WILLKOMMEN BEI DEN HARTMANNS

WILLKOMMEN BEI DEN HARTMANNS“ von Simon Verhoeven (B + R; D 2015; K: Jo Heim; M: Gary Go; 111 Minuten; Start D: 03.11.2016); der 44jährige SIMON VERHOEVEN, Sohn der Schauspielerin Senta Berger und des Produzenten und Regisseurs Michael Verhoeven, gehört zu d e n deutschen Filmemachern, auf dessen Filme man gespannt ist. „Männerherzen“ von 2009 (s. Kino-KRITIK) sowie „Männerherzen…und die ganz, ganz große Liebe“ von 2011 (s. Kino-KRITIK) waren gelungene Komödien des Ex-Fußballers, der bis zum 17. Lebensjahr für den TSV 1860 München und der DFB-Nachwuchsauswahl spielte. Nach einer Verletzung „gewann“ dann der Film. Zuletzt schwächelte er mit dem Facebook-Horrorstreifen „Unfriend“ (s. Kino-KRITIK), jetzt aber ist er wieder in seinem Element: Hat ein schlaues, lustiges Drehbuch geschrieben und dieses mit einem hervorragenden Ensemble zu einem ebensolchen klugen wie amüsanten Film umgesetzt. Der wie ein aktueller Deutschland-Blick funktioniert. Mit viel bitter-komischem Zustands-Charme. „WILLKOMMEN BEI DEN HARTMANNS“ steht ganz in der pointierten Tradition und spitzzüngigen Bürgerbeschreibungen von Loriot, Gerhard Polt und Helmut Dietl („Kir Royal“) und zählt zum besten deutschen Kino in diesem Jahr.

Was haben wir: Eine komische Nummernrevue. Aus dem Hause der Familie Hartmann. Münchner, Feine-Gegend-Villa, gut situiert. Hier könnte, hier müsste doch alles zum Besten angerichtet sein. Ist es aber nicht. Ganz im Gegenteil. Die Unzufriedenheit nagt. Bei allem und allen.

Als da sind: Haus-Herr Richard (HEINER LAUTERBACH), angesagter, erfolgreicher Chirurg, kommt mit dem fortschreitenden Alter überhaupt nicht klar. Trägt schon mal Turnschuhe, enge Jeans und verbringt viel Zeit bei seinem Freund, einem egozentrischen Schönheitsreparateur, zum Dauer-Face-Lifting (UWE OCHSENKNECHT mit Blond-Dauerwelle). Ehefrau Angelika (SENTA BERGER), pensionierte Schuldirektorin, gutmütige Seele und bemühte Weltretterin, fühlt sich allein zu Hause unterfordert und „bekommt“ eine Idee: Wie wäre es, einen Flüchtling aufzunehmen. Was dem Gatten natürlich überhaupt nicht gefällt („Frau Merkel hat die ganze Dritte Welt zu sich eingeladen, wir machen das nicht“). Währenddessen beschließt die 32jährige Tochter und Dauer-Studentin Sofie (PALINA ROJINSKI) einem Stalker-Verehrer auszuweichen und wieder bei den Eltern einzuzuziehen. Auch, um sich endlich einmal klarzuwerden, was sie will und vor allem: was nicht. Währenddessen ist Buisi-Sohn Phillip (FLORIAN DAVID FITZ) permanent auf Geschäftsachse und vernachlässigt arg seinen rappenden Sohn Basti. Ergebnis: Burn-Out winkt und Basti wird bei seinen Eltern geparkt. Wo er „spielt“.

Weitere Beteiligte: Der wegen seiner „Jugend“ von Richard Hartmann beneidete und deshalb andauernd von ihm heruntergemachte Jungarzt-Kollege Dr. Tarek Berger (ELYAS M’BAREK); die über-motorische Flüchtlingsheimhelferin Heike (ULRIKE KRIENER); und Diallo (ERIC KABONGO), der „ausgesuchte“ Flüchtling. Aus Nigeria. Der dieses Idyll bestaunt und sich viel wundert. Was für Probleme sich im Paradies auftun. Und sich einmischt. Was dann auch die Nachbarschaft alarmiert, von wegen: wenn sich „besorgte Bürger“ „kümmern“. Ums nachbarliche wie überhaupt: um das deutsche Allgemein-Wohl.

Simon Verhoeven lässt vielschichtig schmunzeln. Politisch unkorrekt lachen. Unverkrampft denken. Gesellschaftlich kess atmen. Fröhlich wie wütend denken. Etwa, wenn Mama Angelika träumt, dass der Islamische Staat ganz München übernommen hat. Oder wenn Diallo vor der Schulklasse von Basti von seinen schlimmen Erfahrungen aus seiner Heimat berichtet. Wobei Simon Verhoeven die Balance zwischen Überzeichnung und Betroffenheit intensiv wie emotional hinbekommt: auf den ulkigen wie nahegehenden ausrufungslosen Punkt-genau. Völlig kitschlos, überhaupt nicht belehrend, mit viel doppelbödigem Charme, als intelligenten Spaß und feinsinnige Komödie. Mit einem Prima-Gespür für starke, ironisch- „britisch“-deutsche Pointen-Dialoge, die fetzen. Und mit entsprechenden originellen körpersprachlichen Bewegungen, von Senta Berger & Heiner Lauterbach an der Rampe (und zum Beispiel auch vom süffisanten „Gesichtsklempner“ Uwe Ochsenknecht „nebenbei), die listig das „deutsche Geschehen“ herb kommentieren und dabei köstlich-süffisant-zweideutig wirken.

Eine angespannte Familie, im derzeit angespannten Hause Deutschland. Mit der Prognose: Hier zu leben, darauf kann man eigentlich stolz sein. Dieses „Warum-Eigentlich“ führt uns Simon Verhoeven blitzgescheit wie hintergründig wie famos-komisch vor.

„Willkommen bei den Hartmanns“ ist ein Wohlfühl-Film im klugen Sinne, mit einem, typisch deutschen, Manko: die Film-Musik. Sie plärrt bisweilen „zu deutlich“ (= 4 ½ PÖNIs).