Carol Kritik

CAROL“ von Todd Haynes (USA 2014; B: Phyllis Nagy; nach dem Roman „Salz und sein Preis“ von Patricia Highsmith/1952; K: Ed Lachman; M: Carter Burwell; 119 Minuten; Start D: 17.12.2015)der am 2. Januar 1961 in Los Angeles geborene TODD HAYNES ist als Schauspieler, Drehbuch-Autor, Produzent und Regisseur aktiv. In frühester Kindheit fing er mit Amateurfilmen an. Haynes studierte Kunst und Semiotik und ging dann nach dem Abschluss nach New York. Wo er 1987 den kontrovers aufgenommenen Kurzfilm „Superstar: The Karen Carpenter-Story“ schuf. Sein erster Langfilm „Poison“ brachte ihm 1991 den „Großen Preis der Jury“ beim renommierten „Sundance Festival“ ein. 1998 kam er mit dem Rock-Epos „Velvet Goldmine“ heraus. „Dem Himmel so fern“ war 2002 eine Verbeugung vor Douglas Sirk und seinen klassischen Melodramen: Emotionen in Cinemascope; Menschen, die ihre wahren Gefühle gesellschaftlich verstecken müssen; die amerikanische 1950er-Jahre-Spießigkeit in feinstem Dekor, bestem Licht und exquisiten Kostümen: Der äußerliche Schein halt. Julianne Moore bekam den „Darstellerpreis“ beim Venedig-Festival und eine „Oscar“-Nominierung. 2007 entstand die Bob Dylan-Hommage „I’M NOT THERE“ (s. Kino-KRITIK); es war die erste Zusammenarbeit von Todd Haynes mit Cate Blanchett. Sowohl Film wie auch Hauptdarstellerin wurden beim 64. Venedig-Festival ausgezeichnet.

Aktuell hat Todd Haynes sich wieder mit der australischen Spitzenkraft und zweifachen „Oscar“-Preisträgerin CATE BLANCHETT („Aviator“; „Blue Jasmine“) verbündet und einen herausragenden Frauen-Liebesfilm geschaffen. Basierend auf dem Roman „The Price of Salt“, der von einer gewissen Claire Morgan stammte und 1952 in New York erstveröffentlicht wurde. Claire Morgan war ein Pseudonym, hinter dem sich PATRICIA HIGHSMITH verbarg, die ihren zweiten Roman „sicherheitshalber“ „so“ herausbrachte; sie wollte nicht plötzlich als Verfasserin von Lesbenromanen dastehen. Erstmals unter dem richtigen Namen der Autorin erschien der Roman im Januar 1990. Soeben ist bei „Diogenes“ die deutsche Erstausgabe als Taschenbuch mit dem Titel „CAROL oder Salz und sein Preis“ erschienen; sie folgt der amerikanischen Neuausgabe von 1984.

New York in den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts. In den USA beherrschten und spalteten damals zwei höchst unterschiedliche Kräfte die Gesellschaft: Paranoia, von wegen Hysterie in Sachen Bedrohung durch Kommunismus/Kommunisten, und Optimismus, von wegen „the american dream“ ist individuell machbar. Eines aber war festes wie prüdes Moral-Fundament: (Ehe-)“Mann“ hat das Sagen, „Frau“ hat die untergeordnete Geschlechter-Rolle zu akzeptieren. Zu bedienen. Ihre Bewegungsfreiheit ist und bleibt stets eingeschränkt. Wie bei Carol Aird (CATE BLANCHETT), einer Lady in den Vierzigern. Die in ihrem schmucken cognacfarbenen Pelzmantel und mit ihrem sorgfältigen Make-Up hinreißend aussieht. Doch hinter ihrer Glitzerfassade ist Carol in ihrer Ehe mit dem Business-(Banker-)Ehemann Harge (KYLE CHANDLER) zutiefst unglücklich. Die Trennung ist ihrerseits quasi eingeleitet. Es bedarf nur noch „der formellen Endgültigkeit“. Zwar hat Carol eine Affäre mit ihrer besten Freundin Abby (SARAH PAULSON) auf Druck vor geraumer Zeit beendet, offizielles juristisches Delikt-Stichwort: „sittenwidriges Verhalten“, dennoch  –  den Ausstieg aus dem luxuriösen Villa- wie aus dem monotonen gutbürgerlichen Trist-Alltag hat sie längst beschlossen. Es gilt noch, das Sorgerecht für die junge Tochter Rindy zu klären, die beide vergöttern, dann soll „die Befreiung“ beginnen. Die Emanzipation. Die Loslösung von dieser verdammten Gefühls- und Raum-Enge.

Sie ähnelt ein wenig der zarten, schönen, jungen Audrey Hepburn, ist Verkäuferin in der Spielzeugabteilung eines großen Kaufhauses, Therese Belivet (ROONEY MARA), die sensible Träumerin. Die sich hier, in diesem Konsum-Bunker mit der Zwei-Klassen-Mentalität, sichtlich nicht wohlfühlt und gerne als Fotografin tätig wäre. Die Begegnung zwischen Carol und Therese ist emotionale Elektrizität. Erst „auf Sparflamme“, dann immer intensiver werdend. Erst klammheimlich, im Verborgenen, dann öffentlicher werdend. Wie schließlich auch ein von Ehemann Harge bestellter Privatschnüffler in Bild und Ton festhält. Als sich Carol und Therese eine Art geheime „Hochzeitsreise“ leisten. Wodurch Carols Eignung als Mutter plötzlich auf dem, von ihrem Ehemann angeheizten Prüfpunkt steht.

Die Atmosphäre. Diese brillant klirrende Atmosphäre. Im Edward Hopper-Melancholie-Charme. Und –Blick: Eine sorgfältige Ausstattung. In Bauten, Kostümen und Licht. Mit der Betonung von Etikette. Der Stimmung von Kleidung. Frisuren. Diese diskreten emotionalen Bewegungen. Im Gesicht ebenso wie in der Körpersprache. Dazu: diese ungemein leuchtenden Signal-Farben. Als elegantes Synonym für helle wie dunkle Poren- und Seelentiefe. Als hintergründiges Gefühlsbeben. Zwischen Frust, Skrupel und erotischer Sinnlichkeit. Kamera-As ED LACHMAN („Oscar“ 2003 für die Bildgestaltung in „Dem Himmel so fern“ von Todd Haynes) versteht es einmal mehr, visuelle Glanzpunkte als kommentierenden intelligenten Augenschmaus zu setzen. Während die Musikalität von Carter Burwell unaufdringlich-reizvoll mit-erzählt. Mit swingt.

CATE BLANCHETT & ROONEY MARA (= die Lisbeth Salander in der US-Version von Stieg Larssons „Verblendung“) sind Wirkung-pur. Von einer außergewöhnlich spannenden Präsenz. Ohne Affekte, Oberfläche, Einfalt. Sehr einfühlsam und charismatisch. Man fühlt sich in einen raffinierten, raumfüllenden Gefühlsklassiker eines Claude Chabrol oder Douglas Sirk versetzt. Der emotionale Sog ist exquisit: Was für ein überragender erwachsener Film in dieser derzeit vornehmlich kindischen Kino-Epoche ist „Carol“ (= 4 ½ PÖNIs).