Nachtlärm Kritik

NACHTLÄRM“ von Christoph Schaub (Schweiz/D 2011; B: Martin Suter; 94 Minuten; Start D: 23.08.2012); was ist das denn für eine schwarz-witzige schöne Film-Überraschung??? Gut, das Drehbuch stammt vom renommierten Schweizer Autoren MARTIN SUTER, dessen gesellschaftskritische Spannungsromane – wie „Small World“, „Ein perfekter Freund“ oder „Lila, Lila“ – Bestseller waren. Und verfilmt wurden. Und der heuer mit zum „besten Kulturgut“ der Schweiz überhaupt zählt. Der 64jährige Züricher „bedient“ hier den 54jährigen Züricher Regisseur Christoph Schaub bereits zum zweiten Mal mit einem gescheiten Drehbuch: 2009 waren beide an der Lebenskomödie „Giulias Verschwinden“ (mit Corinna Harfouch + Bruno Ganz) beteiligt (s.KRITIK).

Babys sind niedlich. Meistens jedenfalls. TIM ist acht Monate alt und wäre gewiss ein „ganz Süßer“, wenn er nicht (schon) eine Dauermacke hätte: Er schreit. Immer und fortwährend. Jede Nacht. Was seine Eltern Livia & Marco natürlich irgendwann zunervt. Es gibt für sie nur eine einzige Möglichkeit, den kleinen Boy zur schlafenden Ruhe zu bringen – schnelles Autofahren. 130 ist seine „Schlafgeschwindigkeit“. Also düsen die Beiden ermüdet durch die Nacht, damit Tim endlich Ruhe gibt. Und einschläft. Die Pinkelpause an der Raststätte wird zum Alptraum. Mit fatalen Folgen. Denn als auch Marco kurz mal den „laufenden“ Wagen verlässt, um Zigaretten zu holen, wird das Auto geklaut. Von einem mehr oder weniger kriminellen Pärchen. Jetzt wird’s absurd. Denn Livia & Marco klauen ihrerseits einen „startklaren“ Mercedes, den ein humpelnder Typ von wegen Toilettengang schnell wie „so“ verlassen hat. Um „ihr Auto“ zu verfolgen und den Kleinen „zu befreien“. Was sich fortan aber als „schwieriger“ erweist als gedacht. Denn Claire und Jorge haben natürlich irgendwann das aufgewachte Baby entdeckt und sind nun ihrerseits überrumpelt. Ratlos. Fahren aber erstmal weiter. Inzwischen ist auch der humpelnde „Herr“ von der Raststätten-Toilette zurück und – baff. Will seinen Wagen zurück und „benutzt“ nun seinerseits das nunmehr herrenlose (auch geklaute) Motorrad von Jorge & Claire, um die Verfolgung aufzunehmen. Schließlich befindet sich in seinem Mercedes viel Geld und eine Pistole.

Wen haben wir also hier zusammenfassend: Die schon vor der Baby-Entführung zerstrittenen neurotischen Eltern (mit teilweise Loriot-Charme); dann ein halbkriminelles Pärchen, ER als teilweise cholerischer Loddel, SIE mit emotionaler Locker-Puste; plus einem anonymen Motorrad-Gangster-Verfolger mit offensichtlichen wie permanenten Magen-/Darmproblemen. Dazu taucht auch noch kurz ein dicklicher LKW-Fahrer als potenzieller Vergewaltiger auf. Also: ALLE haben hier offensichtlich bzw. mehr oder weniger einen „an der Waffel“. Bis auf Tim natürlich. Die kleine Schrei-Unschuld. Der in dieser Nacht durch einige Arme „muss“. Von wegen mehrfachem Positionswechsel. Der Beteiligten.

Manchmal gibt sich „Nachtlärm“ leicht verbiestert, meistens aber wirkt er schwarzkomisch chillig. Durchtrieben. Jenseits von Logik. Aber irgendwie plausibel. Situationskomisch. Auch wenn’s schon mal was auf die Gusche (blutig) und zwischen „die männlichen Trüffel“ (schmerzhaft) gibt. Während die Darsteller bei dieser Groteske zu schöner Frechheit auflaufen: ALEXANDRA MARIA LARA („Der Untergang“) grinst sich endlich mal nicht rehäugig durchs Gelände („Wo ist Fred?“), sondern mimt „mit Schmackes“ die vergrätzte, stinkige Baby-Mutter, „Marco“ SEBASTIAN BLOMBERG weint tapfer mit; während als eigentlicher Charakter-Reiz das Tandem CAROL SCHULER & GEORG FRIEDRICH als Claire & Jorge rüde-spannend wie dicht abrotzt. Je länger man “von denen“ eingebunden ist, „hängt“ man hier gut mit-drin, an denen gerne dran: Was für eine packende Performance dieser Talente-pur. Sie machen aus einem kleinen, überschaubaren Road Movie einen schmucken schmutzigen Outlaw-Neon-Spaß (= 3 ½ PÖNIs).