ZWISCHEN DEN ZEILEN (2019)

PÖNIs:      (3,5/5)

„ZWISCHEN DEN ZEILEN“ von Olivier Assayas (B + R; Fr 2017; K: Yorick Le Saux; deutscher Kino-Start: 06.06.2019); daran muss man sich erst einmal gewöhnen – ein Film, in dem WORTE bestimmend sind und nicht Aktionen. Nachdem wir Woche für Woche im Kino geradezu bombardiert wurden mit bombastischem, lärmendem, erschlagendem Sinne-Konsum. Mit diesem permanenten Superhelden/Innen-Zirkus. Da ist es völlig überraschend, geradezu absurd, völlig verblüffend, einmal den anderen Seiten von KINO = zuzuhören. Sich darauf einzulassen, erweist sich menschlich erheblich fein-komisch. Auf jeden Fall: originell. Die Franzosen verstehen mit diesem Film zu überraschen. Explosions- und Meuchel-Fanatiker dagegen müssen mal eine Aus-Zeit nehmen.

Warum „Zwischen den Zeilen“-2019? Weil es einen Film mit gleichem deutschen Titel gibt. Aus dem Jahr 1987. Mit Anne Bancroft & Anthony Hopkins. Eine amerikanisch-britische Co-Produktion, die zu meinen definitiven Lieblingsfilmen zählt (s. Heimkino-KRITIK) und ebenfalls von vielschichtiger zwischenmenschlicher Kommunikation handelt.

Zurück zu OLIVIER ASSAYAS. Zu d e m Pariser Autoren-Regisseur des Jahrgangs 1955, der viele Jahre Redakteur beim französischen Kult-Film-Magazin „Cahiers du cinéma“ war und 2010 die Film-Welt mit dem 330-minütigen Meisterwerk „Carlos – Der Schakal“ (s. Kino-KRITIK) in Begeisterung versetzte. Dagegen 2017 mit dem Handy-Drama „Personal Shopper“ (s. Kino-KRITIK) ziemlich absoff. Und nun – mit „Double vies“; so der Originaltitel: „Doppelleben“ – in lustvolle, subtile Erzähl-Spannung gerät. Mit intellektuellem Personal.

Man befindet sich an der Pariser Geistes-Front. An zahlreichen Rede-Plätzen. Wie überfüllten Restaurants, in schmucken Bars, „diskutablen“ Bücherläden oder ganz unter sich, in privaten Wohnzimmern. Bei Wein und Gebäck. Vier „Anführer“ kristallisieren sich heraus: Der Verleger Alain (GUILLAUME CANET); sein Freund und Autor Léonard (VINCENT MACAIGNE/sieht aus wie der französische Christian Ulmen); ihre Frauen Selena (JUIETTE BINOCHE) und Valérie (NORA HAMZAWI). Man gibt sich aufgeregt von wegen der digitalen Revolution. E-Books anstatt Papier-Bücher, Blogs, überhaupt – wegen dieses undurchsichtigen technischen wie gesellschaftlichen Umbruchs. Und dann auch noch diese Gewichtigkeit der sozialen Medien… Es geht um Eitelkeiten, viel Selbstdarstellung, natürlich: um Geld. Business- wie Privat-Kapital. Und: um Durcheinander-Beziehungen, in die nun auch die neue Digitalisierungsbeauftragte Laure (CHRISTA THÉRET) „eingebunden“ wird. Man spricht über Dichtung und Wahrheit. Im Leben wie in der literarischen Phantasie. Man gibt sich jovial, tauscht ironisch wie harsch Standpunkte aus und wirkt selbst wie amüsant-selbstverliebte Figuren aus einem amourösen Roman. Oder Charming-Bühnenstück. Von wegen: jeder für sich und das Leben für alle. Olivier Assayas erinnert mit seinem Sittenbild des Pariser Literaturbetriebs mitunter an ein schön-meschugges Panoptikum. An ein Theater von zweifelhafter Ehrlichkeit. Jeder plustert sich auf, um sich in vorteilhafte Positionen zu positionieren. Und erweist sich zugleich als geltungssüchtiger Bourgeois mit dem Woody Allen-Ziel: Ihr sollt mich mögen. MEINE Ansichten akzeptieren. MICH anerkennen. Ohne etwaige Zweifel. Nebenbei wird ein wenig fremd-gevögelt.

Der Ulkigste in dieser Runde von Narzissten und Schönrednern ist zweifellos der zumeist melancholisch-gefärbte Autor Léonard. Der in seinen „Feel-Bad-Romanen“, wie er sie bezeichnet, ständig identifizierbare Personen und erkennbare Begebenheiten aus seinem Umfeld verwendet und sich damit angreifbar macht. Doch nun scheint literarisch Schluss mit lustig, denn Verlags-Kumpel Alain hat von diesen Marotten die Faxen dicke. Will dessen neuesten literarischen Erguss nicht veröffentlichen. Was seine Frau, die Léonard-Geliebte Selena, in listige Angriffslaune versetzt.

Es braucht einige Zeit, doch wenn man sich hiermit „einverstanden“ erklären kann, befindet man sich mitten drin in einem virtuosen Schelmenstreich um „höhere“ Gedanken, misstrauische Notizen über den technisch-kulturellen Heute-Umbruch und inmitten von Moral-Ressourcen, die plötzlich in Frage gestellt werden, ja, gefährdet erscheinen. Motto: Müssen WIR uns wirklich(e) Sorgen machen? (= 3 1/2 PÖNIs).

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