ON THE ROAD – UNTERWEGS

ON THE ROAD – UNTERWEGS“ von Walter Salles (Fr/Brasilien/GB/USA 2011; B: Jose Rivera, nach dem Roman von Jack Kerouac, K: Eric Gautier; 140 Minuten; Start D: 04.10.2012); ich weiß natürlich von dem Roman, habe ihn aber nie ganz gelesen. JACK KEROUAC (12.3.1922-21.10.1969) schrieb ihn, nach mehrfachen Ansätzen, als berühmtes Rollen-Manuskript in drei Wochen im April 1951. Sein Buch aber wird erst 1957 publiziert. Der Rest ist Kult: „On the Road“ gilt als eine der literarischen Bibel-Wurzeln der Beat-Generation, und der Autor als einer der wichtigsten Vertreter dieser Fieber-Süchtigen: „Denn die einzigen Menschen sind für mich die Verrückten, die verrückt sind aufs Leben, verrückt aufs Reden, verrückt auf Erlösung, voller Gier auf alles zugleich, die Leute, die niemals gähnen oder alltägliche Dinge sagen, sondern brennen, brennen, brennen…“.

Unangepasste wie der junge New Yorker Sal Paradise (SAM RILEY), der besessen ist von der Schriftstellerei, diese aber vorerst nicht „zustande bringt“, weil er sie erst noch „erleben“ muss, bevor er sie zu formulieren versteht. Und wie sein Kumpel Dean Moriarty (GARRETT HEDLUND), einem charismatischen, wilden Brenner. Dem es nur darum geht, möglichst schnell möglichst viel Lebens-Rausch zu inhalieren. Deshalb ist im Amerika der späten Vierziger Bewegung angesagt. Heiße, dampfende Dauerbewegung. Die den stürmischen Jazz jener Zeit in den explodierenden, unkontrollierten Lebens-Rhythmus übersetzt: Drogen, noch mehr Drogen, Suff, viel Suff, und vor allem aber Sex. Immer und ewigen Sex. Ohne Verpflichtung, mit dieser gigantischen Wut-Lust. Es muss dröhnen. Die Lebenssäfte haben Dauerfreigang. Nichts darf uns an- oder aufhalten. Das Dasein als permanente Erfindungs-/ Empfindungsorgie. Also starten sie los. Sal und Dean. Mal miteinander, mal auseinander. Mal mit Clique, mal mit Personal, mal mit „Anhängsel“. Es will, es soll, es muss. Am liebsten immer. Alles. Gleichzeitig. Unaufhörlich. Zuquatschen, zudröhnen, zupacken.

Es ist die Epoche der Jack Kerouac, Neal Cassady, William S. Burroughs, Allen Ginsberg. Denen ein Hunter S. Thompson („The Rum Diary“; „Fear and Loathing in Las Vegas“) folgen soll. Die Probierer. Die Grenzen-Sprenger. Die Bewusstseins-Veränderer. Die Selbst-Zerstörer. Die sich genussvoll zu Grunde richten. Denn irgendwann ist Körper Fleisch. Simples verletzbares, verletztes Fleisch. Das Schmerzen austeilt. Wunden zeigt. Narben „veröffentlicht“. Mentale wie finale Hinweise gibt. Auf Endlichkeit. Was dann? Wie dann weitermachen? SO? Wie bisher? Wenn zum Beispiel Kinder „auftauchen“? „Familie“, Zuhause-Bleiben (Müssen) angesagt wäre? Ist? Wann ist eigentlich WIE End-Station? Bei solchen verantwortungslosen Temperaturen?

Ein Road-Movie. Vom Regisseur der Meisterwerke „Central Station“ („Goldener Berlinale-Bär“ 1998) und „Die Reise des jungen Che“ (2004). Als historische, gedankliche Inspiration. Interpretation. Über Möglichkeiten von eigenem Tun. Denken. Wirbeln. Über Existenz. Über Existenzen. Ab 1947. Die kreuz und quer durchs Land jagen. New York, San Franzisco, Denver, Louisiana. Mexiko. Unübersichtliche Situationen. Sich verlierende Figuren (wie die köstlich „schmutzige“, dauerunanständige KRISTEN STEWART als freizügige Kind-Frau Marylou; oder wie ihre Konkurrentin KIRSTEN DUNST als genervte Zweitehefrau Camille des immer faszinierend unzuverlässigen Dean). Bei diesem Film kann man nicht mit den Augen parken. Hier flippen die Sinne hin und her. Entweder man lässt sich „auf so etwas“ ein oder man gibt schnell (gelangweilt) auf. Ich habe mich hier „wohlgefühlt“. Angesichts der herrschenden gesellschaftlichen Uniformität. Des zivilen 21.Jahrhunderts. Der politischen Überall-Korrekheit. „On the Road“ spielt mit Ideen, Energien, Lebensstrategien, Aussetzern, Außenseitern, die heute weitgehend wie längst verloren sind. Was es zu bedauern gilt. Aus meiner Sicht. Heute würden die Sal und Dean gesellschaftlich gecoacht und gerade gebogen werden. Um entweder im gierigen Geld-System mitzuschwimmen oder als Aktenfälle beim Sozialamt zu landen. Etwas fiebrig-jazziges „Dazwischen“ gibt es nicht (mehr). Höchstens noch was mit „Chillen“, dem neuen Modebegriff für leise Unanständigkeit. Stimmungsvolle angepasste Faulheit. Ansonsten ist heute „funktionieren“ annonciert. Und wehe wenn nicht….. Ein Charles Bukowski fällt mir noch ein.

Dieser Film belebt auf vortreffliche Unruhe-Weise die glatten Gedanken und die fade Ideen-Palette im Kino von 2012. Rüttelt vortrefflich am täglich Eingemachten. Verweist auf eine (einst gelebte) rebellische Gegenkultur. Besitzt radikalen Charme. Für mich ist das VIEL angesichts der vielen platten wie unoriginellen Konventionen im Lichtspiel des wöchentlichen Mainstream. Komisch, oder vielleicht auch nicht, aber an dieser Schreibstelle kommt mir die exzellente Broschüre „Empört Euch!“ von Stéphane Hessel in den Sinn. Quatsch. Oder? (= 3 ½ PÖNIs).