DER GOTT DES GEMETZELS

PÖNIs:       (5/5)

„DER GOTT DES GEMETZELS“ von Roman Polanski (Co-B + R; Fr/D/Polen/Spanien 2011; Co-B: Yasmina Reza; nach ihrem gleichnamigen Bühenstück/2006; K: Pawel Edelman; M: Alexandre Desplat; 80 Minuten; deutscher Kino-Start: 24.11.2011); zählt zu den ganz seltenen Filmen, bei denen man am Ende ganz und gar „enttäuscht“ ist – weil schon und viel zu früh Schluss ist. Weil man SEHR gerne „mehr“ hätte. Solch eine wunderbare Perle von Film ist dieser Film. Über dem aber nicht nur der prominente Regisseur-Name des (inzwischen 78-jährigen) ROMAN POLANSKI steht (zuletzt: „Der Ghostwriter“), sondern auch und überhaupt DER von YASMINA REZA. Die am 1. Mai 1959 in Paris geborene Autorin hat Bühnenstücke wie „Kunst“ und „Drei Mal Leben“ geschrieben und zählt seit über einem Jahrzehnt zur weltweit meistgespielten zeitgenössischen Dramatikerin. Mit dem (Loriot-)Thema: das Sezieren von „normalem“ bourgeoisem Verhalten. Lächerlichem Verhalten. Allgemein, speziell und überhaupt. In „KUNST“ zum Beispiel, ihrem 3. Stück, 1994 uraufgeführt und inzwischen in über 40 Sprachen übersetzt, wird die Freundschaft dreier Kerle durch den teuren Kauf eines Bildes auf die komische Probe gestellt. Denn dort –„Weißes Bild mit weißen Streifen“ – ist buchstäblich und wahrhaftig NICHTS zu sehen. Außer diesem Weiß. Natürlich. Ein kopfschüttelnd dauerlachhaftes Szenarium. Immer schön am Rande des bürgerlichen Irrsinns. Und immer auch richtig saukomisch. Also fein wieder-erkennungskomisch.

„Le dieu du carnage“, 2006 am Schauspielhaus in Zürich uraufgeführt, entwirft ein ähnlich komplexes „irrsinniges“ Bild. Das im Theater in Paris, bei Polanski allerdings in New York, im gutbürgerlichen Brooklyn, spielt. Weil aber Polanski dorthin bekanntlich nicht hinreisen darf, ohne verhaftet zu werden, für ihn ist die USA weiterhin „unsicheres Drittland“, baute er die Wohnung, in der sich hier alles abspielt, in einem Pariser Studio auf. Und behauptet überzeugend – wir befinden uns in New York. Wo ein kleines Ereignis zum großen, zum tragischen mutiert. Zwei 11-Jährige haben sich im Park „gekabbelt“. Dabei hat der eine „verloren“. Bekam was auf die Gusche. Auf seine Zähne. Nichts Dolles. Eigentlich. Doch was tagtäglich auf den Spielplätzen der jugendlichen Welt zum Ritual gehört, entwickelt sich hier zu einem speziellen Sonderfall. Weil sich die Eltern der Kinder „einmischen“. Einschalten. Auf der einen Seite: das Ehepaar des „Opfers“ Ethan. Die im Buchhandel tätige „Afrika-Expertin“ und Fast-Autorin Penelope Longstreet (JODIE FOSTER) und ihr Ehemann Michael, Marke netter Brummbär und Eisenwarenhändler (JOHN C. REILLY). Der Probleme gerne „gemütlich“ bei einem guten Getränk abbaut. Während seine liberale Ehefrau, die etwas abgehärmt und in gedeckter Strickware auch etwas lächerlich wirkende Penelope, schon auf „allgemeine Gerechtigkeit“ besteht. Und deshalb die Eltern „des Schlägers“ Zachary, die kompromissbereite Investmentbankerin Nancy Cowan (KATE WINSLET) und ihren Rechtsanwalt-Ehemann und Pharma-Lobbyisten Alan (CHRISTOPH WALTZ), zu sich eingeladen hat. Um „die Dinge“, auch natürlich versicherungsrechtlich, im persönlichen Gespräch zu klären.

Schnell ist „das Schuldeingeständnis“ in die Maschine getippt. Nach ein paar Minuten scheint alles einvernehmlich geklärt zu sein. Schnell noch einen Kaffee sowie ein wenig Alkohol – und erledigt ist die „kleine Panne“. Im zwischenmenschlichen Nachwuchs-Miteinander. Doch dann zieht sich DAS hin. Mehr und mehr. Ein paar Worte hier, dort einige Na-Ja-Bemerkungen, ein Satz ergibt den anderen, und dieser an sich friedliche Familienbegegnungsnachmittag gerät mittenmal und plötzlich außer Kontrolle. Auch, weil sich der irgendwie von Anfang an wenig „interessierte“ Alan als tückischer Winkeladvokat und Berufszyniker erweist, zudem mit manischer Handy-Telefonitis ausgestattet. Der seine Geschäfte einfach und wie nebenbei hier weiterführt. Am Handy. Laut und deutlich. Was zu einigen nervlichen Anspannungen führt. Führen muss. Von wegen „rabiater“ Unsensibilität. Meint sogar seine Ehefrau. Die sich aber auch immer zickiger aufführt, sich trotz Magenproblemen mit Alkoholika füllt und schließlich auf den kostbaren Kokoschka-Katalog von Penelope kotzt. Was DIE natürlich völlig die Fassung verlieren lässt. Man beginnt sich nun „intensiver“ auszutauschen. Wobei ständig „die Positionen“ und „Koalitionen“ wechseln. Es wird immer lauter. Und komischer. In und mit diesen köstlichen Verbal-Duellen.

Unsere Zivilisation. Unser Verhalten. Unser Auftreten. DAS, was wir zeigen gegen DAS, was wir sind. Wildsäue. In braven, formvollendeten Konventionen gut verpackt. „Das, was wir Moral nennen, ist ein Konstrukt. Im Grunde sind wir alle primitiv. Jeder von uns kann zum Monster werden“, stellt Jodie Foster im Presseheft klar. „Die Komödie ist realistisch, auch wenn sie satirisch überspitzt ist“, zieht sie Bilanz. Über dieses spitzfindige, ironische und schreikomische Treiben dieser vier „anständigen“ Erwachsenen. Die sich liebend gerne – und vor allem schnell, im Vorübergehen, weil, man will ja schnell wieder zurück in den eigenen Stress – ihre politische Korrektheit im gesellschaftlichen Umgang bestätigen wollen. Diese „öffentlich“ machen, also präsentieren wollen, um sich plötzlich in einem Disput über ihre eigenen Unzulänglichkeiten zu befinden. Sozusagen ihre Befindlichkeiten erleben. Austragen. Müssen. Immer mehr. Und mehr. Mit diesen vielen dauernden „bohrenden“ tiefenpsychologischen Fragen. Um „gerecht“ und „Gerechtigkeit“. Um das „Scheusal“ in einem drin. Das immer mehr zum lächerlichen wie komischen Vorschein kommt. Roman Polanski und seine Co-Drehbuchautorin Yasmina Reza setzen auf exzellente, bissige Pointen. Ganz, ganz feine, treffsichere Pointen. Exquisit durchtriebene, doppelbödige Gedanken. Hintergründige. Herrlich ausufernde. Natürlich boshafte. Und vor allem – gigantisch lachhafte. Selten im Kino in letzter Zeit so viel schön-klug gelacht. Und gedacht. Mitgedacht. Motto: die vielen Defizite in uns. Von uns. Über uns. Den bekloppten „anständigen“ Macken-Menschen. Mit seinen grandiosen wie amüsanten Psychosen.

DAS funktioniert so köstlich, weil DIE VIER gnadenlos brillant spielen. Und sprechen: JODIE FOSTER als ewig betroffene intellektuelle Weltverbesserin und ständiger Gutmensch mit viel faszinierender Seelen-Performance; KATE WINSLET als hin- und hergerissene Mitmachehefrau zwischen wahr und unwahr; CHRISTOPH WALTZ, der nach seinem „Inglourious Basterds“-„Oscar“-Glanz endlich in der RICHTIGEN (internationalen) Darstelleroberliga angekommen ist, gibt den coolen Besserwisser mit spannender Gleichgültigkeitsschärfe, während JOHN C. REILLY, seit 2007, seit „Walk Hard – Die Dewey Cox Story“, im besseren Hollywood-Licht, den gutmütigen Teddybären mimt, den man besser „kulturell“ nicht so „eindringlich“ hätte kitzeln, anpinkeln, also aufwecken sollen. Dürfen. Denn SO angepikst entpuppt er sich als purer Magenbitter. Mit phantastisch-klobigem Männerschwung. Also alle: mit Klasse-1 A-Körper-Sprache. Als hochkarätige verbale Bewegungsmelder. Sie sind ein Ensemble-GENUSS!

Mensch und Moral. Kultur. In der Familien-Stimmung. Die Couch als Minenfeld: „Der Gott des Gemetzels“ ist ein toll-blitzendes, großartiges Meisterstück. Als brillant-bissiges Spitzen-Vergnügen (= 5 PÖNIs).

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