TOKAREV

Was macht eigentlich…NICOLAS CAGE??? Der inzwischen 50jährige „Oscar“-Preisträger („Leaving Las Vegas“/1996) steht immer im Focus der filminteressierten Öffentlichkeit, besitzt weiterhin eine erhebliche weltweite Fan-Gemeinde, obwohl er in den letzten Jahren nicht gerade mit herausragenden Filmen und Filmauftritten beeindruckte. Um es ganz höflich zu formulieren. Seine neueste Produktion ist denn auch bei uns nicht erst im Kino zu sehen, sondern hat gleich seine Premiere für das Heimkino:

TOKAREV“ von Paco Cabezas (USA 2013; B: James Agnew, Sean Keller; K: Andrzej Sekula; M: Laurent Eyquem; 98 Minuten; Heimkino-VÖ: 13.5.2014).

Es ist der erste Ami-Film des 1978 im andalusischen Sevilla geborenen Schriftstellers, Drehbuch-Autoren und Filmregisseurs PACO CABEZAS, der vor allem mit seinem vorletzten Streifen „Neon Flesh“ (2011) international bekannt wurde. Was er mit diesem mit 25 Millionen Dollar budgetierten Film abliefert, schaut zunächst und eine ganze Zeit wie ein „üblicher“ Rache-Thriller bekannter Machart aus. Wie „Ein Mann sieht rot“ 2014. Mit dem Neffen von Francis Ford Coppola, Nicolas Cage, in Charles Bronson-Positur. Als Paul Maguire. Ein ehemaliger Krimineller, der vor 15 Jahren ausgestiegen war, um bürgerlich zu werden. Und jetzt als Geschäftsmann in der Bau-Branche ebenso seriös erfolgreich wie allgemein anerkannt ist. Nachdem seine Ehefrau vor Jahren (an Krebs) verstarb, ist er jetzt mit Vanessa (RACHEL NICHOLS) liiert, die seine 15jährige Tochter Caitlin (Aubrey Peeples) genauso mag wie Paul. Alles läuft super. Familie, Job, die Existenz.

Der Film verführt anfangs in ein gepflegtes, glattes, sauberes Gute-Bürger-Milieu. Doch irgendwie läuft unterschwellig eine fühlbare wie undefinierbare (An-)Spannung mit. Man ahnt, dass hier bald etwas passieren wird. Etwas keineswegs Gutes. Doch vorerst hören wir aus diesem Umfeld Klischee-Sätze wie „Es gibt kaum was Befriedigenderes als ehrliche Arbeit“. Oder, schlimmer: „Es ist beeindruckend, wenn ein Mann sich nicht scheut, die Ärmel hochzukrempeln“. Also – aha, ein blöder Film. Punkt. Oder Fragezeichen? Will mich hier eigentlich sehtechnisch herauswinden, wenn da nicht dieses Gefühl wäre, dass man solche Äußerungen ja auch „ganz anderes“ interpretieren kann. Möglicherweise. Doppelbödig(er).

Naturgewalten, Donner und Blitz, kündigen Unheil an. Caitlin wird entführt und ermordet aufgefunden. Paul ist – verständlicherweise – außer sich. Aufgebracht. Lässt sich auch durch den eher väterlichen Detective St. John von der Polizei (DANNY GLOVER) nicht beruhigen. Der ihm verspricht, den oder die Mörder seiner Tochter zu finden. Holt zwei alte Kumpels „von damals“ zusammen, wechselt vom Anzug in die Lederjacke und beginnt mit eigenen Ermittlungen. Der entsprechende Satz dazu: „Wir tun, was notwendig ist. Auch wenn es schmutzig wird!“ Jede Läuterung hat Grenzen. Wenn NICOLAS CAGE in Liam Neeson-Manier („96 Stunden“) nun für „kranken Radau“ sorgt. Oder?

Also alles doch klar?: Die übliche Law and Order-Gewalt-Tour. Durch die russische Mafia-Scene. Denn dort werden die Schuldigen vermutet. Schließlich wurde Caitlin mit einer Tokarev TT 33er-Waffe erschossen, die gerne dort benutzt wird. „Mutti“- Zuhause gibt dann auch ihre Mut-Zustimmung: „Tu, was notwendig ist“. „Wie tief sollen wir graben?“ „Wie tief ist die Hölle?“

Im Untertitel wird der Film hierzulande mit „Die Vergangenheit stirbt niemals“ bezichtigt. Und dies ist ein Schlüssel für eine der pointiertesten, gleich = gelungensten Story-Foppereien der letzten Jahre. Seit dem ersten „Saw“-Horror-Movie (2004) und Woody Allens „Match Point“ (2005) gab es nicht mehr eine solche – und durchaus plausible – (Auf-)Lösungsüberraschung. Was sich in vielen Momenten als Dutzend-Krimi-Ramsch im Denken und Handeln aufplusterte, entpuppt sich tatsächlich, also letztlich, als eine raffinierte psychologische Thriller-Ballade. In der verblüffende Wendungen, blutige Handhabungen und erstaunliche tragische Bewegungen für unterhaltsame Irritationen sorgen. An denen der Tarantino-Kameramann ANDRZEJ SEKULA („Reservoire Dogs“; „Pulp Fiction“) mit seinen exzellent-düsteren Bildern einen atmosphärischen Spitzenanteil hat.

„TOKAREV“ oder: Du musst dir Filme erst bis zum kompletten Ende ansehen, bevor du wertest. Gut, nicht wirkliche alle, aber DEN hier auf jeden Fall: Der bittere Suspense-Reiz wirkt enorm.

Anbieter: „Ascot Elite Home Entertainment“