SHOCK AND AWE – KRIEG DER LÜGEN

„SHOCK AND AWE – KRIEG DER LÜGEN“ von Rob Reiner (Co-Produzent + R + HD; USA 2016; B: Joey Hartstone; basierend auf „The Life Stories“ von: Joseph Galloway / Jonathan Landay / Warren Strobel / John Walcott für das US-Medien-Unternehmen „Knight Ridder“; K: Barry Markowitz; M: Jeff Beal; 90 Minuten; deutsche Heimkino-VÖ: 23.10.2018). SHOCK AND AWE, also Schrecken und Furcht, bezeichnet im englischsprachigen Militärjargon eine Taktik, bei der man einen Gegner dermaßen verunsichert, dass er von Verteidigungsmaßnahmen absieht. Dies geschieht zumeist durch militärische Aktionen, die dem Feind die eigenen Macht vorführen = demonstrieren sollen. Durch diese Präsentation der eigenen Macht wird die Gegenseite durch Furcht gelähmt und demoralisiert. Shock and Awe fand insbesondere im Zusammenhang mit der Berichterstattung zu den US-Streitkräften im Irak Verbreitung in den (nicht nur) amerikanischen Massenmedien. Auf gut deutsch: Amtliche Fake-News als Tarnung für Wahrheit(en).

Die Vereinigen Staaten von Amerika befinden sich in einem Schock-Zustand. Stichwort: Die Terror-Anschläge vom 11. September 2001. Die Trauer, der Schmerz und die Wut sind groß. Im ganzen Land. Beim Entscheider-Zirkel um Präsident George W. Bush entschließt man sich, in der Folgezeit eine „nachhaltige Antwort“ vorzubereiten. Man will der Welt und vor allem sich beweisen, weiterhin „die Weltpolizei“ Nummer 1 zu sein. Die nach solch widerwärtigen Terror-Attacken „entsprechend“, also „GROß“ reagieren will. Zurückschlagen will. Also nicht mit diplomatischen, sondern mit kriegerischen Gegenmaßnahmen. Deshalb zieht man sich gerade aus Afghanistan zurück, um einen neuen Krieg im Irak an-zu-zündeln. Schließlich besitze der dortige Machthaber Saddam Hussein Massenvernichtungswaffen. Heißt es aus dem „offiziellen“ Washington. Fast die gesamte Presse folgt diesen Statements aus dem Weißen Haus, die als Grund dafür dienen werden, dass dann 2003 der kriegerische Einmarsch in den Irak beginnt. Um das Land von seiner Diktatur zu befreien und dort eine Demokratie nach westlichem Muster – „möglichst schnell“ – zu errichten. Kritische Hinweise, dass ja schon einmal, „neulich“, ein „falscher Krieg“ zu vielen Todesopfern unter jungen Amerikanern geführt habe, Stichwort: Vietnam, werden ignoriert. Die Medien gehen einher mit den Entscheidern und folgen brav ihren amtlichen Argumenten eines neuerlich „notwendigen Krieges“.

„Knight Ridder“ ist zu jener Zeit ein US-amerikanisches Medienunternehmen, das andere Medien im Land mit gut recherchiertem News-Material versorgt. Doch in jenen Tagen werden die kritischen Artikel von vier besonders investigativen Journalisten von „Knight Ridder“ kaum übernommen. Abgedruckt. Das Argument: Ihre Artikel seien nicht glaubhaft-glaubwürdig. Schließlich sagen ja „die Oberen“ das genaue Gegenteil von dem, was das Team um den erfahrenen John Walcott (ROB REINER) herausbekommen haben will. Nämlich, dass es gar keine Massenvernichtungswaffen im Irak gibt. Dass hier nur einmal wieder ein Krieg geführt werden soll, um „lukrative Geschäfte“ zu machen. Irak ist schließlich Ölland. Und die Waffen-Lobby in den USA sieht erneut einen profitablen „Absatzmarkt“ auf sie zukommen. Deshalb können sich die aktuellen „Watergater“: „Bernstein & Woodward“ – alias nun Jonathan Landay (WOODY HARRELSON) und Warren Strobel (JAMES MARSDEN) – noch so ihren journalistischen Recherche-Arsch aufreißen: ihren „anderen“ kritischen Wissens-Ergebnissen wird nicht geglaubt. Selbst die „New York Times“ übernimmt nur die offiziellen Verlautbarungen von Regierenden wie Donald Rumsfeld. „Wenn die Regierung Scheiße baut, zahlen die Soldaten den Preis dafür“, warnt der „Knight Ridder“-Berater und Vietnam-Veteran Joe Galloway (TOMMY LEE JONES). „Es ist meine Aufgabe, das amerikanische Volk zu schützen“, erklärt Präsident Bush die bevorstehende Offensive. Und lässt mit falschen Versprechen und Lügen schließlich in den Krieg ziehen.

Deren Folgen wir noch heute täglich „abbekommen“, informiert der Nachspann: 17 Jahre danach kämpfen Truppen immer noch im Irak. Jetzt in einer destabilisierten Region gegen den IS. / 2 Billionen US-Dollar-Kosten kostete bislang dieser „schnelle“ und „sichere“ Krieg. / Über 36.000 getötete oder verletzte amerikanische Soldaten/Innen sind zu beklagen. / Eine Million Iraker wurden getötet oder verletzt. / 0 gefundene Massenvernichtungswaffen. 

Im Bonus-Feature wird deutlich, dass selbst die prominenten Mitwirkenden hier – zu denen sich noch MILLA JOVOVICH und JESSICA BIEL gesellen – von diesen kritischen Journalisten und von ihrer engagierten einstigen Tätigkeit nichts wussten. Um so mehr führte die Begegnung mit den journalistischen Veteranen am Set zu spannenden Diskussionen: Der Film „zeige, wie echter Journalismus aussieht und was wir durch den Tod der Zeitungen verlieren werden“, verlautbart WOODY HARRELSON. Während Co-Produzent und Regisseur ROB REINER, Jahrgang 1947, einer der profiliertesten US-Filmemacher überhaupt („Stand by Me – Das Geheimnis eines Sommers“; „Harry & Sally“; „Misery“; „Eine Frage der Ehre“; „Das Beste kommt zum Schluss“), darauf verweist, dass „Demokratie nur dann gelingt, wenn WIR ALLE zusammenkommen können“.

Natürlich sind die Parallelen zum TRUMP-Heute unverkennbar. Unüberhörbar. Da können aufrechte, der Wahrheit verpflichtete Journalisten / Reporter sich noch so anstrengen: das Enthüllen von Wahrheit und Tatsachen bedeutet nicht, dass Menschen diese auch hören oder gar akzeptieren oder überhaupt zur Kenntnis nehmen wollen. Deshalb heißt es auch vor dem Vorspann nicht nur: „Nach einer wahren Geschichte“, sondern zugleich wird auch der namhafte US-amerikanische Ehrendoktor-Journalist, Kolumnist und Polit-Kommentator BILL MOYERS zitiert: „Es gibt keinen wichtigeren Kampf für die amerikanische Demokratie als die Gewährleistung vielfältiger, unabhängiger und freier Medien“. 

Nicht nur für die amerikanische Demokratie. Sondern auch für die Demokratie in unserem Land. Sind unabhängige, freie und kompetente, wache Medien bedeutsam. Bleibend vonnöten. Dieser US-SPIELFILM jedenfalls ist spannend, intelligent, anregend. Und hätte auch mal ein deutsches Spielfilm-Spannungs-Pendant verdient. Aber – wer hat, wer besitzt solchen Realisierungs-Mut bei uns? (= 4 PÖNIs).

P.S.: „The New York Times“ entschuldigte sich später bei den Lesern für ihre Falsch-Berichterstattung in Sachen Vorbereitungen zum Irak-Krieg und den investigativen, engagierten Journalisten von „Knight Ridder“ wurde anlässlich späterer Auszeichnungen bestätigt: „Alles, was Sie in den 18 Monaten vor dem Irak-Krieg schrieben, entsprach der Wahrheit!“. 

Anbieter: „EuroVideo Medien“.

 

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