Pulp Fiction Kritik

Wir kennen sie alle. Stichwort: Schmöker. Billig-Romane, die in Millionen-Auflage Woche für Woche von simplen Herz-Schmerz-Geschichten erzählen. Oder die vom heldenhaften Dauer-Einsatz eines ehrlichen und tapferen Polizisten berichten, der sich mit den übelsten Schurken herumschlagen muss. Dr. Sowieso, Perry Rhodan und Jerry Cotton: Populäre Helden von Groschenromanen. Frei übersetzt ins Amerikanische heißen die “Pulp Fiction“. Schmutz-Literatur also. Und genau so nennt das neue amerikanische Film-Wunderkind“ Quentin Tarantino seine zweite Regie-Arbeit:

PULP FICTION“ von Quentin Tarantino (B+R; USA 1994; 154 Minuten; Start D: 03.11.1994).

Seine erste kam vor 2 Jahren auch bei uns ins Kino, hieß “Reservoire Dogs“ und ist heute heiß begehrtes Nacht-Futter für kultsüchtige Programmkino-Cineasten. Thema: Ein Kammerspiel inmitten von Gangstern. Der heute 32jährige Quentin Tarantino, in Tennessee geboren und in Los Angeles aufgewachsen, ist ein kreatives Multitalent. 1986 jobbte er gerade in einer Videothek, als er anfing, Drehbücher zu verfassen. Sein erstes Skript hieß “True Romance“ und wurde 1992 von Tony Scott verfilmt. Für die in der letzten Woche gestartete und inzwischen so kontrovers diskutierte Gewalt-Parabel
“Natural Born Killers“ von Oliver Stone schrieb er auch das Drehbuch.

“Pulp Fiction“, den einige Kollegen gerne in die Nähe des Oliver Stone- Films drängeln, hat mit dem absolut nichts gemein. Das zweite Wort im Titel drückt es schon aus: Fiction. Also Fiktion, Erdachtes, Ausgedachtes. “Pulp Fiction“ ist eine episodenhafte und dennoch zusammenhängende Hommage an die “besseren“ Schundromane Amerikas, die in den 30er und 40er Jahren in Magazinen wie “Black Mask“ – ‘Schwarze Maske‘ – erschienen. Und für die Autoren wie Raymond Chandler oder Dashiel Hammett arbeiteten. Und:
Quentin Tarantino, der Film-Besessene, erinnert sich und zitiert wollüstig das einst populäre amerikanische B-Kino. B wie billig, schnell, aber oft auch wie: klug, hart, direkt. Tarantino spielt mit all diesen Versatzstücken herum und findet dabei tatsächlich eine eigene, vieldeutige und so amüsante neue Film-Sprache.

Story 1 handelt von zwei Berufskillern. Die erledigen präzise ihren Job, sind aber auch sonst durchaus an den “weltlichen Dingen“ interessiert. Zum Beispiel daran, wie man korrekt Pommes Frites isst. Oder wie man einer Frau die Füße “richtig“ massiert. Doch dann stecken beide in der Klemme Versehentlich haben sie einem jungen Typen im Auto den Kopf weggepustet. (Weil sie sich wieder mal von ihren vielen Gedanken haben ablenken lassen). Das Problem: Wie nun schnell und möglichst unauffällig die Limousine wieder sauberkriegen?
Für “so etwas“ aber gibt es -natürlich – “Spezialisten“. Und der ist hier
ein wirklich kluger und guter Ratgeber.

Story 2: Der Boxer Butch folgt nicht dem Diktat eines mächtigen Bosses und geht nicht in der 5. Runde
k.o. . Sondern initiiert seinen eigenen Kampf – und trickst sich dabei wegen der alten Uhr seines Vaters fast selbst aus. Schließlich geht es zum Frühstück ins Restaurant. Dort, wo der Film auch anfing, endet die Show. Warum und wieso, das ist eine ganz andere Geschichte. Wie es hier überhaupt so viele Geschichten gibt. Die ineinander verwoben sind, die sich manchmal nur kurz begegnen, um sich dann später wieder zu kreuzen. Und manchmal, “einfach so“, prallt der Film auch zurück.

Nichts also ist Realität: Wir befinden uns im riesigen Groschenroman-Taumel, wo eben alles möglich ist. Kleine Welten, böse Milieus und Menschen, eine abgesteckte Geographie. “Pulp Fiction“ zitiert. Parodiert. Persifliert. Amüsiert.
Albert ganz schwarzhumorig herum. Ein beeindruckendes, prächtig unterhaltendes, ein ganz feines Stück Billig-Kino-Imitat. Mit
hervorragenden Akteuren. John Travolta, der einstige “Nur Samstag Nacht“-Gigolo, spielt als speckiger, grobschlächtiger und
doch sensibler Gangster d i e Rolle seines Lebens. Samuel L. Jackson als bibeltreuer, schwarzer Partner fasziniert gleichrangig. Harvey Keitel, Uma Thurman und Bruce Willis sind weitere exzellente Köpfe, die hier prächtig mitmischen. Der im Frühjahr in Cannes mit dem Hauptpreis, der “Goldenen Palme“, ausgezeichnete Streifen ist ein ungewöhnlicher, ironischer, makaberer “Spaß“ in Anführungszeichen. Ist ein Triumph des Trivialkinos. Ein großer B-Film mit Anklängen an Beckett und Bogart:
Sprich: Absurd und zynisch.

“Pulp Fiction“ oder: Kann ein Film, in dem Menschen 4 Köpfe weggeschossen werden, Kunst sein? Antwort: Er kann. Zu überprüfen ab heute im Kino (= 5 PÖNIs).