UND DER ZUKUNFT ZUGEWANDT

PÖNIs:      (3,5/5)

„UND DER ZUKUNFT ZUGEWANDT“ von Bernd Böhlich (B + R; D 2018; K: Thomas Plenert; M: Sebastian Schmidt; 108 Minuten; deutscher Kino-Start: 05.09.2019); manchmal ist es mir egal. Ob der – deutsche – Film „behäbig“, konventionell-gestrickt, daherkommt, wenn das Thema packend ist. Wie hier. Einst sind Kommunisten freiwillig in die Sowjetunion geeilt, um die angeblich dort praktizierte bessere Lebensform, genannt: Kommunismus, mit-zu-gestalten, mit-zu-erleben. Was folgte, war oftmals das praktische Entsetzen. Von Stalins Säuberungen betroffen, wurden sie, wenn nicht umgebracht, dann dort in Lager, genannt Gulag, eingesperrt. Wie im sibirischen Workuta. Wo ein elendes (Über-)Leben herrschte. Auch für Antonia (ALEXANDRA MARIA LARA) und Tochter Lydia (Carlotta von Falkenhayn). Als der Ehemann aus dem Nachbarlager Ehefrau und Kind an dessen 11. Geburtstag „besucht“, wird er auf dem „Heimweg“ erschossen. 1952 wird die Rückkehr in die DDR möglich. Antonia und ihre kranke Tochter landen in Fürstenberg (das spätere Eisenhüttenstadt). Man teilt ihnen eine Wohnung zu. Lydia bekommt beste Arzt- und Arznei-Behandlung. Von Konrad Zeidler (ROBERT STADLOBER), einem idealistischen jungen Doktor, der – als überzeugter Kommunist – von Hamburg in die DDR gewechselt ist und sich für Antonia interessiert. DIE eine gut dotierte (Kultur-)Arbeit zugewiesen bekommt. Alles paletti? Ganz im Gegenteil: Antonia hat beim lokalen SED-Funktionär Leo Silberstein (STEFAN KURT) ein Papier unterschrieben, ebenso wie ihre beiden Freundinnen aus Lager-Tagen, das bei Strafandrohung untersagt, über „die Vorkommnisse“ in der Sowjetunion zu erzählen („Es wird eine Zeit kommen, da werden wir über alles reden, aber nicht jetzt“). Natürlich wird dies fortan zu einem riesigen Seelen-Ballast für die junge Frau, die natürlich, wo immer sie auftaucht, gefragt wird: „Wo warst du nur die ganze Zeit?“ (Mutter). Und sie muss schweigen. Schließlich: „Die Wahrheit ist das, was unserer Sache nützt“ (Bonze Silberstein). Doch irgendwann platzt diese verordnete Geheimniskrämerei. Muss einfach platzen. Was auch mit Stalins Tod zu tun hat.

Der Film „Und der Zukunft zugewandt“, nach der 2. Zeile der DDR-Hymne („Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt“), handelt von bislang eher weniger bekannten historischen Ereignissen: „Der Film beruht auf Berichten und Gesprächen mit Zeitzeugen“, meldet der Nachspann. Dabei vermeidet der solide Film billige Anklagen, sondern orientiert sich an den – schlimmen – Fakten. Menschen wurden wegen ihrer Überzeugung verfolgt, eingesperrt, getötet, obwohl diese Ideologie dieselbe war wie die vom Staat ausgerufene. Schizophrenie-pur. Als sie „befreit“ werden, dürfen sie sich „davon“ nicht verbal = seelisch lösen. Die fatalen Folgen: eine innere zukünftige Zerrissenheit. Bis zur Selbstzerstörung.

Bernd Böhlich, geboren am 25. April in Löbau, Bezirk Dresden, arbeitet viel fürs Fernsehen (Serie „Krause“; Serie „Polizeiruf 110“), weniger fürs Kino. Dort allerdings konnte er 2007 punkten mit „Du bist nicht allein“ (s. Kino-KRITIK) und vor allem 2012 mit „Bis zum Horizont, dann links!“ (s. Kino-KRITIK). Hier imponiert er mit seiner sorgfältig-bedächtigen Inszenierung, die unsinniges Geschrei vermeidet und spannend auf belegte Fakten verweist. Und: Er hat ein Klasse-Ensemble zusammen, das viel Empathie auslöst. ALEXANDRA MARIA LARA als drangsalierte Antonia ist dabei ebenso glaubhaft-überzeugend wie STEFAN KURT als Opportunist und – in einem Nebenpart – der großartige PETER KURTH („Herbert“) als Stasi-Verhörer.

Dieser Film verdient jede Menge Aufmerksamkeit, stößt gedanklich-emotional interessant auf (= 3 1/2 PÖNIs).

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