DER FALL COLLINI

„DER FALL COLLINI“ von Marco Kreuzpaintner (D 2018; B: Christian Zübert, Robert Gold, Jens-Frederik Otto; nach dem gleichn. Roman von Ferdinand von Schirach/2011; K: Jakub Bejnarowicz; M: Ben Lukas Boysen; 123 Minuten; deutscher Kino-Start: 18.04.2019); das ist auch heute nicht unbekannt: es findet – zum Beispiel – das Turnier einer Fußball-Europameisterschaft oder das einer Fußball-Weltmeisterschaft statt. Ganz Deutschland blickt mehr auf den Rasen als auf die politische Tagesordnung im Bundestag. Und dort werden von unseren Volksvertretern dann schnell mal, vereinfacht gesagt, neue Gesetze durchgepeitscht, die nicht unbedingt mit dem überwiegenden Willen des Volkes vereinbar sind. Doch als dieses Volk merkt, was da beschlossen wurde, ist das Abstimmungsgeschehen längst unter gesetzlichem Dach und Fach. Nicht mehr abzuwenden.

1968 war es im Deutschen Bundestag genauso. Am 24. Mai beschlossen die Abgeordneten das „Einführungsgesetz zum Gesetz über Ordnungswidrigkeiten“. Versteckt in einem ganzen Gesetzespaket wurde damit festgelegt, dass Nazi-Verbrecher – infolge Verjährung – nun nicht mehr belangt werden konnten. So wie der in der BRD hochangesehene Industrielle Hans Meyer (MANFRED ZAPATKA), seines Zeichens schwerreicher Maschinen-Fabrikant. Als dieser in seiner Hotelsuite vom 70-jährigen pensionierten italienischen Gastarbeiter Fabrizio Collini (FRANCO NERO) ermordet wird, ist der Aufschrei groß. Zumal sich die Schuldfrage nicht stellt: Collini lässt sich widerstandslos festnehmen. Schweigt aber zu allen (Nach-)Fragen. Zu seinem Pflichtverteidiger wird der junge Anwalt Caspar Leinen (ELYAS M’BAREK) bestimmt, der vor kurzem erst seine Zulassung bekommen hat. Er ist enthusiastisch bis er mitbekommt, dass er das Opfer kennt. In dessen Familie ging er früher ein und aus, Hans Meyer war sozusagen wie ein väterlicher Freund für ihn. Als auch dessen Enkelin Johanna (ALEXANDRA MARIA LARA), mit der er befreundet war, ihn bittet, das Mandat als Verteidiger zurückzugeben (und mit ihm ein Verhältnis beginnt), will Leinen aussteigen. Doch der ältere, sich deutlich-„überlegen“ gebende Strafrechtsprofessor Richard Mattinger (HEINER LAUTERBACH), sein Gegenüber im Prozess, rät ihm davon ab: „Diesmal kennen Sie das Opfer, das nächste Mal erinnert Sie die Straftat an ein persönliches Ereignis, dann gefällt Ihnen die Nase ihres Mandanten nicht. Glauben Sie, dass ihr Privatleben etwas im Gerichtssaal verloren hat?“ Caspar Leinen bleibt also mit im juristischen Ring, beginnt aber, neugierig(er) geworden, Recherchen über seinen schweigenden Mandanten und dessen Lebensweg zu erforschen. Anlässlich einer mehrtägigen Prozessunterbrechung kommt er dabei einem üblem, aber damals keineswegs untypischem bundesrepublikanischen Polit- und Justiz-Skandal auf die Schliche.

Regisseur Marco Kreuzpaintner, 1977 in Rosenheim geboren, schuf 2006 den Film „Trade – Willkommen in Amerika“ (s. Kino-KRITIK), in dem er mit dem kriminellen Menschenhändler-Thema ebenso ambitioniert argumentierte wie handwerklich schluderte. 2013 und 2016  folgten im Kino „Coming In“ (s. Kino-Kritik) und „Stadtlandliebe“ (s. Kino-KRITIK). Auch hier steht die Themen-Bedeutung über der Erzählstruktur. Wie Kreuzpaintner mit den Rückblick-Motiven hantiert, ist ebenso fragwürdig wie er bisweilen zu viel – hilflosen – „TV-Charme“ und zu wenig Spannungsdeftigkeit verbreitet. Nichtsdestotrotz kann er mit dem wichtigen Thema stark punkten wie auch mit hervorragenden Akteuren wie den nun auch Charakter-präsenten Ex-„Fack ju Göhte“-Star ELYAS M’BAREK und auch einem pfiffig-üblen Milieu-„Germanen“-Schleimbold HEINER LAUTERBACH.

Für diesen Film kann man der Deutschen Film-und Medienbewertung teilweise vertrauen, die ihr Prädikat „Besonders wertvoll“ begründete: „Anders als so manche deutsche Kinoproduktion wirkt ‚Der Fall Collini‘ von Anfang bis Ende tatsächlich wie ein echter Kinofilm. Kamera und Schnitt haben großartige Arbeit geleistet. In der Diskussion hat die Jury daher den Realismus und die Frische der Inszenierung (na ja…/d. Autor) hervorgehoben, die sich auch international sehen lassen können“ (= 3 PÖNIs).

Teilen mit: