SCARY STORIES TO TELL IN THE DARK

PÖNIs:      (3,5/5)

„SCARY STORIES TO TELL IN THE DARK“ von André Øvredal (USA 2018; B: GUILLERMO DEL TORO, Marcus Dunstan, Dan Hageman, Kevin Hageman; nach den gleichn. Gruselgeschichten von Alvin Schwartz und deren Illustrationen durch STEPHEN GAMMELL; Co-Produktion: Guillermo del Toro; K: Roman Osin; M: Marco Beltrami, Anna Drubich; 107 Minuten; deutscher Kino-Start: 31.10.2019).

Gastkritik von Caroline „Carrie“ Steinkrug

Erinnern Sie sich noch an jene Zeiten, in denen man als Teenager im Garten oder im Wald zeltete, Marshmallows an Stöcken über dem Lagerfeuer briet und sich in der Dunkelheit Schauergeschichten erzählte? Nein?! Kein Problem, denn dieser Film wird Ihnen genau dieses Gefühl (wieder) vermitteln. Bei uns zuhause kursiert seit Jahrzehnten solch eine schaurige Legende von einer weißen Frau, die auf einer verlassenen Landstraße nach Mitternacht Autofahrer um Hilfe bittet. Hält man an, verschwindet man. Für immer. Unzählige „Augenzeugen“ berichten natürlich ständig davon, diese fahle Gestalt gesehen zu haben und glauben Sie mir: Ich fahre auch heute niemals nachts dort entlang.

Genau solche SCARY STORIES TO TELL IN THE DARK – also furchterregende Geschichten, die im Dunkeln erzählt werden sollen – bilden die Grundlage dieses Films und auch den Titel eines populären US-amerikanischen Jugendbuches aus den 1990er Jahren. Während es hierzulande leider nicht sonderlich bekannt ist, gilt das von Alvin Schwartz geschaffene Werk „drüben“ als Einstiegsdroge ins Horror-Fan-Leben. Besonders einprägend dabei sind die skurril-verstörenden (jedoch fabelhaft-kunstvollen) Schwarz-Weiß-Illustrationen von STEPHEN GAMMELL. Gezeichnete Monster, deren verschrobene Abbildungen einen in den eigenen Gedanken ständig heimsuchen. Hat man sie erst einmal erblickt. Die Bekanntesten darunter sind: „Harold“ die mordende Vogelscheuche im Maisfeld; die „Pale Lady“, eine blasse Dame, aufgedunsen und stets mit einem ätherischen Lächeln bekleidet sowie der „Jangly Man“, ein männlicher Fleischgolem, der seinen zerstückelten Körper immer wieder in „ungesunde“ Positionen zusammensetzen kann.

Auf ähnliche Weise blieb 2006 der kinderfressende Dämon aus GUILLERMO DEL TOROs Düster-Fantasy-Meisterwerk „Pans Labyrinth“ im Gedächtnis. Sie wissen schon: der, der seine Augen in den Handflächen trug. Kein Wunder also, dass sich der 55-jährige mexikanische Filmemacher für diesen Stoff interessierte und sich sowohl in der Produktion, als auch am Drehbuch beteiligte. Die Regie allerdings übernahm der 46-jährige Norweger ANDRÉ ØVREDAL, dessen „Autopsy of Jane Doe“ (s. Kino-KRITIK) 2016 sprichwörtlich durch Mark und Bein ging. Addiert man jetzt noch die Schauermusik des erfahrenen Komponisten MARCO BELTRAMI hinzu, der u.a. an Blut-Klassikern wie Wes Cravens „Scream“ (1996) oder „Dracula“ (2000) beteiligt war, bekommt man schnell einen Eindruck, in welche Richtung dieses neue „Teamwork“ nun gehen könnte … oder?

Es ist 1968. Halloween. Nachts. Ein paar Kids, darunter Stella (ZOE MARGARET COLLETTI), Auggie (GABRIEL RUSH) und Chuck (AUSTIN ZAJUR), brechen in eine verlassene Spukvilla ein. Dort lebte einst die kleine Sarah Bellows (KATHLEEN POLLARD). Eingesperrt. In einem Verlies. Allerdings hatte sie, einer Schauermär zufolge, ein Faible für das Schreiben von Büchern. Besonders: Für Gruselgeschichten, welche die realen Tode von realen Menschen thematisierten … oder gar verursachten? Als die Teenager diese sagenumwobene Kurzgeschichtensammlung finden und damit das Haus verlassen, beginnt das Grauen von vorne. Denn wie von Geisterhand erscheinen auf einmal immer wieder neue Erzählungen auf den noch leeren Seiten. Protagonisten dieses Mal: die besagten Einbruchskinder plus ihr Umfeld. Ihnen allen droht ein schreckliches Ende, genauso wie es die einzelnen Kapitel vor(her)sehen. Geschrieben mit Blut. Die Uhr tickt und es gilt den Fluch zu brechen, noch bevor der letzte Satz fertig gekritzelt ist.

Während die auftretenden Gespenster in Amerika auf einem Bekanntheitslevel mit Schneewittchen & Co. umherwandern, und somit den Vorteil einer nostalgischen Aura genießen, müssen sie die Gänsehaut bei uns (in den meisten Fällen) „ohne Vorkenntnisse“ hervorrufen. Dies gelingt tatsächlich am Anfang noch recht gut (wie bei „Harold“), bevor sich die einzelnen Stirb-langsam-Episoden dann in ihrer zu unausgegorenen, übergreifenden Rahmenhandlung verlieren. Dies wird vor allem die alten Horror-Hasen nerven, denen dieser Film insgesamt zu „lasch“ erscheinen wird. Letztlich richtet er sich aber auch mehr an heranwachsende Genre-Fans im Sinne eines familienfreundlichen Schock-Light-Movies, welches vielmehr durch seine düster-schöne und schaurig-charmante Atmosphäre punktet. Denn: Wer die Macher hinter diesem Werk kennt weiß, dass hier Special Effects und handgemachte Masken überzeugend ineinandergreifen und zusammenarbeiten. Vor allem die fantastischen Dunkelwesen von STEPHEN GAMMELL sind es, die wirken, die Leinwand einnehmen und die Menschen in den Hintergrund treten lassen. Auch wenn das Ensemble solide mitarbeitet. Inmitten eines wohligen End-Sechziger-Jahre Ambientes als Liebesbekundung an traditionell-klassische sowie schwarz-romantische (US-)Gespenstermärchen.

Kurzum: SCARY STORIES TO TELL IN THE DARK ist d e r passende Kinobesuch zu Halloween, den del Toro selbst als ein wunderbares Familienhorrorevent beschreibt. Während in den USA allerdings eine PG-13-Freigabe dies ermöglicht, werden die Säle den 13 bis 15-Jährigen hierzulande durch eine FSK 16-Freigabe verschlossen bleiben. Was wirklich schade ist, denn genau für dieses Publikum war das Samhain-Spektakel eigentlich gedacht. Und dort gehört es auch hin. Als Geisterbahnfahrt für Anfänger. Und Leitfaden des Aberglaubens. Aber nicht traurig sein, es bleiben ja immer noch die original Bücher, und sich diese am 31. Oktober am Feuer gemeinsam in der Dunkelheit vorzulesen oder zusammen die Zeichnungen zu betrachten, um sich eigene Fantasien zu spinnen … hat auch seinen Reiz. Zurück zu den Wurzeln quasi. Mit, natürlich, gebratenen Marshmallows am Stock … als Abenteuerproviant (= 3 ½ „Carrie“-PÖNIs).

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