Exit Marrakech Kritik

EXIT MARRAKECH“ von Caroline Link (B + R; D/Fr 2012; K: Bella Halben; M: Niki Reiser; 122 Minuten; Start D: 24.10.2013); SIE zählt zu den unauffälligen GROßEN Filmemachern bei uns. Zeigt jetzt ihren erst 6. Kinofilm vor und hat doch „Gewichtiges“ (wieder) geleistet: Die am 2. Juni 1964 in Bad Nauheim geborene CAROLINE LINK ist für spannende Seelenfilme gut. Mit „Jenseits der Stille“ startete sie 1996, heimste gleich zahlreiche Preise ein („Deutscher Filmpreis“), erhielt schließlich sogar eine „Oscar“-Nominierung. Ihre Adaption des Erich Kästner-Klassikers „Pünktchen und Anton“ sorgte 1999 für mächtigen Kino-Spaß. Ihr dritter Kinofilm – „NIRGENDWO IN AFRIKA“, nach dem autobiographischen Roman von Stefanie Zweig, erreichte den „Olymp“, wurde 2003 mit dem Auslands-„Oscar“ belobigt (s. Kino-KRITIK). 2008 folgte das Familien-Drama „Im Winter ein Jahr“.

Nun also wieder – Afrika. Diesmal aber heute. Marokko. Als örtlicher Mittelpunkt einer zerrissenen Familie. Sie heißen Heinrich, Lea und Ben. Heinrich und Lea haben vor langer Zeit geheiratet und Ben gezeugt. Danach haben sie sich irgendwann scheiden lassen. Heinrich (ULRICH TUKUR) hat sich als Bühnenregisseur „namhaft“ etabliert; Lea (MARIE-LOU SALLEM) hat den Jungen allein aufgezogen und ist als Konzertmusikerin unterwegs; Ben (SAMUEL SCHNEIDER) ist jetzt 17 und wird von seinem Internatsleiter Dr. Breuer (Josef Bierbichler) aufgefordert, nun mal ins Leben „zu treten“. „Erleb’ mal was“, gibt er dem talentierten Schreiber von Kurzgeschichten mit auf dem Ferienweg. Vater Heinrich hat ihn zu sich eingeladen. „Zu sich“ bedeutet – nach Marrakech. Wo er gerade dabei ist, vor imponierender Arena-Kulisse Lessings „Emilia Galotti“ zu inszenieren. Natürlich sind sie sich fremd, der mächtige intellektuelle Vater mit etwas Einsehen („Eigentlich habe ich dich komplett verpasst“) und der sensible, verunsicherte Sohn, der zuckerkrank ist, sich regelmäßig Insulin spritzen muss und sich auch jetzt von seinem „unbekannten Erzeuger“ unbeachtet fühlt. Denn DER hält sich lieber zwischen Theater und Hotelpool auf, während seine „Bemühungen“ um seinen Sohn eher „mau“ sind. Etwa gemeinsam die exotische Region zu erkunden, kommt ihm gar nicht in den Sinn. Klar, das stressige Theater-Leben, die ewige Zeit- oder Nicht-Zeitfrage. Die Wertigkeiten hat Heinrich klar gesetzt. Für sich. Also übernimmt Ben dessen selbstgefällige Anregung (aus einem Paul Bowles-Roman) – „Manchmal ist die Fantasie spannender als die Realität“ – und zieht alleine los. Beginnt Marrakech „einzuatmen“. Lernt die junge Karima (HAFSIA HERZI) kennen, folgt ihr. Bis in ihr abgelegenes Dorf, wo ihre Familie lebt. Vater Heinrich ist aufgebracht. Beginnt seinen Sohn zu suchen. Und wird sich dabei erstmals ihm „stellen“. Müssen. Das Abenteuer Leben. Als nunmehr anregendes, starkes Erlebnis.

Ein Film der Gefühle. Zwischenmenschlich wie landschaftlich. Was bedeutet es, Vater und Sohn zu sein? Hat DAS überhaupt eine Bedeutung, wenn der Senior „in der Welt“ unterwegs ist und sich bisher kaum für seinen Nachwuchs interessiert hat? Nie für DEN DA war? Und jetzt ein bisschen „Wiedergutmachung“ betreiben möchte? Ohne seinen Sohn näher kennenlernen zu wollen? Eigentlich? Die Enge der Stadt. Mit den vielen Menschen. Marrakech. Die pittoresken Gassen der Altstadt. Die faszinierende kulturelle Fremdheit. Die Geräusche, der (musikalische) Rhythmus hier, die Farben und fremden Gerüche des Landes. Und „Draußen“: Seine überwältigende (Wüsten-)Natur. „Exit Marrakech“ ist ein Krimi der Seelen. Ohne herkömmlichen Thrill, dafür mit unendlich viel interessanter Neugier, forschen Beobachtungen, spannenden Bewegungen. Sagenhaft gut gespielt: ULRICH TUKUR als „Arschloch-Vater“, wie ihn sein Sohn bezeichnet, lässt diesen imgrunde wackligen, traurigen Alten enorm spüren. Sein Heinrich identifiziert sich über seinen Beruf, seine Reisen, seine ständige Unruhe. Das Ich geschickt versteckend. Außen-Erfolg als Sinn. Punkt. Lieber eine schlaue Lektüre „reinziehen“ als sich mit Ben auseinanderzusetzen. Ulrich Tukur mit lakonischem Stresston. SAMUEL SCHNEIDER hält phantastisch dagegen. Wir haben diesen Bengel 2009 in dem Film „Boxhagener Platz“ von Matti Geschonneck kennen- und mögen- gelernt, hier ist er erwachsen. Sein Ben trifft körpersprachlich präzise genau Seelentupfer, Zwischentöne, Emotionen. Da „drängt“ Einer ins Leben. Auf sich allein gestellt. Im sprudelnden Marokko. Legt die „europäische Vorsicht“ ab, lässt sich auf Gegenwart und Risiken ein. Ist dabei kein Held, sondern tritt lebensecht, also nachvollziehbar, spannend-„normal“ auf. Unbändig neugierig. Was für ein wunderbares Talent: Samuel Schneider, 17, der einem gestandenen „Heinrich“ – Ulrich Tukur prächtig Paroli bietet.

Diese beiden Darsteller sind es, die diesen neuen Film von Caroline Link zu etwas Emotional-Besonderem packend werden lassen: Bravo (= 4 PÖNIs).