WINTER´S BONE

WINTER´S BONE“ von Debra Granik (Co-B+R; USA 2009; Co-B: Anne Rosellini; nach dem gleichn. Roman von Daniel Woodrell/2006; K: Michael McDonough; M: Dickon Hincliffe; 100 Minuten; Start D: 31.03.2011); alleine diese Gesichter, diese unvorstellbar traurigen Gesichter. In denen sich ALLES abspielt. In denen ALLES zu sehen, zu deuten, zu spüren, zu empfinden ist, was an „geschändeter Seele“ überhaupt auszudrücken geht. Mit einigem (mageren)Rest-Stolz und einer unbändigen Dauer-Wut. Darüber, dass hier das Leben, das Überleben, mehr ein Muss als ein Wollen bedeutet. Dass die menschliche Existenz ein einziger, ewiger böser Kampf und Krampf ist. Kein Entrinnen möglich, Entspannung ist anderswo. Wir befinden uns in den reichen Vereinigten Staaten von Amerika. Abseits des „Mainstreams“. Im vergessenen Hinterland der USA. In den Ozark Mountains in Missouri. Einer, wie man so dahinsagt, längst von Gott verlassenen Gegend. Wo eigene (Überlebens-)Regeln herrschen und die „Betäubung“ auf dem täglichen Speiseplan wie auch als Verkaufs“angebot“ steht. Mit zum Beispiel „Crystal Meth“, einer selbst hergestellten Droge. Die für das „regionale“ Einkommen, aber auch dafür sorgt, dass individueller Hunger und individuelle Müdigkeit „weggespült“ wird für Euphorie und Ich-Glauben. Und erst ein „Überhaupt-Bewegen“ möglich macht.

Auf dieser kaputten, ekligen, unwürdigen amerikanischen Müllhalde. In der die 17jährige Ree Dolly (JENNIFER LAWRENCE) bemüht ist, dennoch „durchzukommen“. Die Mutter hat längst krank aufgegeben, ist apathisch in Sich gekrochen, versunken, und nie wieder herausgekommen. Also muss Ree täglich „ran“. Um sich und ihre beiden kleinen Geschwister irgendwie durchzubringen. Eine Jugend findet für Ree erst gar nicht statt, stattdessen muss sie ab sofort „noch mehr“ leisten. Denn ihr Dad ist verschwunden. Was nicht so schlimm wäre, denn er ist offensichtlich ein familienresistenter Typ von Drogenhändler wie man so hört, aber er hat ein übles „Vermächtnis“ hinterlassen: Hat dem Gericht das Dreckshaus als Kaution gegeben und ist danach verschwunden. Sollte er bis gleich nicht wieder dort erscheinen, wären Haus und Grundstück weg. Ree & Co. müssten dann zusehen, wo sie bleiben. Noch mehr Nichts als Nichts. Also macht sich die junge Frau auf den mühseligen Weg, den Erzeuger zu suchen, aufzuspüren. Misstrauisch von der Nachbarschaft beäugt. Weil DAS stört. Zu viele Unruhe in diesem Bezirk bringt. Für zu viele „Aufmerksamkeit“ „von draußen“ sorgt. Und vielleicht „Neugierige“, Störenfriede, hierher anzieht. Wo es streng nach Familienkodex „mit Schweigegelübde“ geht. Weil irgendwie Jeder mit Jedem, mehr oder weniger, „verwandt“ zu sein scheint. Und „Mann“ befiehlt, was „Frau“ zu tun und zu lassen hat. Aber Ree lässt nicht locker. Wühlt beharrlich weiter herum. Stellt unangenehme Fragen, verlangt Antworten. Was für sie schmerzhafte Folgen hat. Vor allem physische wie dann aber auch seelische. Eine schlimme Heute-Zeit.

Die literarische Vorlage für diesen unabhängig produzierten, vierfach „Oscar“-nominierten Low-Budget-Thriller bildet der gleichnamige, 2006 erschienene Roman von Daniel Woodrell, der soeben auch bei uns, unter dem Titel „Winters Knochen“, veröffentlicht wurde. Roman wie Film erinnern an die amerikanische Sozialphotografie der 30er Depressionsjahre. Wo Bilder Armut nicht bloßstellten, sondern dokumentierten. Ähnlich hier: Der Film „Winter´s Bone“ verfolgt nicht voyeuristisch die düstere Szenerie hier, sondern beschreibt, erzählt vehement wie nahegehend von schlimmen Lebensumständen. Bleibt dabei würdevoll an den Beteiligten, denunziert sie nie, sondern macht ihre verschiedenen Positionen nuancenreich deutlich, also deutbar.

Soziale amerikanische Realität inmitten eines ergreifen Spannungsfilms. Der diese Balance zwischen Depression und „Kino“ eindrucksvoll bewältigt. Weil die Akteure so überzeugen. Vor allem die aus Louiseville, Kentucky stammende 20jährige JENNIFER LAWRENCE als unbeugsame private „Schnüfflerin“ Ree. Die sich nicht aufhalten lassen will. Und damit viel riskiert. WIE (die bislang unbekannte) Jennifer Lawrence in diese Jung-Erwachsene Ree unverkrampft-aufrecht hineinkriecht, ist ebenso beeindruckend wie erschütternd. Emotional aufwühlend. Eine „Dschungel“-Frau, die lange im Gedächtnis bleibt. Glaubwürdig, überzeugend, vehement nachhallend. Die „Oscar“-Nominierung für sie (als „Beste Hauptdarstellerin“) war vollauf gerechtfertigt: Ein bewundernswertes starkes Stück von mehr Mensch als Figur.
Der (nach dem bei uns nie gezeigten Debüt „Down to the Bone“/2004) zweite Kinospielfilm der 1963 geborenen Drehbuch-Autorin und Regisseurin DEBRA GRANIK bekam auf dem Entdeckungsfestival von Sundance im Januar 2010 den „Großen Preis der Jury“ und war in diesem Jahr auch unter den 10 „Besten-Filmen“ bei den „Oscars“ mit-dabei.

„Winter´s Bone“ ist ein packendes Reise-Movie in eine „andere“ USA. Kracht dabei feinfühlig, sensibel unter die Haut, blickt lakonisch hinein in das verunstaltete Landes- und Seelen-Innere, kriecht spannend tief unter die Oberfläche. Wo die Zivilisation anders ausschaut und funktioniert. Rigoros gemein. Als Dreck- und Saustall. Obama hat noch viel zu tun (= 4 1/2 PÖNIs).

WINTER´S BONE