Saint Amour Kritik

SAINT AMOUR –DREI GUTE JAHRGÄNGE“ von Benoit Delépine und Gustave Kervern (B + R; Fr/Belgien 2015; K: Hugues Poulain; M: Sébastien Tellier; 102 Minuten; Start D: 13.10.2016); es ist ein Nebenbei-Moment und wird dennoch in die Filmgeschichte als eine der „außergewöhnlichsten, schönsten Kino-Liebes-Szenen“ eingehen. Im Bett: Der (zur Drehzeit) 67jährige GERARD DEPARDIEU und die 68jährige ANDRÉA FERRÉOL („Das große Fressen“/1973). Man liebkost sich, streichelt sich zärtlich, dann beginnt man sich wieder anzuziehen. Dabei fällt ihnen ein, ja eigentlich nicht miteinander geschlafen zu haben. Fröhlich gestimmt geht man auseinander.

Mit „Mammuth“ (s. Kino-KRITIK) haben die beiden Filmemacher 2010 schon mal eine augenzwinkernd-schöne französische Komödie vorgestellt. Mit Gerard Depardieu als gallischem Asphalt-Outlaw. Hier mimt er den Landwirt Jean, der zur Agrarmesse nach Paris kommt, um mit seinem prächtigen Zucht-Bullen einen Preis abzuräumen. Im Schlepptau Sohn Bruno (BENOIT POELVOORDE), der diesen Trip zu einem Besäufnis nutzt. Bruno ist unverheiratet und frustriert. Möchte aus dem bäuerlichen Familien betrieb aussteigen und scheut die Nähe zu seinem Vater.

Um die Stimmung nicht vollends kippen zu lassen, beschließen Senior, der immer noch auf die Handy-Mailbox seiner verstorbenen Ehefrau Nachrichten spricht, und der in die Jahre gekommene Junior, einen gemeinsamen Kurz-Trip durch berühmte Weinanbau-Gebiete zu unternehmen. Um sich quasi endlich auszusöhnen. Gemeinsam mit dem jungen, etwas eigenwilligen Taxifahrer Mike (Mik-e/= VINCENT LACOSTE) beginnt eine private Odyssee mit reichlich Gefühlsschwankungen, Proben und „erkenntnisreichen“ sexuellen Eskapaden.

Die Melancholie der Generationen: Der Titel ist Programm. Die vorzüglichen Schauspieler halten die Spannung. Gerard Depardieu, wieder mit seiner wunderbar-adäquaten deutschen Stimme MANFRED LEHMANN, gibt den sanften Ton an, ist einmal mehr der sensible Koloss Jean. Mit einer grandiosen Körpersprache. Und mit einem bärenstarken Charakter-Partner gegenüber: dem belgischen Star Benoit Poelvoorde. Neulich noch als grantiger Gott in „Das brandneue Testament“ nervös unterwegs, ist er jetzt als Bruno aktiv, um endlich aus den verdammten „emotionalen Verklemmungen“ herauszukommen. Der exotische Dritte im Bunde, Vincent Lacoste als Fahrer, vertritt die irritierte junge Generation, mit viel Flausen und Selbstbetrug im Kopf.

Eine weitere Köstlichkeit: Der französische Schriftsteller-Rebell MICHEL HOUELLEBECQ mit einem witzigen Gast-Auftritt als merkwürdiger Betreiber einer Privat-Pension.
Provokanter Sinn-Charme. „Saint Amour“ handelt von der möglichen Vitalität des Lebens, egal in welcher Generation und mit welchen (hier: Road Movie-)Hilfsmitteln auch immer zu erreichen. Und die Schauspieler sind dabei so wunderbar-einfühlsam wie liebe-voll (= 3 ½ PÖNIs).