EIN KIND ZUR ZEIT

„EIN KIND ZUR ZEIT“ von Julian Farino (GB 2017; B: Stephen Butchard; nach dem Roman „The Child In Time“ von Ian McEwan/1987; Co-Produzent: Benedict Cumberatch; K: David Odd; M: Adrian Johnston; 90 Minuten; deutscher Heimkino-Start: 22.11.2018); wie angenehm, wie wunderbar, wie berührend – kein konventioneller Film; was für eine Aufrichtigkeit der Geschichte; keine Studie über Trauer; und schon gar kein Polizei-Film. Vielmehr eine überaus gelungene filmische Adaption eines unter die Haut gehenden Drama-Romans, in dem es darum geht, tief in das Bewusstsein und in menschliche Vorstellungskraft einzudringen. Sowie: Schmerz durch Liebe zu ersetzen. „Subtil feinfühlig“, teilt Hauptdarsteller Benedict Cumberbatch im „Making-of“ seine Begeisterung für diesen Stoff mit. Der auf einem Roman des britischen Schriftstellers IAN McEWAN, heute 71, aus dem Jahr 1987 basiert, von dem Literatur-Kritiker sagen, dass es sich um eines seiner besten Bücher handelt. Anzufügen ist, dass er mit seinem persönlichen Leben verbunden ist, denn während des Schreibens erlebte Ian McEwan die Geburt seines ersten Kindes. Im Übrigen hat sich das Kino des Öfteren an den Romanen des Briten angenehm „bereichert“, siehe „Abbitte“ (2007); „Kindeswohl“ (2017) oder kürzlich „Am Strand“ (2017).

Und ER war es, der mich auf diesen BBC-Fernsehfilm aufmerksam bzw. neugierig gemacht hat. Denn für mich ist BENEDICT CUMBERBATCH, am 19. Juli 1976 in London geboren, derzeit einer der besten Schauspieler überhaupt. Kennengelernt habe ich ihn – mit voller Begeisterung – als Sherlock Holmes in der prächtigen britischen TV-Serie „Sherlock“ (seit 2010, und – innigster Wunsch – hoffentlich noch nicht zu Ende), dann im Kino natürlich auch über Marvel-Movies wie „Doctor Strange“ (2016) und „Avengers: Infinity War“ (2018). In der Filmbiografie über Alan Turing, Titel: „The Imitation Game – Ein streng geheimes Leben“ (2014/s. Kino-KRITIK) spielte er die überragende Hauptrolle und wurde für den „Oscar“ nominiert.

Stephen Lewis (BENEDICT CUMBERBATCH) ist nach eigenen Angaben ein eher zufälliger Autor von – erfolgreichen – Kinderbüchern. Gemeinsam mit Ehefrau Julie (KELLY MACDONALD) und der dreijährigen Tochter Kate bevorzugt man ein eher „beschauliches“ Zusammenleben. Das sich an einem Samstag-Mittag von jetzt auf gleich bei einem Einkauf im Supermarkt verändern soll. Während Stephen kurz an der Kasse abgelenkt ist, „verliert“ er – verschwindet – seine kleine Tochter. In der Folge wird NICHT von den vielen Aktivitäten der Polizei und seitens der Eheleute erzählt, sondern wir blicken auf die Geschehnisse später-„danach“. Wenn alles Menschenmögliche bereits getan wurde, um Kate wiederzufinden, aber alles nichts brachte. Die Ehe immer mehr zersplittert ist und für Stephen der einzige Sinn darin besteht, sich in einem Ausschuss für Kinderbetreuung zu engagieren. Aber auch in seiner unmittelbaren privaten Umgebung verändern sich „die Dinge“: sein bester Freund und Verleger Charles (STEPHEN CAMPBELL MOORE) verlässt mit seiner Ehefrau Thelma (SASKIA REEVES) die Großstadt, um auf dem Land die Suche nach seiner verlorenen Kindheit aufzunehmen. Als Stephen ihn eines Tages besucht, scheint Charles nicht mehr bei Sinnen zu sein. Stephen ist empört wie entsetzt. Wie viele empfindsame „Nackenschläge“ denn noch?

Reinfallen lassen. Den Film wirken zu lassen beziehungsweise: „mitzulesen“. Die inhaltliche Zeit als fließend hinzunehmen, als unstrukturiert zu akzeptieren, anzunehmen, in der – während eines Lebens – „unordentliche“, extrem schmerzhafte Wandlungen passieren. Das Grausame zu verarbeiten. Lebens-Scherben und die Frage(n) nach einem Sinn. Und: Können Scherben auch einmal wieder gekittet werden? Trotz dieses fürchterlichen Verlustes, der immer anwesend sein wird? Die Möglichkeit eines unverhofften Neu-Anfangs steht im Raum; in der Beziehung zwischen Stephen Lewis und Ehefrau Julie.

Ein menschliches Drama mit vorzüglichen Interpreten. Nicht weinerlich-tragend, sondern sich auf den wendigen Stoff und diese monumentalen sensiblen großartigen Schauspielern an der Rampe verlassend. Wir sind stets mit ihnen mit-unterwegs. Bei allen ihren Bewegungen. Vor allem bei den schmerzhaften. Denn anders als im „normalen Kino“ müssen wir akzeptieren, dass es hier keine GerechtigkeitsLÖSUNG geben kann. Und dennoch…

„EIN KIND ZUR ZEIT“ ist ein magisch-spiritueller, menschlich glaubhafter, schwingender Film und das Erlebnis, wieder einmal auf einen hervorragenden Benedict Cumberbatch zu stoßen (= 4 PÖNIs).