Monsieur Chocolat Kritik

MONSIEUR CHOCOLAT“ von Roschdy Zem (Co-B + R; Fr 2014; Co-B: Cyril Gely, Olivier Gorce, Gérard Noiriel; nach einem Buch von Gérard Noiriel; K: Thomas Letellier; M: Gabriel Yared; 110 Minuten; Start D: 19.05.2016); IHN hat es wirklich gegeben: RAFAEL PADILLA, geboren zwischen 1865 und 1868 in Kuba, gestorben am 4. November 1917 im französischen Bordeaux. Ein Sklave, der zum Clown mutierte. Zu einem berühmten, umjubelten wie viel geprügelten Narren.

Frankreich, Ende des 19. Jahrhunderts. Er besitzt athletisches Geschick und tänzerische Fähigkeiten. Gibt im Tierfell und mit Keule in der Hand den „schwarzen Wilden“. Im Zirkus. Ein Freak, der zur Belustigung des Publikums herumhampelt und Vorurteile bestätigt: Dunkelhäutige Menschen = drittklassige Lebewesen. Höchstens beziehungsweise nur für die tägliche Arena zu gebrauchen. Zur Klischee-Bedienung. Dann aber entdeckt ihn der Manegen-Clown George Foottit (JAMES THIÉRRÉE, der Enkel von Charlie Chaplin), erkennt die einmalige Erfolgs-Chance. Dieser „Chocolat“, wie er sich nennt (OMAR SY), wird sein Partner. Für den Zirkus ist der „dumme August“ entdeckt. Geboren. In Gestalt dieses schwarzen Typen, der sich „gerne“ Tag für Tag von seinem weiße Partner verulken, treten, lächerlich machen lässt. Das Publikum ist begeistert, die Beiden werden zur gesellschaftlichen Attraktion: Der clevere, autoritäre Weiße, der unterbelichtete Sündenbock-Schwarze. Wie kann man dabei köstlich ablachen. Chocolat wird zum unfreiwilligen Star. Wird begütert. Und will sich nicht mehr mit dem täglichen „Job“ als ewiger Prügelknabe abgeben. Wird politisch sensibilisierter. Sein Selbstwertgefühl steigt.

Natürlich: Damals und auch heute. Dieser verdammte eklige Dauer-Rassismus. Die Biographie dieses bisher vergessenen schwarzen Künstlers Rafael Padilla ins Licht zu stellen, ist die ehren- und würdevolle Absicht des französischen Schauspielers ROSCHDY ZEM („36 – Tödliche Rivalen“; „Point Blank – Aus kurzer Distanz“) und Regisseurs. Dessen vierter Spielfilm als Regisseur bedeutet für den Franzosen marokkanischer Abstammung auch die erste Zusammenarbeit mit dem seit „Ziemlich beste Freunde“ weltweit populären französischen Komiker und Schauspieler OMAR SY („X-Men: Zukunft ist Vergangenheit“; „Heute bin ich Samba“; „Jurassic Park“). Dabei geht es beiden nicht um eine mitleidvolle französische „Onkel Tom“-Stimmung, infantiler schwarzer Boy, widerliche Weiße, sondern um die präzise Beobachtung des tief eingegrabenen Rassismus im vom Kolonialismus geprägten Frankreich zu Belle Epoque-Zeiten. Allerdings ohne billige Anklage-Ausrufungszeichen. Mit fein beobachteten, geschilderten aktuellen Parallelen. Auf gedanken- wie unheilvolle heutige Zustände. Zugleich aber stehen auch im atmosphärischen Vordergrund: die virtuosen circensischen Köstlichkeiten dieses „komischen Talents“ und Publikumslieblings „Chocolat“, der 1886 von Henri Toulouse-Lautrec und Edmond Heuzé gezeichnet wurde und von dem sogar die Brüder Lumière zu Anfang des 20. Jahrhunderts Zelluloid-Aufnahmen machten.

Darstellerische Premium-Auftritte: OMAR SY verleiht seinem aufstrebenden Helden prickelnd-verzweifelten Tiefgang; JAMES THIÉRRÉE, ein Chaplin-Enkel, mimt den eigentlichen traurigen Clown, der sich mehr und mehr zum „Zweit-Star“ degradiert sieht, mit bewegender melancholischer Empfindsamkeit. Beider „Zu-Spiel“ ist formidabel. Wie überhaupt dieser Film auf eine wunderbar nachdenkliche Weise trifft: also gut denkt und virtuos erzählt (= 4 PÖNIs).