Winfried Junge

Rias Berlin – BERLINALE-Frühkritik: Das FORUM vom 14./15.02.1993

Viele neue Angebote gestern im Forum, aber aus der Fülle und manchmal Masse habe ich mir nur einen einzigen Film herausgesucht. Der dauert 284 Minuten, also über 4 ½ Stunden, und keine Minute ist zu bereuen.
Titel: „DREHBUCH: DIE ZEITEN“. Untertitel: „Drei Jahrzehnte mit den Kindern von Golzow und der DEFA“. Ein Dokumentarfilm von Barbara und Winfried Junge.

Zur Geschichte: Sie beginnt kurz nach dem Mauerbau. Am 2. Oktober 1961 bekam der Filmemacher Winfried Junge und sein Kameramann Hans-Eberhard Leupold den DEFA-Auftrag, in Golzow, Oderbruch, DDR-Bezirk Frankfurt/Oder, einen Film über die Einschulung von örtlichen Kindern zu drehen. So entstand „Wenn ich erst zur Schule geh“. Schon ein Jahr später ging es weiter. Titel des 2. Films:

„Nach einem Jahr – Beobachtungen in einer ersten Klasse“. 1966 wurde das Projekt, das schließlich 13 Kinder dauer-beobachtet, mit dem Film „Elf Jahre alt“ fortgesetzt. Insgesamt 9 Filme entstanden zwischen 1961 um 1984. Der bekannteste und auch international vorgezeigte hieß 1980 „Lebensläufe – Die Geschichte der Kinder von Golzow in einzelnen Porträts“ und lief über Bildschirm und Leinwand in beiden Teilen Deutschlands. Die DDR-Planung, die diesem Langzeit-Dokument kritisch gegenüberstand, akzeptierte schließlich einen End -Termin: 1999, aus Anlass des 50.Jahrestages der DDR. Aber: Zeiten und Geschichte und Geschichten haben sich geändert, nun sind die „Die Kinder von Golzow“ ein gesamtdeutsches Thema geworden.

In seinem 10. Film setzt der Regisseur Winfried Junge die individuelle Sehweise und Betrachtung aber nicht fort, sondern zieht auch
eigen Bilanz, hält inne, rekapituliert: Was war eigentlich, wie war es, was durfte „sein“, was nicht, wie war das mit uns, den Machern. Es geht um Befindlichkeiten in Sachen Seele, Technik und Zelluloid .Für Junge ist dieser 10. Golzow-Film wie eine Psychiater-Liege, auf der nun über Daten, Fakten, Macht und Ohnmacht, über Enttäuschungen und Erfahrungen gesprochen wird. Erstmals rückt sich der Filmemacher selbst ins Bild, beschreibt seine Gedanken, benutzt sein umfangreiches Material für eine Art Selbstreflexion. Eine Standortbestimmung. Die Kinder und Ich. Und: Das alte und das neue Land. Verschiedene Filme laufen parallel und zusammenmontiert ab. Dabei wird die Unruhe Junges spürbar und hörbar: Er will zu viel auf einmal mitteilen, feststellen, kommentieren. Dabei schweift er ab, nimmt sich und seine Arbeit manchmal zu wichtig, wiederholt Belangloses. Aber auch: Er bleibt stets fair und freundschaftlich zu „seinen“ Kindern. Provoziert sie ebenso wenig wie er sie denunziert. Im Gegenteil. Manchmal ist sein Bemühen, ihnen bloß nicht wehtun zu wollen, rührselig. Aber kein Wunder: Winfried Junge ist mittlerweile ein Adoptiv-Kind von Golzow geworden.

Fazit: Dennoch. Ein faszinierendes, ein großes , ein ebenso humanes wie gesellschaftspolitisch ungemein wichtiges Film-Dokument. „Drehbuch: Die Zeiten“ ist ein packender, berührender, informativer „Abenteuer“film aus und über die DDR. Er gibt viel preis, lässt viel erkennen, notieren, nach-denken. Bedingung: Man muss bereit sein, auf Menschen, auf Nachbarn zuzugehen, ihnen zuzuhören und zuzusehen. Man muss sich auf diese Geschichte und seine Geschichten einlassen, dann ist es der spannendste deutsche Geschichtsunterricht, den man sich heute vorstellen kann.

Im übrigen dieser 10. Golzow-Film ist eine Zwischenstation: Die Lebensläufe gehen weiter. „Drehbuch: Die Zeiten“ wird so eines Tages im Gesamt-Zusammenhang aller Golzow-Filme zu einem wichtigen Gedanken-Gut anno 1993 zählen. Dafür sei Winfried Junge und seinem Team gedankt .Und dem Forum für dieses große, irritierende, zu diskutierende Berlinale-EREIGNIS.

  • DeutschlandRadio „Lebenswege – Menschen in Deutschland“ vom 04.03.1993: WINFRIED JUNGE

    Winfried Junge gilt heute als d e r Dokumentarist aus der ehemaligen DDR. Mit seinen bislang 10 Filmen über „Die Kinder von Golzow“ – der letzte lief im Frühjahr unter dem Titel „Drehbuch: Die Zeiten“ auf dem Berlinale-Forum – hat der 58jährige: Künstler eine breite und internationale Aufmerksamkeit bei Publikum und Kritik erreicht. In Deutschland wird seine Arbeit, sein Werk, als Muster-Beispiel für das Genre „Dokumentarfilm“ gewürdigt.

    Am 2. Oktober 1961 wurden im DDR-Dorf Golzow im Oderbruch, nahe der Grenze zu Polen, 13 Kinder eingeschult. Der Filmemacher Winfried Junge war damals mit einem Team und der Kamera dabei. Seitdem haben ihn „Die Kinder von Golzow“ nicht mehr losgelassen.
    Ganz im Gegenteil: Sie haben ihn berühmt gemacht.

    10 Filme hat er inzwischen über sie gedreht. Der entstand 1980/81, hieß „Lebensläufe“ und dauerte 4 Stunden. Der letzte, der 10., eine Art 30jährige Bilanz in Sachen „Kindern“, „Golzow“ und „Film“, lief im Frühjahr auf der Berlinale im Forums-Programm .Titel: „Drehbuch: Die Zeiten“. Und: Inzwischen ist aus dem Dorf-Projekt die größte Langzeit-Dokumentation in der Geschichte des Films geworden.

    Winfried Junge: Berliner: Jahrgang 35. Ein Beobachter, ein Künstler, der mit „Fiktionen“ nicht viel anzufangen weiß. „Golzow“ war am Anfang eine Auftrags-, später dann eine Seelen-Arbeit. Stichwort: Ein „Film-Vater“ und seine „Adoptiv-Kinder“. Dazu: Das ungeschminkte Leben in der DDR. Ganz tief, im Innern. Winfried Junge wurde berühmt, durfte ins Ausland reisen, um seine Arbeiten vorzustellen. Hätte „abhauen“ können, doch er tat es nicht.

    Das Projekt, einst geplant bis zum 50. DDR-Jubiläum im Jahr 1999, ist nun selbst Historie. Und: Es wird fortgesetzt. Aber wie? Da ist die neue Republik, da ist der skeptische Chronist, da sind die erwachsenen Kinder.