO DiCAPRIO). Der war lange Zeit als Hauptakteur der beliebten TV-Western-Serie „Bounty Law“ sehr angesagt. Außerordentlich beliebt. Doch den Sprung auf die große Leinwand hat er nie geschafft. Jetzt sind seine „Fünfzehn-Minuten-Ruhm“ (nach Andy Warhol) vorbei. Und der Maestro grummelt. Schwächelt. Gut, dass sich immer Cliff Booth (BRAD PITT) an seiner Seite aufhält. Booth ist sein Stunt-Double, enger Freund und Kumpel für alles. Zuständig für Hochstimmung wie für die Depri-Katerlaune. Cliff hat sich in diese Rolle des ewigen „Zweiten“ ohne Murren eingefügt. Mokiert sich darüber nie. Ist der geduldige menschliche Hund seines derzeit angefressenen Herrn.

6.) Eine von mehreren Geschichten. Motiven. Will nur einige anreißen: AL PACINO kriegt einen voluminösen Gast-Auftritt als Filmproduzent Marvin Schwarz. Weil Tarantino schon immer mal mit dem großen AL drehen wollte. Als Ratgeber von Rick Dalton empfiehlt er seinem melancholischen Schützling, es doch mal in Italien zu versuchen, wo gerade erfolgreiche Western gedreht werden. Rick ist skeptisch.   Oder: Wenn sich Cliff Booth mit dem jungen Bruce Lee (MIKE MOH) anlegt und den „etwas vermöbelt“.   Oder: Als in die Nachbar-Villa von Rick Dalton Roman Polanski und seine 26-jährige Gattin Sharon Tate (MARGOT ROBBIE) einziehen.   Oder: Wir die nächsten Schritte dieser attraktiven Blondine begleiten; sowohl ins Kino, wo einer ihrer Filme läuft („The Wrecking Crew“/deutscher Kinotitel damals: „Rollkommando“/mit Dean Martin, Elke Sommer und eben Sharon Tate), oder in Nachtclubs. Wo sie ihre Lebenslust sinnlich abtanzt.   Oder: Wenn Cliff Booth auf die Ranch eines alten Bekannten (BRUCE DERN) gerät und dort auf Mitglieder einer ominösen Sekte stößt. Und sich zu wehren weiß.   Oder: Wenn Stars wie Steve McQueen (DAMIAN LEWIS) ebenso sich die Ehre geben wie „real“ Kurt Russell, Dakota Fanning oder Timothy Olyphant oder – empörend-gut – LENA DUNHAM als wütendes Manson-Girl.    Oder: Wenn die 10-jährige JULIA BUTTERS zwei sensationelle Szenen mit Leonardo DiCaprio bestreitet und diesen dabei Tarantino-ironisch-lässig an die verbale wie darstellerische Wand amüsant klatscht.

7.) Oder: Der neue Alptraum in den niemals langweiligen, in keinem Moment überflüssigen 160 Minuten – wenn in der letzten Viertelstunde QUENTIN TARANTINO einmal mehr die damaligen Ereignisse auf den – angemessen brutalen – eigenwilligen Action-Kopf stellt. Einst waren es Hitler und Dreckskonsorten, die in „Inglourious Basterds“ dran glauben mussten, jetzt darf der kühne Cineast wieder meuchelnde Befriedigung trockenhumorig-wüst herstellen.

8.) Es war einmal… dieser Quentin Tarantino 2019, der keinen stringenten Handlungsfilm gedreht hat, sondern imponierende zeitgenössische Episoden aus jener Epoche privat-fiktional aufhellt, die – nebenher – ebenso zerstörerisch wütete (Manson) wie befreiend sang (Woodstock). Auf seine illusionäre Art, mit begeisternden schwelgerischen Verbal- wie Farbtönen. Und natürlich einmal mehr: mit SEINEM Rock’n‘ Roll aus jenen Tagen; 31 Titel umfasst das Repertoire, darunter: „Hush“/Deep Purple; „California Dreamin“/Jose Feliciano oder „Mrs. Robinson“/Simon & Garfunkel. Die Soundtracks zu Tarantinos Filmen sind auch immer musikalische zeitgenössische Genre-Wegweiser.

9.) Er ist – für „JFK“; „Aviator“ und „Hugo Cabret“ – dreifacher „Oscar“-Preisträger, der Tarantino-Stamm-Kameramann ROBERT RICHARDSON, der demnächst, am 27. August 2019, 64 Jahre alt wird und mit seinen atmosphärisch „gefärbten“ Bildern Tarantino eindrucksvoll „ausdrückt“. (Schauen Sie sich nur mal diese „faszinierenden“ Neon-Reklame-Tafeln an; eine Wonne).

9.) MARGOT ROBBIE, seit „I, Tonja“ im Gespräch („Oscar“-Nominierung) hat als Sharon Tate mehr zu lust-wandeln als tiefe Dramatik zu verbreiten. Besitzt den poppigen Charme eines charmanten Endsechziger Pin-up-Girls.

10.) Die Besten zum Schluss: Zwei „Oscar“-Preisträger-Berühmtheiten in den Haupt-Parts, die angenehm unaufgeregt überzeugend agieren: LEONARDO DiCAPRIO, der in diesem November 45 wird, und BRAD PITT, der in diesem Dezember 56 wird und hier wie aus dem schönsten Ei gepellt ausschaut. Beide ohne jedwede Allüren, sich ganz auf die Sprache und Bewegungsvorgaben des Autoren-Spielleiters Tarantino einlassend, dabei tief-stark Charakter-präsent und extrem charmant (= 5 PÖNIs).

David Steinitz schreibt in der „Süddeutschen Zeitung“ (09.08.2019) DAS FAZIT: „Leider hat sich die amerikanische Filmindustrie seit Tarantinos Regie-Debüt ‚Reservoire Dogs‘ im Jahr 1992 nicht in die Tarantino-Richtung entwickelt. Sondern in die Disney-Richtung. Weshalb im Jahr 2019 die Ironie an ‚Once Upon A Time in Hollywood‘ ist, dass Tarantino mit seinen Erinnerungen eines Sechsjährigen den mit Abstand erwachsensten Film gedreht hat, den man derzeit aus Hollywood bekommen wird. Gegen die endgültige Infantilisierung des amerikanischen Kinos, in dem sich unter der Schirmherrschaft der Walt Disney-Company nur noch komplett- oder teilanimierte Fabelwesen über Fabelwesenprobleme unterhalten, stemmen sich innerhalb des Studiosystems nur noch eine Handvoll Filmemacher. Der erfolgreichste von ihnen heißt Quentin Tarantino. Das kann man zum Beispiel daran erkennen, dass sein Name vom Verleih als Werbung aufs Filmplakat gedruckt wird, weil er als Regisseur genauso berühmt ist wie seine Hauptdarsteller Brad Pitt und Leonardo DiCaprio. Welcher Normalmensch aber weiß, wer Regie bei ‚Avengers: Endgame‘, ‚Der König der Löwen‘ oder ‚Toy Story 4‘ geführt hat?“. 

Teilen mit: