GET THE GRINGO

PÖNIs:     (3/5)

Ist der Ruf erst ramponiert, lebt sich’s weiter ungeniert. Und SEIN RUF ist vielleicht so etwas von …“daneben“…, dabei befand sich der heute 57-jährige über viele Jahre und Jahrzehnte auf einer gigantischen Erfolgsspur. Als Schauspieler, Regisseur, Produzent wie auch – beruflich wie privat – als politischer Aktivist beziehungsweise katholischer Fundamentalist. Die Rede ist von MEL GIBSON, geboren am 3. Januar 1956 in Peekskill, New York, der ab 1968 in Australien aufwuchs, um dann 1979 über den ersten (australischen) „Mad Max“-Film zur internationalen Bekanntheit aufzusteigen und für Hollywood „interessant“ zu werden. Wo ihn dann die „Lethal Weapon“-Filme zum Superstar im Action- wie dann auch im Komödien-Genre („Was Frauen wollen“) aufsteigen ließen.

1995 war Mel Gibson Regisseur, Produzent und Hauptdarsteller des historischen britisch-schottischen Schlachtgemäldes „Braveheart“, das zehn „Oscar“-Nominierungen erhielt und in fünf Kategorien, darunter „Bester Film“ und „Beste Regie“, die begehrte Trophäe bekam. 2004 und 2006 inszenierte er als Regisseur die exzessiv gewalttätigen Filme „Die Passion Christi“ und „Apocalypto“. Alkoholprobleme, verbale rassistische Ausraster, private rabiate „Aussetzer“ sorgten seit den 90er Jahren immer wieder für negative Schlagzeilen. Mit antisemitischen Tiraden gegenüber Polizisten brachte Mel Gibson schließlich 2006 die Öffentlichkeit dermaßen gegen sich auf, dass die Hollywood-Karriere quasi zum Erliegen kam. Filme wie „Auftrag Rache“ (2010; s. Kino-KRITIK) und „Der Biber“ (2011/Regie und Hauptakteurin: Jodie Foster; s. Kino-KRITIK) blieben weit hinter den Erwartungen an den Kinokassen zurück. Ein „neuer“ Film aus dem Jahr 2010, für den er am Drehbuch mitgeschrieben und den er mit produziert hat und in dem er auch die Hauptrolle spielt, ist bei uns jetzt im Heimkino herausgekommen – und besitzt definitive Klasse-Kinoqualität:

„GET THE GRINGO“ von Adrian Grunberg (Co-B + R; USA 2010; Co-B: Mel Gibson, Stacy Perskie; K: Benoit Debie; M: Antonio Pinto; 96 Minuten; Heimkino-Veröffentlichung: 11.07.2013).

Gibson spielt einen namenlosen Sauerkerl. Gangster. Deshalb nennt man ihn auch El Gringo. Im mexikanischen Knast. Gringo hat gerade in den Staaten einen komfortablen Coup gelandet. Die Zwei-Millionen-Dollar-Beute befindet sich auf dem Rücksitz. Doch die US-Grenzpolizei ist nahe an ihm dran. Also bricht er durch. Die Mauer-Grenze. Um in „El Pueblito“ zu landen. Einem „speziellen“ Gefängnis. Ohne Gitterstäbe. Dafür mit Familienanschluss. Wie in einem überschaubaren Dorf lebt man hier. Zusammen. Von Mauern eingekreist, von korrupten Wärtern argwöhnisch beäugt. Von aggressiven Chefs profitabel geführt. Der Kulturschock: ein staatliches Gefängnis als verkommene Mafia-Hochburg. Mit Puff- und Suff-Geschmack. Von der – gut mitverdienenden – Politik offiziell abgesegnet. In dem einige das alleinige Sagen haben. Wer, wie, wo, was machen kann, soll, darf. Muss.

Gesetzliche Regeln haben hier keinen Bestand. Man kann hier sogar „ganz gut“ auskommen und sich auch „amüsieren“, wenn man „mitspielt“. Mit den „Herrschern“. Mit ihnen kooperiert. Und ihnen zum Beispiel sagt, wo denn die geklaute viele Kohle sich befindet. Die El Gringo „angeschafft“ hat. Und hinter der nicht nur örtliche, sondern auch Interessenten „von draußen“ her sind. Von der US-Botschaft. Und weitere dunkle „Amtsgestalten“. Doch natürlich wird Gringo unterschätzt. Zieht, nachdem er sich einen Überblick verschafft hat, sein Ding ab und durch. Gemeinsam mit einem 10-jährigen Boy. Mit DEM er sich angefreundet hat. Und der schon „erheblich“ erwachsener als normalerweise ist. Und DEN der Chef der Mafia-Family „besonders“ (be-)schützt. Weil er dessen Leber bald benötigen wird. Von wegen notwendige, also „praktikable Überlebenstransplantation“. Die ungleichen Verbündeten: der Gringo und der Knabe. Und dessen Mutter. Sie ergänzen sich obszön. Müssen sie aber auch, denn sie werden von „tüchtigen“ Gegnern erbarmungslos drangsaliert.

Das wirklich Überraschende an diesem außergewöhnlichen Spannungsstreifen sind a) der ungewöhnlich „pikante“, weil systemimmanente amtliche Einsperrort hier, an und in dem diese Thriller-Show angesiedelt ist und b) der maßlose schwarze Humor-Blick und -Ton, der diese dreckige Performance über den lakonischen Begleitkommentar von El Gringo cool rocken lässt. Atmosphärischer Schmutz allerorten, faszinierend schamlos, politisch urig dauer-unkorrekt wie cholerisch brutal. Action-Dampf als lustiges List-Gefühl. Mit einem in die Jahre gekommenen, aber vor der Kamera immer noch ziemlich beweglichen, charismatisch-präsenten Kaputtbrocken Mel Gibson (wieder mit seiner bekannt-profiliken deutschen Stimme von ELMAR WEPPER). Der mit seinem durchweg rollen-verkommenen Alterscharme hier diese unterhaltsam-freche Anarcho-Chose in groben Schwung hält. Schelmisch-krumm wie schlitzohrig turbulent.

Co-Drehbuch-Autor und Debüt-Regisseur ADRIAN GRUNBERG hatte Gibson einst als Erster Regie-Assistent bei „Apopcalypto“ begleitet. Der brillante französische Kamera-Experte BENOIT DEBIE („Enter the Void“; „Irreversibel“, beide von Gaspar Noé) verschaffte ihm bei aller räumlichen Enge beeindruckende Farb- und Bewegungsluft-Motive. Marke erdiges Action-Kino aus besseren Kino-Tagen. Mit fernen Erinnerungen an Spielleiter wie Sam Peckinpah („Getaway“) oder sympathischen Ironie-Outlaws wie Charles Bronson („Das Gesetz bin ich“). Die solch handgemachten Rabatz liebten.

Ein guter, kurzweiliger Unterhalter ist dieses prächtige Schmutzding von exzellentem Schundkintopp (= 3 PÖNIs).

Anbieter: „Concorde Home Entertainment“.

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