SCHMETTERLING UND TAUCHERGLOCKE

„SCHMETTERLING UND TAUCHERGLOCKE“ von Julian Schnabel (Fr 2006; B: Ronald Harwood; nach dem gleichn. autobiographischen Roman von Jean-Dominique Bauby; K: Janusz Kaminski; M: Paul Cantelon; 112 Minuten; deutscher Kino-Start: 27.03.2008); ER stammt aus New York City; ist Jahrgang ´51 (= also heute 56); studierte von 1969 bis 1973 an der Uni in Houston/Texas; besuchte in den Jahren 1973/74 das „Independent Study Program“ am „Whitney-Museum“ in New York. 1976 arbeitete er als Koch, bis 1979 folgten längere Aufenthalte in Italien, Frankreich, Spanien und Deutschland. Julian Schnabel ist Maler; gilt als einer der Hauptvertreter des Neoexpressionismus/NEW IMAGE PAINTING. Viele seiner Werke sind auf unebenen Oberflächen von gebrochenem Glas oder Porzellan gemalt. Er hat u.a. auch die Cover der Alben „The Raven“ von LOU REED und „By The Way“ der Band RED HOT CHILI PEPPERS gestaltet. (Hier bildete er auch seine Tochter Stella ab, die damals eine Beziehung mit dem Gitarristen der Gruppe, John Frusciante, unterhielt). 1995 stellte Schnabel ein eigenes Album namens „Every Silver Lining Has A Cloud“ vor, an dem sich die Musiker Bill Laswell, Buckethead, Bernie Worrell und Nicky Skopelitis beteiligten. Seit Mitte der 90er Jahre ist Julian Schnabel auch als SPIELFILM-Regisseur tätig.

1996 realisierte er „BASQUIAT“, eine Biographie über den Künstler Jean-Michel Basquiat (= Jeffrey Wright). 4 Jahre darauf folgte „BEFORE NIGHT FALLS“; mit dem spanischen Schauspieler Javier Bardem (= gerade „Oscar“-prämiert als satanischer Killer in „No Country For Old Men“ von den Cohen-Brüdern und damals HIERFÜR „Oscar“-nominiert) als homosexueller kubanischer Schriftsteller Reinaldo Arenas. Der 3. Kinofilm von Julian Schnabel entstand in Frankreich, hatte im Vorjahr seine Uraufführung beim Cannes-Festival und erhielt die „Goldene Regie-Palme“. Danach gab es für „Schmetterling und Taucherglocke“ 2 „Golden Globes“ und 4 „Oscar“-Nominierungen.

Der Film basiert auf dem gleichnamigen autobiographischen Roman von JEAN-DOMINIQUE BAUBY (gesprochen Bobbii). Dort heißt es am Anfang: „DER TAUCHERANZUG WIRD WENIGER DRÜCKEND UND DER GEIST KANN WIE EIN SCHMETTERLING UMHERFLATTERN“. Bauby war Journalist, Autor, Chefredakteur der Zeitschrift „Elle“, befand sich auf der ÜBERHOLSPUR des Lebens (= Wein, Weib, die Künste, das Reisen…), als er am 8. Dezember 1995 – im Alter von 43 Jahren – einen MASSIVEN Schlaganfall erlitt. Das extrem seltene „Locked-In-Syndrom“ wird diagnostiziert: Der Körper ist vollständig gelähmt, man kann nur ein wenig den Kopf bewegen, ansonsten ist eine Kommunikation nur mit AUGEN-BLINZELN möglich; ausschließlich mit dem linken Auge: 1 x ja, 2 x nein. DER MENSCH IST QUASI IN SEINEM EIGENEN KÖRPER EINGESCHLOSSEN; bei/mit hellwachem Geist.

Mit Hilfe einer Sprach-Therapeutin und einer Lektorin beginnt Bauby, ein Buch „zu schreiben“. Ein „Augen-Buch“ sozusagen, mit SPEZIELLEM ALPHABET (= die Buchstaben werden nach der Häufigkeit in der französischen Sprache geordnet). Eine Sisyphos-Arbeit; 28 Kapitel, 130 Seiten. Über seine Erfahrungen, Phantasien, Wünsche, Träume, über seinen Zustand („Die Schwere des unbrauchbaren Körpers, die Leichtigkeit des weiterhin wachen Geistes“). Nach 14 Monaten ist es soweit, am 6. März 1997 erscheint das Buch in Frankreich, Jean-Dominique Bauby stirbt 3 Tage danach an Herzversagen; das Buch wird zum Bestseller, erscheint 1998 erstmals in Deutschland, befindet sich hier-heute in der 9. Auflage.

Der Film ist packend, bedrückend, berührend, human, großartig in der Balance zwischen Authentizität in Bildern und Motiven, dem Sichtbar-Machen des Leids und des Leidendens und dem würdevollen wie sogar selbstironischen, also „unterhaltsamen“ Einfühlungsvermögen. Man möchte trauern/mit-heulen und darf sich – respektvoll – „amüsieren“. Unglaublich, aber es gelingt. „Schmetterling und Taucherglocke“ ist eine HYMNE auf das Leben, auf das GLÜCK zu leben, lebendig zu sein, sich von Kopf bis Fuß „freihändig“ bewegen zu können („Als ich gesund war, war ich gar nicht lebendig. Ich war nicht da. Es war recht oberflächlich. Aber als ich zurückkam, mit dem Blickwinkel des Schmetterlings, wurde mein wahres Ich wiedergeboren“). Ohne dabei kitschig, pathetisch, denunzierend, gar peinlich oder voyeuristisch zu sein, ganz im Gegenteil: DIESE Innen- wie Außen-Ansichten eines kaputten, aber nicht zerstörten Mitten-Drin-Lebens werden behutsam wie kraftvoll wie poetisch wie spannend entwickelt, erklärt, vorgeführt, gespielt. Mit GENAU dem passenden Blick und Ton zwischen Erbarmen und Ermutigung, zwischen Tiefe und Glaubwürdigkeit, zwischen Zeigen und Emotionen.

Dabei hat es der Hauptakteur, der französische Schauspieler MATHIEU AMALRIC (= der Bösewicht im nächsten Bond), am allerschwersten. Denn er muss sich stets im Liegen oder Sitzen und quasi regungslos „präsentieren“. Hat im Off seine (bisweilen listig-ironischen) Kommentare, aber das war es schon. Umso beeindruckender SEINE sensible, unangestrengte, wie „selbstverständliche“ Interpretation/Präsenz. Zuhause gab es dafür zu Recht kürzlich den französischen „Oscar“, den „CÉSAR“, als „Bester Darsteller“. Bei ihm bzw. durch ihn wird der befreiende Sieg des Geistes über die Vergänglichkeit des Körpers massiv spürbar, nachvollziehbar. Eine geradezu unglaublich-überzeugende darstellerische Reife, Würde, Glanzleistung. Unterstützt wird er dabei von prominenten wie schönen einheimischen Stichwortgebern wie Emmanuelle Seigner als Ehefrau; Marina Hands als seine Geliebte, Marie-Josée Croze als Sprachtherapeutin, Anne Consigny als Lektorin und Max von Sydow als Vater. Doch dass DIES HIER auch WIRKLICH bzw. RICHTIG-emotional wie gedanklich „funktioniert“, liegt nicht nur am Regisseur und seinen grandiosen Akteuren, sondern auch an zwei weiteren MAßGEBLICH Beteiligten: „Oscar“-Drehbuch-Autor RONALD HARWOOD („Der Pianist“), dessen Szenarium „stimmt“, stimmungsvoll ist, packt, und an „Oscar“-Kamera-As JANUSZ KAMINSKI („Schindlers Liste“; „Der Soldat James Ryan“/beide von Spielberg), der es hier eindrucksvoll versteht, SEELE visuell SICHTBAR zu machen.

Deshalb: Wie schon im Buch erlaubt es auch sein Film letztlich zu sagen: „SEIN WERK IST EINE CHANCE, BEWUSSTER ZU WERDEN“ (= 4 PÖNIs).

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