PORTRÄT EINER JUNGEN FRAU IN FLAMMEN

PÖNIs:       (4,5/5)

„PORTRÄT EINER JUNGEN FRAU IN FLAMMEN“ von Céline Sciamma (B + R; Fr 2018; K: Claire Mathon; M: Jean-Baptiste de Laubier, Arthur Simonini; 122 Minuten; deutscher Kino-Start: 31.10.2019); manchmal verweigern sich – eigentlich – die lobenden Worte. Weil sie, jedenfalls von mir, längst nicht die Außergewöhnlichkeit, Schönheit und poetische Reinheit wiederzugeben in der Lage sind wie – empfunden.

Auch deshalb: Ich war von 1971 bis 1980 jedes Jahr Anfang September, im Auftrag des Deutsch-Französischen-Jugendwerks, als Reiseleiter mit einer Gruppe in der BRETAGNE: Jenem Fleckchen Erde, das baulich kaum zu zerstören geht. Das zu den schönsten Orten der Welt gehört. Und in der Bretagne ist dieser Film angesiedelt. In seiner einzigartigen, gewaltigen, atemberaubenden Natur-Architektur. An der Atlantikküste. Wo der Mensch nur noch respektvoll und – wie hier – diskret seine emotionalen „Ereignisse“ erlebt. Inmitten einer unfassbar faszinierenden Kulisse. (Gedreht wurde auf der Halbinsel Quiberon in der Betagne, im Département Morbihan.)

Etwas nüchterner: ein purer Frauen-Film. Einmal taucht kurz ein Mann auf, aber unwichtig bleibend. Unerheblich wirkend. Dagegen stark, ausdrucks-sanft-stark, diese Frauen. Vor allem DIE an der Rampe: NOÉMI MERLANT als Malerin Marianne und ADÈLE HAENEL als Héloise, Die-Zu-Malende. Das hinreißendste weibliche Kino-Liebespaar des Jahres.

Frankreich. Im späten 18. Jahrhundert. Marianne unterrichtet junge Frauen. Bringt ihnen die Kunst des Malens bei. Eines der Mädchen entdeckt ein „merkwürdiges“ Gemälde. Darauf sieht man eine aufrechte, stolze Frau mitten in der Nacht. Dass Teile ihres Kleides in Flammen stehen, scheint ihr nichts auszumachen. Marianne treten beim Anblick des Gemäldes Tränen in die Augen; unweigerlich muss sie an Erlebtes zurückdenken.

Es ist 1770 als sie sich auf eine entlegenen Insel in der Bretagne begibt. Wo eine verwitwete Herzogin (VALERIA GOLINO) sie mit dem Porträt ihrer jüngeren Tochter Héloise beauftragt. Gerade erst wurde diese von einer Klosterschule für junge adelige Frauen hierher beordert. An Stelle ihrer älteren Schwester, die den Freitod durch den Sprung von den Klippen gewählt hat, soll nun sie in Mailand einen italienischen Edelmann heiraten. Das Porträt ist als Geschenk für den zukünftigen Ehemann gedacht und soll die Abmachung besiegeln. Doch Héloise weigert sich, irgendwem auch immer Modell zu sitzen, um gegen die arrangierte Ehe zu rebellieren. Marianne soll sie nun beobachten und ihr „Gesellschaft leisten“, um dann aus dem Gedächtnis heraus ihr Porträt zu entwerfen. Doch die beiden Frauen lernen sich peu à peu kennen. Mögen. Und lieben.

Es ist die Zeit von Frauen. Und ihrem einfühlsamen feministischen Blickwinkel. Aus dem „die Zeiten“, die Empfindungen, beschrieben werden. Dabei ist es doch eigentlich eine zutiefst von Männern dominierte, beherrschte Welt. Doch DIE werden hier nicht benötigt. Ihre Abwesenheit „stört“ nicht. Ganz im Gegenteil. Frauen erledigen „die Dinge“. Unter sich. Selbst als bei einer jungen Bediensteten eine Abtreibung vorgenommen wird. Frauen sind sich selbst genug. Und vermögen alles selbst zu gestalten. Zu bewältigen. Übernehmen, wenn auch nur für einen kurzen Lebens-Moment, das Bestimmende. Gewollte. Mit enormer Stärke.

Diese fantastischen naturalistischen Impressionen. Visuell gestaltet sich der stille, intensive Film wie ein sinnliches Gemälde. Im Dauer-Blick. In immer neuen Arrangements. Die eine unbändig sanfte wie kraftvolle und wunderbar sinnliche Energie ausstrahlen. Das dann gemeinsame Zusammentun der Frauen, an dem, an einem „wahren Bild“ zu arbeiten, zählt gewiss zu den erotischsten Verführungskünsten, die das Gefühlskino seit langem ausdrückt. Wie überhaupt die intimen Szenen eine listige Radikalität besitzen, die ihresgleichen suchen. Mit zwei fantastischen „Verführerinnen“.

Der Film ist angenehm radikal. Besitzt einen überragenden Sog. Zieht einen in den Bann. Ist zum Ein- und Abtauchen geeignet. Ist begeisternd in seiner formidablen aufwallenden Un-Ruhe. Von ganz wenig Musik begleitet. Neben dem Klassiker „Vivaldi“ verblüfft ein Kanon bretonischer Fischersfrauen, der eine unvergesslich-beeindruckende Aura beinhaltet. Virtuos vermittelt. Diese Anziehungskraft verzaubert bis zum „klärenden“ Schlußmotiv, in einer Oper.

Beim Frühjahrs-Festival in Cannes war die Begeisterung groß; Regisseurin Céline Sciamma erhielt die Auszeichnung für das „Beste Drehbuch“. Ihr Film bedeutet derzeit die empfunden schönste filmische Herbst-Sinnlichkeit im reifen (besseren) Kino (= 4 1/2 PÖNIs).

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