ZERRISSENE UMARMUNGEN

PÖNIs:      (4/5)

„ZERRISSENE UMARMUNGEN“ von Pedro Almodóvar (B + R; Spanien 2008; K: Rodrigo Prieto; M: Alberto Iglesias; 128 Minuten; deutscher Kino-Start: 06.08.2009); mit Werken wie „Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs“ (1988/s. Kino-KRITIK); „Fessle mich!“ (1990/s. Kino-KRITIK); „Alles über meine Mutter“ (1999/“Oscar“ als bester Fremdsprachenfilm); „Sprich mit ihr“ (2002/“Oscar“ für das „Beste Originaldrehbuch“) und „La mala educación – Schlechte Erziehung“ (2004) sowie zuletzt „Volvér – Zurückkehren“ (2006/“Goldene Palme“ von Cannes für das „Beste Drehbuch“/s. Kino-KRITIK) hat sich der bald 60-jährige spanische Drehbuch-Autor und Regisseur als cineastische Größe in Europa etabliert. Ihn dabei „einzuordnen“, in die berühmte feste thematische Schublade zu stecken, fällt schwer. Zu sehr hat Pedro AlmoDÓvar (DO deshalb groß, um die richtige Namensbetonung zu garantieren) sein eigenes Genre geschaffen.

Bestehend aus Thriller und Komödie, aus Melodram und Telenovela-Seele. Hochemotional, verblüffend, atmosphärisch, spannend. In die Filme des Spaniers lässt man sich (gerne) fallen, liefert man sich gerne aus, weil sie weder vorhersehbar noch platt noch langweilig sind und wirken. Wie auch hier wieder: eine Geschichte, die sich „mehrlagig“ entwickelt. Mit vielen reizvollen Wendungen, Brüchen, ironischen Anspielungen auf seine Filme und mit Zitaten versehen auf Kunststücke der Filmgeschichte.

„Ein Leben alleine genügt mir nicht“, heißt es am Anfang dieser Geschichte. In der es, zusammengefasst, um eine attraktive Frau geht, die von zwei Männern begehrt wird. Dem Einen, dem reichen Industriellen Ernesto Martel (JOSÉ LUIS GÓMEZ), hat sich Lena („Oscar“-Preisträgerin PENÉLOPE CRUZ/“Vicky Cristina Barcelona“) aus finanziellen Gründen „angeschlossen“, den Anderen, den Filmregisseur Mateo Blanco (LLUÍS HOMAR), liebt sie. Das Melodram. Angesiedelt zwischen Existenz und Leidenschaft. Zugleich entsteht ein Film-im-Film-Film: Erzählt wird von den Dreharbeiten zu der Komödie „Frauen und Koffer“, deren Star jene Lena ist, in die sich der Regisseur Mateo schon gleich beim Casting verliebt. Doch der Produzent des Films ist der hochgradig eifersüchtige Ernesto, der jeden ihrer Schritte argwöhnisch überwachen lässt. Durch seinen treu-doofen Sohn Diego per Handkamera. Natürlich eskalieren „die Dinge“. 14 Jahre danach wird die Vergangenheit wieder höchst lebendig und die Ereignisse nehmen eine dramatische Wendung.

Almodóvars Film ist eine höchst spannende, höchst intelligente, höchst unterhaltsame Köstlichkeit. Weil sie sich z.B. nie kurzfristig „umfassen“, begreifen, einordnen, „zuteilen“ lässt, im Gegenteil: man ist wie in einer großartigen „dicken“ Lektüre gebannt, eingenommen, „dabei“. In diesem auf verschiedenen Zeit- und Handlungsebenen virtuos entwickeltem Spiel der Geschlechter, der Gefühle, des Kinos. Mit zahlreichen „Nebenschauplätzen“. Dabei geht es um verschiedene ldentitäten, doppelte Charaktere und die düsteren Blitzlichter der alltäglichen Realität. Erst ganz am Ende, wie schön, erschließt sich „das Gesamte“.

„Zerrissene Umarmungen“ ist, wie stets bei Almodóvar, auffallend intensiv in den Farben, bei den Dekors, mit den Gefühlen. In der „Präsentation“ der Figuren. Aber: sein neues Drama, sein neuer film noir, ist auch melancholischer im Ton und in den Motiven. Eine Art erstes Alterswerk, in der natürlich und vor allem PENÉLOPE CRUZ in ihren verschiedenen Masken DIE GROSSE BÜHNE gehört. Almodóvar zelebriert sie geradezu und lässt sie dabei „paradiesisch“ aussehen. Drumherum bewegen sich altbekannte Almodóvar-Akteure wie Lluis Homar, Blanca Portillo, Lola Duenas und Angela Molina ebenso stilsicher wie die Almodóvar-Neulinge José Luis Gómez („Goyas Geister“), Rubén Ochandiano („Kalter Asphalt“) und Tamar Novas („Das Meer in mir“).

Schwelgerisches Wohlfühl-Fazit: „Zerrissene Umarmungen“ ist eine raffinierte, atmosphärische, betörende Liebeserklärung an das (wahre) KINO (= 4 PÖNIs).

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