DAS SCHMUCKSTÜCK

DAS SCHMUCKSTÜCK“ von Francois Ozon (B+R; Fr 2009/2010; 104 Minuten; Start D: 24.03.2011); es ist der nunmehr 13. Film des am 15. November 1967 in Paris geborenen Sohn eines Biologen und einer Französisch-Lehrerin (der, lt. Presseheft, „katholisch erzogen“ wurde). Er hatte seine umjubelte Welturaufführung beim letztjährigen Venedig-Festival und fand in Frankreich ein Millionen-Publikum (rd. 2,3 Millionen Kinobesucher). Ozon, dessen Werke wie „Tropfen auf heiße Steine“ (2000; nach einem Theaterstück seines Idols Rainer Werner Fassbinder), „Unter dem Sand“ (2001/mit Charlotte Rampling), natürlich „8 FRAUEN“ (2002/mit u.a. Catherine Deneuve, Isabelle Huppert und Fanny Ardant) sowie zuletzt „Ricky – Wunder geschehen“ (2008) + „Rückkehr ans Meer“ (2009) auch bei uns bekannt und geschätzt sind, grübelt hier wieder einmal „leichter“, aber keineswegs seichter, also vortrefflich bitter-komisch. Adaptierte das 1980 herausgekommene Bühnenstück „Potiche“ von Pierre Barillet und Jean-Pierre Grédy.

„POTICHE“, so auch der Originaltitel des Films, bezeichnet in Frankreich eine besonders dekorative Vase. Und eben auch sog. „Vorzeigefrauen“, also attraktive Anhängsel erfolgreicher Männer. „Schmuckstücke“ eben. Madame Suzanne, Gatin des Regenschirm-Fabrikanten Robert Pujol, ist anno 1977 solch eine „Bei-Frau“ („Deine Aufgabe ist es, meiner Meinung zu sein“). In dem kleinen nordfranzösischen Städtchen Saint-Gudule. Als wir ihr das erste Mal begegnen, hat sie gerade ihre häuslichen Arbeiten ruhen lassen, um in einem knallroten Trainingsanzug und mit blonder, zugedeckter Betonfrisur durch den Wald zu joggen. Dabei werden unterwegs „bekannte“ Rehe, Eichhörnchen und Hasen begrüßt. Und die soeben gemachten Eindrücke in einem Notizbuch verewigt. Als Poem.

Denn Madame mag Gedichte. Selbstverfasste. Und französische Chansons. Deshalb trällert sie am häuslichen Herd auch gerne mal mit dem Radio mit. In der großen Villa. Wo sie stets auf einen übelgelaunten Ehemann trifft. Den cholerischen Kapitalisten nervt gerade ein Streik der Fabrikarbeiter. Wie im Grunde überhaupt alles. Deshalb behandelt er seine Frau auch ständig abfällig. Die „Nutzlose“ soll ihm gar nicht „in die Quere“ kommen. Beruflich nicht, und schon gar nicht „privat“. Denn Monsieur „speist“ gerne aushäusig. Mit seiner Sekretärin.

Also putzt und trällert die vermeintlich „unterbelichtete“ Suzanne gelangweilt im Eigenheim herum. Begrüßt ihre erwachsene Tochter Joelle, die sich gerade von ihrem ständig abwesenden Mann scheiden lassen will, sowie ihren erwachsenen Sohn Laurent zu ihrem (von ihrem Ehemann natürlich vergessenen) Geburtstag. Alles würde vermutlich „so“ weiterlaufen, würde nun Maurice Babin nicht eingebunden werden „und mitmischen“, der örtliche kommunistische Abgeordnete und ehemalige Gewerkschaftsführer. Er soll in Sachen Fabrik + Streik vermitteln, denn die Streikenden haben den „herzanfälligen“ wie rotzigen Pujol als Geisel genommen.

Der ebenso füllige wie feinfühlige Babin hilft der Familie und vor allem Suzanne gerne, kann man sich doch dabei auch an eine gemeinsame, weit zurückliegende Romanze HERZlich erinnern. DIE für den Politiker „eigentlich“ noch immer nicht „so richtig“ abgeschlossen ist. Und möglicherweise auch nicht für (die einst gar nicht so „unschuldige“) Madame. Doch ehe man sich auf eine tiefere neue Gefühlswallung einlassen kann, wird Madame Suzanne Pujol plötzlich Firmenchefin. Weil Gatte Robert sich zu sehr aufgeregt und einen Herzanfall erlitten hat. SIE soll und muss plötzlich die Leitung des Unternehmens übernehmen. Was zur Erfolgsstory wird. Für sämtliche Beteiligten. Bis „der Alte“ gesund, munter und äußerst kratzbürstig zurückkehrt und „seinen Chef-Platz“ wieder einfordert. Was seiner „veränderten“, nunmehr geübten, selbstbewussten Ehefrau überhaupt nicht gefällt. Einspruch, Monsieur! Die „Kabbelei“ driftet in die nächste, entscheidende, subversive Runde. Politisch wie privat. Beziehungsweise umgekehrt.

Die 70er Jahre. Die Entwicklungsjahre. In Sachen FRAU. Ausbeuter haben Hochkonjunktur. Doch Frauen fangen an „sich zu bewegen“. Geistig wie körperlich. Emanzipatorisch. Francois Ozon bildert dies mit viel feinem, stimmungsvollem, augenzwinkerndem Zeitkolorit auf: Szenenbild, Ausstattung, Kostüme, herrlich; das ganze Programm der prallen Schrill-Farben erinnert an das Nierentisch-Gestern. Und an das sich nun bewegende Danach. Äußerlich wie innerlich. In dem eine (nunmehr) geforderte Suzanne aufblüht. Erwacht. Anpackt. Und nicht wieder loslässt. Stellvertretend für so viele bis dato heruntergebutterte Madames bzw. Mademoiselles. Ozon erzählt dies nicht verbittert, mit „Botschaft“ und „Ausrufungszeichen!“, sondern subversiv lächelnd. Mit viel bösem, hintergründigem Charme. Und tollem Personal: Wie einen ständig stinkigen Louis de Funès-ähnlichen Zappelschreiphilipp FABRICE LUCHINI – als ekliger Herrenmensch Pujol. Der sogar einmal den aktuellen französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy brüllend zitiert: „Wenn sie mehr Geld wollen, sollen sie mehr arbeiten!“.

Der gute füllige GERARD DEPARDIEU dagegen, der anscheinend ununterbrochen arbeitet (wir erinnern uns an die filmischen Neulich-Köstlichkeiten wie „Mammuth“ und „Das Labyrinth der Wörter“), gibt den linken Oldie-Lover mit einer prächtigen Souveränität und Verletzlichkeit. Und seine Disco-„70er“-Tanzeinlage mit IHR, die in Venedig für tosenden Zwischenbeifall sorgte, ist einfach herrlich. Ironisch. Wunderschön. Wie SIE. Der dieser Film gewidmet ist. Und DIE einfach grandios auftritt. Formidabel mit- und aufmischt: „Das Schmuckstück“ ist eine Verbeugung, eine Hommage an DIE französische Grand Dame-Ikone – an CATHERINE DENEUVE. Wie sie hier ihre Bourgeoisie-Trulli unaufgeregt, witzig, perlen-charmig wie frivol aufpellt, ist ebenso hübsch wie klug-bedenkenswert. Ebenso „cool“ wie sensibel. Ebenso piefig-zweideutig wie entspannt-pointiert. Ohne radikale Thesen, ohne verbiesterten weiblichen Fahnenbrand. Sondern mit viel Eleganz, flottem Draufgängertum, anpackender femininer Kühnheit.

Francois Ozon hat mit „Das Schmuckstück“ einen prächtigen, erfrischend-durchtriebenen Fabelspaß geschaffen. In dem er eine altbackene Boulevard-Vorlage intelligent unterwanderte, um sie süffisant-köstlich, als vielsagend-lächelnde Schön-Bitter-Komödie mit nostalgischem Gegenwartsgeschmack, unterhaltsam auszubreiten. Denn viele Töne, viele Gedanken von einst, viele Motive von damals (lieber in Tunesien produzieren als Wohlstand für alle, lärmt der verantwortungslose Patriarch) sind weiterhin SEHR in (globaler) Mode. Doch bevor es zu „dick“ düster wird, gibt einmal mehr SIE am Schluss den – bei Ozon typischen – vergnüglichen Musik-Ton an: Catherine Deneuve singt, direkt in die Kamera, also zu uns hinblickend, „C´est beau la vie“, also „Das Leben ist schön“. Das Dasein als freudiges Ereignis. Pourquoi Pas? Warum denn nicht??? (= 4 PÖNIs).