THE HATFEFUL EIGHT

PÖNIs:       (5/5)

„THE HATEFUL EIGHT“ von Quentin Tarantino (B + R; USA 2014/2015; K: Robert Richardson; M: ENNIO MORRICONE; 187 Minuten in der 70mm Roadshow-Version; 167 Minuten in der allgemeinen Version; deutscher Kino-Start: 28.01.2016); die Laufzeit-Unterschiede bedeuten nicht, dass die kürzere Version geschnitten wurde; sie enthält nur nicht die Ouvertüre von Ennio Morricone, und bei ihr gibt es auch keine 12-minütige Pause. Im Detail: Der phantasievolle Cineast Quentin Tarantino verwendete für seinen achten Film mit „Ultra Panavision 70“ eine Technik, die seit Mitte der 60er Jahre nicht mehr zum Einsatz kam. Mit der einst Klassiker wie „Ben Hur“, „Meuterei auf der Bounty“ oder „Eine total, total verrückte Welt“ gedreht wurden. Folgende Lichtspielstätten in Deutschland präsentieren die 70mm-Langfassung: „ZOO PALAST“/Berlin; „Savoy Filmtheater“/Hamburg; „Lichtburg“/Essen; „Schauburg Filmtheater“ (Karlsruhe).

Wir erinnern uns: Acht Männer sitzen in einem Restaurant zusammen. Unterhalten sich über dies und jenes (streiten sich zum Beispiel angeregt über Madonnas Song „Like A Virgin“ oder kabbeln sich verbal, ob es sinnvoll sei, in einem Restaurant Trinkgeld zu geben). Auch über einen geplanten Überfall wird kurz gesprochen. Schnitt. In einem Lagerhaus sind sie zu sechst, später zu siebent. Der Raubüberfall auf einen Diamantenhändler ist schief gelaufen. Die aggressive Abrechnung winkt. Mit „RESERVOIRE DOGS“, deutscher Zusatztitel: „Wilde Hunde“, startete der am 27. März 1963 in Knoxville, Tennessee geborene QUENTIN TARANTINO 1992 seine Karriere. Typisch: in einem überschaubaren Raum. Wo sich Kerle erst mit vielen Worten, dann mit Kugeln duellieren.

Er ist ein Ausnahme-Filmkünstler. Sowohl als Drehbuch-Autor wie als Regisseur. Mit weiteren filmischen Betätigungsfeldern wie Schauspieler, Produzent und Kameramann. Sein vorletzter Film war der Western „Django Unchained“. Für dessen Original-Drehbuch bekam er 2013 den „Oscar“ ebenso zugesprochen wie 1995 für sein Original-Drehbuch zum Inzwischen-Kultfilm „Pulp Fiction“. Seinen Vornamen verdankt QUENTIN dem von Burt Reynolds von 1962 bis 1965 gespielten Hufschmied in der US-TV-Westernserie „Gunsmoke“ (bei uns einst: „Rauchende Colts“). Näheres zu diesem einzigartiger Filmhandwerker und Emotionsrebellen befindet sich in der Kritik zu „DJANGO UNCHAINED“ (s. Kino-KRITIK).

Nochmal: WESTERN. Der Titel klingt sofort gen „Die glorreichen Sieben“. Dem US-Klassiker von 1960. Aber nix da. DIE, die hier auftauchen, sind alles andere als ein „Team“. Sind Solisten. Die nur für sich „sind“. Wird von Moment-eins an vermittelt. Wyoming, einige Zeit nach dem Bürgerkrieg (1861-1865), eine Kutsche saust durch die herrliche wie tief verschneite Gebirgslandschaft, in der sich ein gigantisches weiteres Schneetreiben ankündigt. Dann wird der Sechsspänner aufgehalten. Von einem kräftigen Afroamerikaner, der auf drei Leichen sitzt und Mitnahme begehrt. Wir lernen Major Marquis „The Bounty Hunter“ Warren (SAMUEL L. JACKSON) kennen. Der immerhin mit einem „persönlichen Brief“ des Präsidenten und Sklavengegners Abraham Lincoln Eindruck schindet. Jetzt wie dann später auch.

In der Kutsche befinden sich: John „The Hangman“ Ruth (KURT RUSSELL), seines Zeichens auch Kopfgeldjäger, aber mit lebendiger Beute. In Gestalt von Daisy „The Prisoner“ Domergue (JENNIFER JASON LEIGH), auf deren Ergreifung, tot oder lebendig, 10.000 Dollar ausgesetzt sind. Und dann taucht ein weiterer Fußgänger aus der Wildnis auf: Chris „The Sheriff“ Mannix (WALTON GOGGINS), Deserteur aus den Südstaaten, der behauptet, als neuer Sheriff von Red Rock unterwegs zu sein. Eine illustre erste Klein-Gemeinschaft kommt also – mehr oder weniger „amüsiert“ – zusammen. Als der Schneesturm die Weiterfahrt zur Stadt Red Rock unmöglich werden lässt, wird ein Zwangsstopp nötig. In „Minnies Kleinwarenladen“. Dort treffen sie zwar nicht auf die Chefin der überschaubaren Blockhütte, dafür aber auf weitere aufgehaltene Reisende. Als da wären: Bob „The Mexican“ (DEMIÁN BICHIR), der ziemlich stumme Joe Gage „The Cowboy“ (MICHAEL MADSEN), der alte Konföderierten-General Sandford Smithers („The General“; BRUCE DERN) sowie ein undurchsichtiger Typ namens Oswaldo „The Little Man“ Mobray (TIM ROTH).

Im geräumig-engen Blockhaus. Nun sind sie alle versammelt. Von Sekunde-eins an läuten die inneren Alarmglocken. Mit Sicherheit sind viele hier nicht DIE, als die sie sich ausgeben. Aber wer sind sie wirklich? Was wollen, was beabsichtigen sie? Weshalb trifft sich hier solch eine – faszinierende – Rüpeltruppe? Natürlich muss es „da“ noch etwas geben. Etwas „mehr“. Also viel „mehr“. Als jeder preisgibt. Zunächst. Zeit muss überbrückt werden. Eine verdammt lange Zeit. Also tauscht man sich aus. Bei gleichzeitigem, ständigem und bedrohlichem Belauern. Wie bei einem messerscharfen Fußballspiel: Wer begeht den ersten – auszunutzenden – Fehler? Und dann???

Bald ist klar, jeder wird hier, aus dieser „Höhle“, sprich Hölle, nicht lebendig herauskommen. Noch ist und bleibt der Umgang halbwegs zivilisiert, aber die verbalen Attacken, mit zynischem Wortwitz und versehen mit spannenden Figuren-Hinweisen, werden immer „intensiver“. Wer von den „hasserfüllten Acht“ wird sich als Erster aus der Deckung wagen??? Das gegenseitige Stänkern nimmt immer mehr zu, wirkt mehr und mehr irritierend-unruhig durch die vielen „Kommentare“; Schlafen könnte tödlich sein.

Stichwort: brillanter (Fast-Nur-)“Männer-Kram“. Aufgeteilt in sechs Kapitel. Angesiedelt zwischen Monumental-Radau und Kammerspiel-Spannung. Mit cooler Hinterlist. Und dann mit barbarischen Gemeinheiten twistend. Die Tarantino-Gewalt schließlich ist konsequent. Unbarmherzig. Bitterböse. Amüsant.

Fazit: ALLES. Der Film bietet alles auf, was herausragendes Spannungskino ausmacht. Eine gigantisch wirkende 70mm-Bildqualität beispielsweise, die jeden Topf, jede Gabel, jede Kerze, jeden Colt „nah“ und „verdächtig“ werden lässt. Jedes Gesichtszucken. Wird quasi „irre“ präsentiert. Verstörend. Als ständig bibbernde Hochspannungs-Atmosphäre. Vom ersten Moment und Dialog an. Mit dann vielen überraschenden Wendungen. Marke: der verblüffende Querdenker QUENTIN TARANTINO. Dessen Drehbuch einmal mehr umhaut. Weil mit vielen hintergründigen, hinterfotzigen, filmzitaten-reichen und aktuell-politischen Dialogen versehen. Tarantino, der sich im vorigen Jahr der New Yorker Protestbewegung anschloss wegen der „weißen“ Polizeigewalt gegenüber schwarzen Mitbürgern in den USA, lässt an einer Stelle deutlich sagen: „Wenn Neger Angst haben, fühlen Weiße sich sicher“. An anderer Stelle heißt es: „Schwarze fühlen sich nur dann in Sicherheit, wenn Weiße entwaffnet sind“. In dieser Mund-Art kriegen und besitzen hier viele Worte hochprozentigen Tiefgang. Und treffen voll auf die gedankliche Zwölf.

Wie überhaupt das gesamte Western-Konzept prächtig funktioniert. Abgeht. Fetzt. Ensemble-herausragend dabei: die coole „alte Klapperschlange“ KURT RUSSELL und der zum 6. Mal bei Tarantino mitspielende und eine sagenhaft-furiose Präsenz aufweisende Hühne SAMUEL L. JACKSON. Sowie die hier mit außerordentlich großem Mut zur totalen Hässlichkeit auftretende JENNIFER JASON LEIGH. Oldie BRUCE DERN, der schon 1976 im letzten Hitchcock-Thriller „Familiengrab“ mitmischte, stattet einen rassistischen General zünftig polternd und klasse-mürrisch aus. Während Christoph Waltz-Ersatz TIM ROTH (Christoph hatte derweil als aktueller Bond-Bösewicht zu tun) listig „herumfuchtelt“. Wie DIE sich duellieren, mit Verbal-Kugeln und dann echten, das kommt prächtig an und ‘rüber. Besitzt Tiefen-Spannung und –Sinn. Und entwickelt sich feurig zu einem kammerspielartigen HÜTTEN-KRIMI-WESTERN mit auch Agatha Christie-Geschmack und –Appeal. Von wegen: Erst waren sie acht, dann etwas weniger, dann mehr weniger…

Das dreifache „Oscar“-Kamera-Ass ROBERT RICHARDSON („JFK“; „AVIATOR“ + „HUGO CABRET“) liefert brillante, gestochen scharfe = doppelbödige Bilder aus diesem Klaustrophobie-Milieu ab und erhielt völlig verdient die erneute „Oscar“-Nominierung, während Altmeister ENNIO MORRICONE – der zweite „Oscar“ winkt – einmal mehr mit seinen Klangaufhellern für eine herrlich atmosphärische Soundstimmung sorgt.

„THE HATEFUL 8“ – oder: der neue Tarantino kracht phantastisch. Im Bauch, im Kopf. Ist gewaltig. Ganz großartig. Ein Meisterstück! (= 5 PÖNIs).

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