INTRIGE

PÖNIs:       (5/5)

„INTRIGE“ von Roman Polanski (Co-B + R; Fr/Italien 2018/2019; Co-B: Robert Harris; nach seinem gleichn. Roman/2013; K: Pawel Edelman; M: Alexandre Desplat; 132 Minuten; deutscher Kino-Start: 06.02.2020).

1.) Selten war ein historischer Thriller so brand-aktuell. 2.) Die Antwort zur Frage sofort: Kann/darf man eine private Person von seinem Kunstwerk trennen? UNBEDINGT. Sonst müssten wir, zum Beispiel, die Filme von Alfred Hitchcock, die Auftritte und Filme des Klaus Kinski, die Musik von Michael Jackson verbannen. 3.) ROMAN POLANSKI, Jahrgang 1933, hat Meisterwerke geschaffen. Es ziemt sich nicht, doch ich erwähne es trotzdem an dieser Stelle: Roman Polanski ist Jude. Was „eigentlich“ völlig egal ist und nichts besagt. Außer, dass er der Religionsgemeinschaft der Juden angehört. So wie andere katholisch, evangelisch, moslemisch oder sonstwas sind. Aber da dieser verdammenswerte Antisemitismus nicht auszurotten ist, was längst sein sollte, aber eben nicht ist, muss dies hier und leider nicht beiläufig vorangestellt werden. 4.) Zu den wertvollsten wie bekanntesten Spitzenfilmen von Roman Polanski zählen der Horrorfilm „Rosemaries Baby“ von 1968 („Oscar“-Nominierung); der Kriminalfilm „Chinatown“ von 1974 („Oscar“-Nominierung; „Golden Globe“) sowie der Holocaust-Spielfilm „Der Pianist“ von 2002 („Oscar“; „Goldene Palme“ von Cannes; „César“; „Goya“ für den „Besten Europäischen Film“). 4a.) Der Horror-Jux „Tanz der Vampire“ von 1967 sowie das spitzzüngige Gesellschafts-Vergnügen nach Yasmina Reza „Der Gott des Gemetzels“ von 2011 (s. Kino-KRITIK) zählen weiterhin zu meinen Polanski-Lieblingsfilmen. 5.) Der britische Journalist, Sachbuch-Autor und Schriftsteller ROBERT HARRIS ist durch Romane wie „Vaterland“ (1992) und „Ghostwriter“ (2007) bekannt geworden. Letzterer wurde 2009, mit Drehbuch-Unterstützung von Robert Harris, durch Roman Polanski verfilmt (s. Kino-KRITIK) und erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den „Silbernen Berlinale-Bären“, drei „Europäische Filmpreise“/Film, Regie, Drehbuch sowie zwei „Césars“. 2013 kam das Harris‘-Buch „J’accuse“, „Ich klage an“, heraus, das Roman Polanski für seinen neuen Spielfilm – wieder mit Drehbuch-Unterstützung von Robert Harris – adaptierte. 6.) Bei den letztjährigen Filmfestspielen von Venedig gewann der Film den „Großen Preis der Jury“.

Antisemitismus, Militarismus, Fake News, Verschwörungstheorien, mit einem gewichtigen Whistleblower im Mittelpunkt, zahlreiche Gründe, warum heute ein politisches, gesellschaftliches Ereignis von und mit gigantischen Ausmaßen, nach bereits diversen Verfilmungen, dringend wie erneut der Leinwand bedarf: Die DREYFUS-AFFÄRE, die Frankreich innenpolitisch Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts mächtig erschütterte. Der jüdische Offizier Alfred Dreyfus (*9. Oktober 1859 – †12. Juli 1935) wird 1894/1895 des Landesverrats bezichtigt und in einem reinen Indizienprozess mit zweifelhaften Beweisen zu lebenslanger Verbannung auf die so genannte Teufelsinsel in Französisch-Guayana verurteilt. Am 5. Januar 1895, und damit beginnt der Polanski-Film, wird Dreyfus in äußerst erniedrigender Art und Weise, vor fast viertausend Soldaten und einer riesigen Menschenmenge hinter den Zäunen, degradiert. Die „Akte Dreyfus“, wie sich später herausstellen soll, nur aus einigen Papierschnipseln bestehend, kann geschlossen werden. „Der einzige Jude unter uns“ ist endlich „beseitigt“: „Die Römer warfen den Löwen Christen zum Fraß vor, wir geben ihnen Juden. Das nenne ich Fortschritt“, lächelt der „siegessichere“ Oberst Sandherr.

Der neue Geheimdienstchef, Oberstleutnant Picquart (JEAN DUJARDIN), tritt seinen Dienst an. Stößt auf einen von Korpsgeist nur so durchsetzten Dienst-Apparat. Den er langsam, aber beharrlich aufbricht. Und dabei auf „Ungereimtheiten“ in der Fall-Sache „Dreyfus“ stößt. Obwohl Picquart als Antisemit gilt, beginnt er beharrlich mit seinen Recherchen. Deren – bekanntes – Ergebnis Robert Harris in seinem Buch so zusammenfasst: „Ein Geheimdienst, der außer jegliche Kontrolle gerät, eine korrupte Justiz, die alles im Namen der nationalen Sicherheit rechtfertigt, eine parteiische Presse, die ein Kesseltreiben gegen eine Minderheit veranstaltet, der angeborene Instinkt aller Mächtigen, ihre Verbrechen erfolgreich zu vertuschen …“.

Der moralisch aufrechte, standhaft bleibende Picquart wird vom Jäger zum Gejagten.

ROMAN POLANSKI, inzwischen (zur Drehzeit) 85 Jahre alt, liefert mit diesem historischen Polit-Stoff ein monumentales Spät-Meisterwerk ab, als packendes Thriller-Drama. Handwerklich, auch dank Polanskis Kamera-Ass Pawel Edelmann („Der Pianist“), von begeisternder ästhetischer Brillanz.

Inmitten einer eher nüchternen Epochen-Atmosphäre. Ohne jegliche Effekthascherei und mit einem geradezu atemberaubenden Sinn und Charme für architektonische Details sowie penibel rekonstruierten Interieurs und präzisester Kostüm-Genauigkeit, einschließlich dieser prächtig-austarierten Braun-, Grau- und vor allem „autoritären“ Uniform-Rottöne, entwirft Polanski einen großartig an die Nerven gehenden Polit-Thriller. Dabei sein deutliches Motto, das er immer wieder in Interviews verdeutlicht: Die Aufrechten müssen sich endlich HEUTE besinnen. Aufstehen. Sonst gewinnen die Rechten. Und was dies bedeuten würde – seht meinen aktuellen Historien-Film.

In dem das Figuren-faszinierende ENSEMBLE eine Meisterleistung abliefert. LOUIS GARREL (gerade auch in „Little Women“), dünn, hager, wütend-verletzt, beweist als Dreyfus seine tief atmende, mühsame Selbstkontrolle; ein gewichtiger Stichwortgeber-Nebenpart. An der Rampe besticht und überzeugt – mit seiner wunderbar-konsequenten Zurückhaltung und diesem souveränen Fingerspitzengefühl als „Detektiv“ Marie-Georges Picquart – der französische Star und „Oscar“-Preisträger JEAN DUJARDIN („The Artist“/s. Kino-KRITIK). Überragend: in seiner darstellerischen Präzision und eindringlichen Präsenz.

Der neue Roman Polanski-Film: ein Meisterwerk (= 5 PÖNIs).

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