TOTE TRAGEN KEINE KAROS

TOTE TRAGEN KEINE KAROS“ von Carl Reiner (Co-B + R; USA 1981; Co-B: George Gipe, Steve Martin; K: Michael Chapman; M: Miklós Rósza; 88 Minuten; Start D: 20.08.1982).

Es fängt an wie in einem Film aus den 40er Jahren. Stimmungsvolle, typische, laute, orchestrale Musik, schwarz-weiße, dunkle Bilder, Häuserrschluchten; so eine Atmosphäre, wo unsere Großstadt-Leinwand-Detektive leben; alte Bauten; es fängt an zu regnen, die Geigen zirpen in höchsten Tönen, man kann sich genüsslich zurücklehnen. Die Musik erzählt schon vom ersten Klang an, leitet den Film ein; ein Auto kommt in der Dunkelheit an, hohe Geschwindigkeit, es schlängelt sich durch unwegsame Pfade, Waldgelände, Blitz, Donner; ein Wissenschaftler, der auch Käse machte, wurde getötet, steht auf der Zeitungstitelseite. Dann die Off-Stimme: Es war ein ruhiger Tag. Ich war verkatert, das Geschäft ging schlecht, so dass ich alte Zeitungen las. Ich dachte sogar daran, das Büro für ein paar Tage zu schließen, als plötzlich… eine wunderschöne, junge Person in der Tür steht, die Schlagzeile in der Zeitung liest – und ihm in den Arm fällt. Rigby Reardon, genannt R.R. (STEVE MARTIN) hat eine Klientin – und was für eine (RACHEL WARD/ „Sharkey und seine Profis“ mit Burt Reynolds); er schüttelt sie ein bisschen, mal nach links, mal nach rechts, nach vorn, nach hinten, dann „schiebt“ er ihre Brüste zurecht… „Was tun Sie da?“: „Ihre Brüste ordnen. Sie wurden ohnmächtig und dabei sind (Ich erinnerte mich an Marlowes Worte: Verliebe dich nie in eine Klientin!)
Sie etwas aus der Form geraten“. So. Sie: „Vielen Dank“. „Gern geschehen. Ein Detektiv, der die Brüste seiner Klientin…, der sich so um die ganz persönlichen Belange seiner Klientin kümmert, das muss ein guter sein, nicht wahr?“ Sie ist die Tochter jenes Käse-Wissenschaftlers, und sie will, dass er herausfinden soll, warum der Vater gemeuchelt wurde.

Und jetzt beginnt ein Fall, der ebenso undurchsichtig und mysteriös sein wird, wie einst, als Marlowe den ‘Malteser Falken“ suchte. Ein Weib, wie die den ansieht, und wie er denkt; das Vater-Büro ist außerhalb, nur da konnte er mit seinem Käse experimentieren, er mit Schräghut; ALAN LADD taucht auf, schießt ihm in den Arm, SIE saugt ihm die Kugel raus (!!!)‚lutscht an ihm wie einst Dracula in seinen besten Momenten; (“Wo haben Sie das gelernt?“ „Bei den Pfadfindern.“); Barbara Stanwyck ist ihre bettlägerige Schwester (Szene aus „Du lebst noch 105 Minuten“). Ray Milland liegt in einem Zimmer und reicht ihm einen Dollar aus einer Zuckerdose, Ava Gardner taucht auf und hilft ihm weiter; Burt Lancaster siecht in einem Hotelzimmer dahin und wird abgeknallt, während R.R. in der Küche den stärksten Kaffee seines Lebens macht; Kugel im Arm, wie gehabt; Marlowe-Bogart wird angerufen, der soll helfen. SIE kann seine Gefühlsgedanken lesen; kleine erotische Frechheiten. Sie: Wenn Sie mich brauchen, rufen Sie einfach an. Sie wissen ja, wie man wählt, nicht? Man steckt einfach den Finger in das Loch und macht kleine Kreise; daraufhin putzt er erstmal im Waschbecken seine Waffe. Marlowe bekommt von R.R. einen Auftrag – und einen Schlips. Cary Grant im Nadelstreifenanzug sitzt ihm im Zug gegenüber, wird aber von R.R. per Mundharmonika eingeschläfert. Zwei Taxis, eins zur Täuschung, dass andere hinterher, damit der Verfolger irritiert wird; Ingrid Bergman schön, die schläfert ihn per Schlafdrink ein. Bette Davis, Lana Turner, Kirk Douglas… sie alle sind nach fast 40 Jahren Teil eines Filmes, der es sich zur Aufgabe macht, diese Stars der ‚Schwarzen Serie‘ erneut lebendig zu machen.

Steve Martin zu „Tote tragen keine Karos“: „Im Sommer 1980 aßen Carl Reiner, George Gipe und ich zu Mittag und diskutierten ein Skript von mir, als plötzlich jemand meinte: Hey, was wäre, wenn wir da Ausschnitte aus einem alten Film verwenden würden? Daraus wurde dann, was wäre, wenn wir den ganzen Film aus alten Ausschnitten machen? Wir verließen das Lokal und nahmen uns vor, darüber nachzudenken, auf welche Weise wir die alten Filme in die Story packen könnten und wie sich Steve darin macht. Ich wusste, wenn wir Einzelaufnahmen und über die Schulter-Aufnahmen finden könnten, wäre es uns möglich, die Personen wirklich untereinander reden zu lassen. Das war eine Jahrhundert-Idee.“

Martin, Reiner und die Co-Produzenten David V. Picker und William E. McEuen hatten zuvor 1980 die Komödie „Reichtum ist keine Schande“ gemacht. Das Drehbuch schrieben Reiner und Martin unterstützt von George Gipe. Wochenlang sahen sich Reiner und Gipe 4-5 alte Filme an. Reiner: „Zuerst sahen George und ich uns stundenlang Filme an auf der Suche nach besonders geeigneten Szenen und Dialogpassagen, die zweideutig genug waren und auch Gegendialoge erlaubten. Die Idee begann Gestalt anzunehmen. Wir nahmen all die Dialoge und hefteten sie an eine große Tafel, wo wir sie in eine Geschichte verwandelten. Herauskam eine Handlung, die nicht verwirrender war als „The Big Sleep“.

Die Idee und ihre Umsetzung ist grandios und in seinem Genre absolut einzigartig (= 4 PÖNIs).