THE WITCH

Kunstfaktor:

PÖNIs:      (4/5)

Entertainment: 

PÖNIs:     (3/5)

„THE WITCH“ von Robert Eggers (B + R; USA/GB/Kanada 2014; K: Jarin Blaschke; M: Mark Korven; 92 Minuten; deutscher Kino-Start: 19.05.2016).

Gastkritik von Caroline „Carrie“ Steinkrug

Bevor der Debütspielfilm des 1983 in Lee, New Hampshire geborenen Robert Eggers offiziell in die Lichtspielhäuser kam, erlebte die „kleine Hexe“ eine feine Festival-Rundreise. Diese startete bereits am 23. Januar 2015 mit der Premiere auf dem berühmten „Sundance Film Festival“, d e r Veranstaltung für unabhängige internationale Produktionen. Und – nebenbei – mit dem besten Riecher für Newcomer und Geheimtipps. Ein Jahr später entdeckte dann ebenfalls das deutsche „Fantasy Filmfest“ THE WITCH für sich. Zahlreiche Auszeichnungen (u.a. der Directing Award: U.S. Dramatic/Sundance 2015 für den Spielleiter) schmückten fortan den Siegeszug dieses Horror-Mystery-Zwitters, der so schon im Veröffentlichungsvorfeld mit hohen Erwartungen zurechtkommen musste. Die Spannung auf diese Arbeit, fernab des Mainstreams, wuchs gleichsam mit den positiven Kritiken aus Übersee.

Spannender als der Film selbst sind aber wohl die Herangehensweise sowie dessen Herstellung. Bereits der Original-Titel mit der ungewöhnlichen Schreibweise THE VVITCH: A NEW-ENGLAND FOLKTALE („Die Hexe: ein Volksmärchen aus Neu-England“), in dem das Wort „Witch“ mit zwei aufeinanderfolgenden „Vs“ geschrieben wird, referiert deutlich auf die dargestellte Epoche, in der sich das heutige „W“ aus zwei „Us“ oder eben zwei „Vs“ heraus entwickelte. (Wurzeln, die heute noch in der modernen englischen Sprache zu erkennen sind, in welcher der Buchstabe „W“ immer noch double „U“, also doppeltes „U“, genannt wird.) Gedreht wurde zudem fast nur mit natürlichem Licht (tagsüber im Sonnenlicht; nachts im Kerzenschein), während auf Scheinwerfer weitestgehend verzichtet wurde. Darüber hinaus war Eggers nahezu besessen von der Idee einer möglichst „realistischen“ Darstellung der puritanischen Zeit (um 1650), die vor allem für die Reformation der Kirche im Sinne calvinistischer und evangelischer Grundsätze bekannt ist. Hier setzt die Handlung ein.

Es ist 1630. Im Nordosten der USA, in Neuengland, einer „neuen“ Welt Amerikas, wird eine siebenköpfige Familie aufgrund ihres fanatischen christlichen Glaubens aus der Gemeinschaft verbannt. Vater William (RALPH INESON), Mutter Katherine (KATE DICKIE), Tochter Thomasin (ANYA TAYLOR-JOY), Sohn Caleb (HARVEY SCRIMSHAW) und die kleinen Geschwister Mercy (ELLIE GRAINGER) und Jonas (LUCAS DAWSON) sowie der neugeborene Samuel (AXTUN HENRY und ATHAN CONRAD DUBE), müssen daraufhin den Schutz ihrer Siedlung verlassen. Fernab in der Nähe eines Waldes beginnt sich die Sippe ein eigenes Leben aufzubauen. Doch das neue Heim scheint verflucht. Die Ziegen geben Blut statt Milch, das Böse streicht um die Hütten, die Ernte bleibt aus, das Baby verschwindet und der „Schwarze Philip“, der Bock im Stall, verhält sich mehr als seltsam. Hat hier etwa ein Hexenzirkel seine Hände im Spiel?

Auf der Grundlage überlieferter alter Schriften entwickelte Robert Eggers, der auch das Drehbuch schrieb, zusammen mit Historikern Dialoge, Gebete und Alltagsrituale, die er in sein möglichst authentisches Setting mit einbettete. Eine zeitweise zu selbst-verliebte, erschlichene Andersartigkeit, die einerseits zwar die Atmosphäre auszeichnet, andererseits aber zu langsam, in Optik schwelgend, den zu erzählenden Stoff transportiert. Fast schon meditativ erstreckt sich visuell die grau-depressive äußere und innere Lage einer Familie, die mehr und mehr durch Fanatismus, einen krankhaften Bibelzwang und den Prozess des Erwachsenwerdens, der Abnabelung von elterlichen Vorsätzen, bestimmt und auseinandergerissen wird. Dabei ertränkt sich der Independent-Stil schon fast im Besonders-Sein. Vermittelt zwar tolle Bilder als Hommage an zeitgenössische flämische Maler wie Jan Vermeer (*1632 – †1675) oder den britischen Illustrator Arthur Rackham (*19.09.1867 – †06.09.1938), verhext damit jedoch zu sehr die Sinne, um von der recht flachen Story abzulenken. Gedeckte Farbtöne, Nebelschwaden und eine minimalistische Lichtsetzung verschleiern die Einfachheit der Erzählung, deren Tiefe spekulativ bleibt. Während die Musik schaurig tönt. Der Score von Mark Korven orientiert sich an kakophonischen Lauten einer sehr präsenten Nyckelharpa. Einem mittelalterlichen Saiteninstrument, das damals seine Glanzzeit erlebte und an dieser Stelle, durch bewusst fehlenden Perfektionismus, mit zeitweise unerträglich schiefen Klängen, für Gänsehaut sorgt.

Durch diese Szenerie tanzt dazu das überzeugende Ensemble einen Reigen der Angst: Ein brutal dominanter Vater, eine hysterische Mutter und Kinder gefangen zwischen Gehorsam, Freiheitsdrang und Unterwerfung. Allen voran brilliert hier die 1996 in Miami geborene, argentinisch-britische Schauspielerin Anya Taylor-Joy (zur Drehzeit gerade mal 18 Jahre jung). D i e schauspielerische Neuentdeckung, die sich kurz darauf auch M. Night Shyamalan für seine Blockbuster „Split“ und „Glass“ zunutze machte.

Kurzum: THE WITCH ist Arthaus-Horror nach dem Motto: Sie suchten das Reich Gottes und fanden den Teufel. Vom Feuilleton als 5 Sterne Horror-Menü hochgelobt … als gängige Kino-Kost eher schlecht zu verdauen. Wer allerdings auf Ambiente und langsame Bildmeditationen steht, ist damit genau richtig beraten. Ohne Gefahr zu laufen sich in einem sinnlosen Dauergemetzel wiederzufinden (= 3 bis 4 „Carrie“-PÖNIs; …Entertainment vs. Kunstliebhaberei – streiten sich hier ständig).

 

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