VOM GIEßEN DES ZITRONENBAUMS

PÖNIs:      (4/5)

„VOM GIEßEN DES ZITRONENBAUMS“ von und mit Elia Suleiman (B + R; D/Fr/Kanada/Palästina/Türkei 2018; K: Sofian El Fani; 97 Minuten; deutscher Kino-Start: 16.01.2020); was für eine wunderbare filmische Außenseiter-Überraschung! Von: ELIA SULEIMAN, geboren am 28. Juli 1960 in Nazareth. Von 1981 bis 1993 lebte er in New York, wo er seine Filmkarriere startete. 1994 zog er nach Jerusalem, um dort im Auftrag der EU die Film- und Medienabteilung an der Birzeit-Universität aufzubauen. Sein erster Spielfilm war 1996 „Chronik eines Verschwindens“, der beim Venedig-Festival ausgezeichnet wurde. 2002 gewann „Göttliche Intervention – Eine Chronik von Liebe und Schmerz“ auf dem Cannes-Festival den Jury-Preis. Seine weiteren Spielfilme: „The Time That Remains“ (2009) sowie „7 Tage in Havanna“ (2012). „VOM GIEßEN DES ZITRONENBAUMS“ („It Must Be Heaven“), feierte seine Weltpremiere im vorjährigen Cannes-Wettbewerb und erhielt eine Auszeichnung als „Bester Spielfilm“ (FIPRESCI-Preis) sowie eine lobende Erwähnung der internationalen Wettbewerbsjury. Zudem war der Film palästinensischer Kandidat für die Auslands-„Oscar“-Nominierungen.

Ich mochte ihn. SEHR sogar. Für mich war und ist der Franzose JACQUES TATI (*9. Oktober 1907 – †4. November 1982) einer der besten Film-Komiker in der Kinematografie. Der mit seiner skurrilen, exzentrischen und köstlich-stummen Figur des „Monsieur Hulot“ eine Weltfigur des Humors schuf. (Wer Näheres über ihn lesen möchte = s. den Text auf meiner Webseite bei: „Komiker-Klassiker im Heimkino“.) Auf Tati muss man unweigerlich kommen, wenn man sich diesen Film anschaut. ELIA SULEIMAN ist ein ebenso komischer Körpersprachen-Bruder. Der als palästinensischer Künstler Elia Suleiman in Nazareth lebt. Wo ihm die Nachbarn derart auf den Belästigungswecker gehen, dass er beschließt, woanders seine Lebens-Zelte aufzuschlagen. Denn „woanders“ kann es nur besser sein als hier. Erst Paris und dann New York lauten seine Besuchsstationen. Also jene Regionen, wo die Frauen frei sind und dies auch modisch zeigen; wo die Parks öffentlich sind und niemand die Zitronen des Nachbarn stiehlt. Wo man gewiss auch Finanziers aufspürt, die bereit sind, seinen nächsten Film zu produzieren. Doch die Verhältnisse zeigen sich ganz anders: Auf seinen Streifzügen durch die Räume des Urbanen gerät der Weltbürger Elia Suleiman in eigenartige Konfrontationen zwischen Wut-Gut-Bürgern beim öffentlichen Entspannen, stößt auf ferngesteuerte Touristen, rollende Polizisten und bewaffnete Straßen-Spaziergänger. Beim Einkaufsbummel. Also: Auch da, wo er sich gerade aufhält, zeigen sich die Zustände alles andere als erstrebenswert. Irgendwie ist „Palästina“ überall. Befremden beim staunenden Beobachter Elia Suleiman. Während ihm das lärmende Ausmaß des Absurden zunehmend „normaler“ vorkommt. Also kehrt der Reisende wieder nach Hause zurück. Wo zu seiner Überraschung sein Zitronenbaum prächtig gedeiht.

Ein neugieriger Narr, ein unauffälliger Anschauer, ein charmanter Melancholiker sieht sich um. In der „komischen“ Zivilisation. Als unbeschwerter, quasi neutraler Flaneur zieht dieser moderne Elia TATI Suleiman los und landet inmitten einer Irrfahrt durch die absurden Abgründe unserer Zeit. Kaum jemals – seit eben Tati – hat jemand die stummen Erschütterungen eines Beobachters dermaßen leichtfüßig in eine Komödie der trocken-humorigen Irrungen und inhumanen Wirrungen verwandelt. Mit origineller Sketch-Ironie, die amüsant wie surreal-verspielt über unsere weltliche westliche Dekadenz spottet. In Gestalt dieses listigen „Jacques Tati“-Chronisten, der im ganzen Film nur fünf Worte spricht. Benötigt. Toll (= 4 PÖNIs).

 

 

 

 

 

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