TIMBUKTU

TIMBUKTU“ von Abderrahmane Sissako (Co-B + R; Frankreich/Mauretanien 2013; Co-B: Kessen Hoch; K: Sofian El Fani, M: Amine Bouhafa; 96 Minuten; Start D: 11.12.2014); wir hören DAVON. Täglich. Im Rundfunk, beim Fernsehen. Lesen DARÜBER in den Zeitungen. Und Magazinen. Doch gegen die kriegerischen, mörderischen Katastrophen in der „fernen Welt“ sind wir in zwischen mächtig abgestumpft. Es gibt zu viele davon. Einzig, wenn wir „direkt“ zusehen und zuhören können, quasi „mit-dabei sind“, beginnt die Lethargie zu weichen. Einer immensen Anteilnahme. Wie zum Beispiel bei einem wunderbaren Kino-SPIELFILM. Wie diesem.

Der im Frühjahr beim Cannes-Festival im Wettbewerb lief und von Mauretanien für die Auslands-„Oscar“-Nominierungen 2015 gemeldet wurde. Timbuktu ist eine Oasenstadt im westafrikanischen Staat Mali. Als fundamentalistische Islamisten in die Region eindringen, ändern sich die Lebensverhältnisse extrem. Vor allem Verbote werden ausgerufen: Rauchen, Fußballspielen, Hausmusik, die zwangslose Begegnung zwischen den Geschlechtern; Frauen sollen außer einem Chador auch Handschuhe und Socken tragen. Worauf die Bewohner eher lethargisch reagieren. Man geht erst einmal weiter den täglichen Gewohnheiten nach, bis die drakonische neue Rechtsprechung der Scharia ihre Wirkung erreicht. Und Widerstand nur noch „absurd“ existiert. Etwa, wenn junge Burschen über einen staubigen Fußballplatz ohne Ball flitzen, als pure Imagination. Doch die Zerstörung des einstmals besonnenen, toleranten Gemeinwesens durch die neue selbsternannte aggressive „Herrschaft“ wird immer drastischer.

Währenddessen führt der Beduine Kidane IBRAHIM AHMED) mit seiner Familie (Frau und Tochter) und seiner Rinderherde in den entfernten Dünen ein friedliches Leben. Zwar sind viele Stammesgenossen vor den Dschihadisten geflohen, er aber ist geblieben. Als seinem Hirtenjungen eines Tages eine Kuh entwischt, entsteht Streit mit dem Nachbarn. Als Kidane ihn versehentlich tötet, gerät auch er in die Klauen und Recht-Haberei der neuen Machthaber.

Deren Treiben der seit Anfang der 1990er Jahre in Frankreich lebende 54jährige afrikanische Filmemacher ABDERRAHMANE SISSAKO nicht mit blinder Wut, sondern mit zu-treffenden, kraftvollen Menschen- und elegischen Seelen-Bildern auffängt. Dem kräftigen Ausdruck in den Gesichtern, den präsenten Bewegungen der Gepeinigten wie den entlarvenden Doppelmoral-Gesten und Handlungen der berechnenden Okkupanten.

Sanfte Ironie lächelt weise. In eindrucksvollen Bildern. Über kurze Momente von Glück. Zum Beispiel in der vom Wahn der Menschen noch unberührten Ruhe der Natur. “Timbuktu“, der poetische Polit-Film, ist eine lakonische Hymne auf die Würde und den Respekt vor dem Menschen. Inmitten schrecklicher, menschenverachtender Begebenheiten. Aktueller Ereignisse. Erreicht als Aufschrei gegen die Zerstörung von Kultur und Kulturgütern enorme Wirkung. Zielt bestens auf Kopf UND Bauch. Und lässt intensiv darüber nachdenken wie einzigartig wertvoll Freiheit und Humanität sind (= 4 PÖNIs).