DER LEUCHTTURM

PÖNIs: (4,5/5)

„DER LEUCHTTURM“ von Robert Eggers (Co-B + R; USA 2018; Co-B: Max Eggers; K: Jarin Blaschke; M: Mark Korven; Schwarz-Weiss; 109 Minuten; deutscher Kino-Start: 28.11.2019); die Film-Welt hat wieder einen gigantischen Exoten. Als fantastischen Filmemacher. Sein Name besitzt jetzt Gewicht: ROBERT EGGERS. Jahrgang 1983, aus Lee in New Hampshire stammend. Der seine Karriere am Theater in New York City startete, wo er experimentelle Theaterstücke inszenierte und auch das Szenenbild verantwortete. Ab 2007 schuf er Kurzfilme („Hansel and Gretel“), 2014 entstand – unter äußerst prekären Finanzierungsbedingungen – sein erster Spielfilm, das Horror-Werk „The Witch“ (s. Kino-KRITIK), der dann im Januar 2015 beim renommierten „Sundance Festival“ entdeckt wurde, die Kritik begeisterte und für den Robert Eggers den Preis als „Bester Regisseur“ zugesprochen bekam. Danach feierte er mit seinem Debütfilm Triumphe auf internationalen Festivals. Und: Der einst für ein Budget von rund 4 Millionen Dollar hergestellte Streifen erreichte weltweit eine Insgesamt-Einnahme von rund 40 Millionen Dollar. Was in den USA bedeutet, dass Du – bei diesem Profit – nicht nur natürlich einen weiteren Film drehen darfst, sondern im Grunde auch machen kannst, was Du willst.

Der zweite cineastische Streich von ROBERT EGGERS heißt im Original „The Lighthouse“ und erhielt den deutschen Kinotitel „DER LEUCHTTURM“.  Er lief im Mai 2019 beim Filmfestival von Cannes in der „Forums“-Reihe „Quinzaine des Réalisateurs“ und danach auf weiteren internationalen Festivals (Toronto, Leipzig, Deauville, London). Zum „regulären“ Kino-Start entdecken wir eine kinematographische Bombe. Schubladen: David Lynch-Düsternis; Stanley Kubrick-Radikalität; Herman Melville-Literatur-Kitzel. Der Film wurde in Schwarz-Weiß sowie in einem altmodischen 1,19:1-Seitenverhältnis gedreht, wodurch praktisch eine „quadratische Leinwand“ entsteht, die an die Anfänge des Tonfilms erinnert. Was zunächst eine gewisse Wunderlichkeit erreicht, die dann in Akzeptanz umschlägt, weil es die erwünschte klaustrophobische Dichte und Enge einbindet. Ausdrückt. Während die Musikalität – Komponist: MARK KORVEN, der auch schon die „angespannten“ Klänge für „The Witch“ verfasste – an die Anfänge eines John Carpenters („Assault – Anschlag bei Nacht“) erinnern lässt, mit diesen wummernden, „aufscheuchenden“ Dynamit-Klängen.

Ausgehendes 19. Jahrhundert. An der Küste Neuenglands. Auf einer einsamen Insel. Ephraim Winslow (ROBERT PATTINSON) setzt hier über. Er hat sich für vier Wochen als Assistent des Leuchtturmwärters Thomas Wake (WILLEM DAFOE) verpflichtet. Sofortige gegenseitige Abneigung. Zumal Wake den Neuen die Hilfstätigkeiten, die Schmutz-/Drecksarbeit verrichten lässt. „Das Feuer gehört nur mir“, belehrt ihn der knarzige Wake. Von dessen „Benotung“ später der Verdienst abhängt. Also ordnet er sich den schweißtreibenden, stinkigen Schikanen unter. Wenn er die Scheißtöppe an der Klippe auskippt.

Diese Geräusche. Das Nebelhorn brüllt alle paar Minuten. Die See-draußen braust wild und mächtig und lässt eine „Gemütlichkeit“ erst gar nicht aufkommen. Das gierige Kreischen der Möwen. Man „arrangiert“ sich. Wenn man Tag für Tag in solch einem Deprium haust. Hausen muss. Sich im Grunde zwar anödet. Irgendwie permanent „belauert“. Notgedrungen wird geredet. Beim Essen sowie, zunehmend, beim vielen Trinken. Wake mit seinem Seemannsgarn, „der schmale Riese“ Winslow polarisiert mit seiner Stoigkeit. Die Kamera dringt dabei immer porentiefer an sie heran, in sie hinein. Lässt ahnen wie „Wahnsinn“ entsteht. An diesem wahnsinnigen Ort. Wo Winslow von einer Meerjungfrau „schwärmt“. Und dann DEN FEHLER begeht, den man an einem solch überladenen, von Aberglauben und Mythen geprägten Ort überhaupt begehen kann. Er tötet eine „aufdringliche“ Möwe. Dabei heißt es doch auf dem Hinweisschild ganz deutlich: „Seevögel zu töten bringt Pech“. Die Folgen sind verheerend: Der Sturm wird stärker. Extrem ungemütlicher. So dass hierher vorläufig kein Boot zur Rückkehr an Land kommen kann. Gut, da ist ja noch die Kiste mit Vorrat. Gebunkert. Doch in der befindet sich nur Schnaps. Die Hemmungen fallen. Die überstrapazierten Sinne. Die explodierenden Nerven. Die letzte Runde dieser untrauten Zweisamkeit ist eingeläutet. Laut. Krachend. Wütend. Aufbrausend. Und viel: eben wahnsinnig.

„Der Leuchtturm“ schlägt zu. Visuell. Wie darstellerisch. Wie atmosphärisch. Diese intensive Optik ist gigantisch. Lässt nicht zu – wegzublicken. Inmitten dieser surrealen Wucht-Dimensionen stehen sich zwei schaurige Klasse-Duellanten gegenüber: WILLEM DAFOE, neulich erst als „gestörter“ Van Gogh triumphierend („Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit“), poltert und diktiert als tyrannisches „Oberhaupt“ mit brachialem Dunkel-Humor das horroreske Geschehen. Ein Ereignis. Ebenso wie Partner ROBERT PATTINSON, der mit seinem furchterregenden „Not“-Gesicht, mit diesem wuseligen Oberlippenbart und dem ausgemergelten Körper eine tour-de-force-Performance abliefert, die mit brillant noch untertrieben formuliert ist. Nichts, aber auch gar nichts deutet darauf hin, dass wir es hier mit dem einst so galanten Edward Cullen-Vampir aus den „Twilight-Saga (Bis(s) zum Morgengrauen“)-Filmen zu tun haben. Der Teenie-Star von einst, der demnächst in „The Batman“ die Titelrolle übernehmen wird, hat sich zu einem erstklassigen Charakter-Schauspieler entwickelt, dem zu begegnen außerordentlich tief-spannend fasziniert. Wie hier. Bei einem Film, dessen Kult-Geruch bereits ansetzt (= 4 1/2 PÖNIs).

P.S.: Habe das kühne hypnotische Meisterstück im Original erlebt. Genossen. Glaube, dass es „so“ am intensivsten ist. Diese Sprach-„Geräusche“ adäquat einzudeutschen, erscheint mir beinahe unmöglich…

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