THE RIOT CLUB

THE RIOT CLUB“ von Lone Scherfig (GB 2013; B: Laura Wade, basierend auf ihrem Theaterstück „Posh“; K: Sebastian Blenkov; M: Kasper Winding; 106 Minuten; Start D: 09.10.2014); ich sehe Ami-Filmbilder. Da ist eine Clique von 10 völlig unerzogenen, sich selbst in den Gott-Himmel hebenden Gören aus (ganz) reichem Hause. Die benehmen sich wie die Säue, schlagen schließlich einen Menschen fast tot. Doch der ermittelnde Polizist lässt sich auch nicht durch einen „ganz dicken Scheck“ der Eltern davon abhalten, dies „mit seinen (rüden) Methoden“ letztendlich aufzuklären. Am Ende haben diese schrecklichen Lausebengels viel auf die Fresse und vom Richter die Rechnung gekriegt. Das Publikum kann beruhigt die Unterhaltungsstätte KINO verlassen.

Bitte alles vergessen. Wir befinden uns im heutigen Großbritannien. Präzise: Am heiligen Studien-Ort Oxford. Eingangs glaube ich mich allerdings an einem lebendigen Kabarett-Ort aufzuhalten und warte auf Volker Pispers, der mir mal wieder wütend – komisch Tiefen und Auswüchse des modernen Siegers, des Kapitalismus, vor Augen führt. Also Satire? Schön wäre es ja. Denn die Typen, die vor uns aufmarschieren, halten sich wirklich für absolut „was Besseres“. Sie haben bereits eine glänzende College-Ausbildung hinter sich, sind von ihren überreichen Eltern aufs definitive Gewinnen getrimmt und haben sich in einem Club zusammengetan, dessen Tradition aus dem 18. Jahrhundert stammt. Motto: Wenn die Geld- und Macht-Elite spricht. Und dekadent handelt. Abgehoben wie unangetastet. In voller Arroganz und mächtigem Hass auf „die Anderen“ blickend. Die Tölpel. Das gemeine Sozialschmarotzer-Volk. Den Pöbel. Und je mehr sie saufen und raufen und phantasieren „und tun“, umso angewiderter blicken wir auf diese Gestalten, diese zynische Aristokratie, die bald Englands gesellschaftliche, also wirtschaftliche wie politische Chefetagen und Schaltstellen der Macht füllen soll. Und wird. Wie wir erfahren. Nach den Ermittlungen gegen diese über jeden Verdacht erhabenen Bürger.

Lassen wir es inhaltlich sein. Und auch die einzelnen feudalen Arschgeigen in ihrer Typen-Grässlichkeit im Detail vorzustellen, missfällt mir. Nur so viel: In diesem exklusiven Zirkel sind gerade zwei Neue aufgenommen werden, und dies muss doch kräftigst „begangen“ werden. Was dann auch in einem ländlichen Pub folgt. Mit völlig aus dem Mächtigkeits-Ruder laufenden Folgen.

Die dänische Spielleiterin LONE SCHERFIG, Jahrgang 1959, war einst zu Hause in der „Dogma95“-Bewegung aktiv („Italienisch für Anfänger“/2000), bevor sie sich gen England absetze, wo sie 2009 für ihr Generations-Komödie „An Education“ (Drehbuch: Nick Hornby) viel Lob einheimste, zahlreiche internationale Preise gewann, während ihr gutes Film-Stück für zwei „Oscar“ nominiert wurde. Hier versetzt sie sich in die Spannungsspuren eines Alfred Hitchcock. Von Anfang an, ahnen / wissen wir, es wird etwas passieren. Etwas ganz Schreckliches. Wir kennen sogar die „schlimmen“ Beteiligten. Nur WANN und vor allem WIE, das ist die Zeit-Frage. In der Zwischenzeit, mit der langen Einleitung, lassen sich die Drehbuch-Autorin LAURA WADE, die auch das für das adaptierte Bühnenstück verantwortlich ist, „Posh“, also „Vornehm“, 2010 auf der Erdgeschoß-Bühne des Londoner „Royal Court Theaters“ uraufgeführt, und ihre Regisseurin viele „genüssliche“ psychologische Anspannungszeit, um ihre charmant-widerwärtigen Haudegen sorgfältig vorzuführen. Was vollauf gelingt, denn „The Riot Club“ ist einer der exzellentesten Ensemble-Filme überhaupt. Für jeden Saukerl die passende Visage. Die hochnäsige Körpersprache. Mit diesem erbärmlichen Diktum. Man „hängt dran“ an diesem snobistischen Reiz-Personal, während ihre verbalen Vorbereitungen für „das Fest“ in vollem Denk-Gange laufen. „Wir nehmen uns eine Auszeit – als Kunst“.

Faszinierende Abscheu-pur. Als Fiktion. Natürlich. Mit aber sehr vielem süffisanten Upperclass-Geschmack. Keineswegs (sehr) unwahrscheinlich erscheinend. Beängstigend? Oder bereits halbwegs „normal“? Reichtum als Motiv für Verachtung. Entmenschlichung. Besitznahme von Recht-Haben. Lizenz für die „berechtigte“ Ausübung von Gewalt. Letztlich: Die Klassen-Gesellschaft. Of course. Ein spannender Kopf-Thriller. Verbunden mit dem Hinweis: Der „Riot Club“ existiert zwar nicht, ist aber mit genügend Hinweisen auf den real existierenden britischen „Bullingdon Club“ versehen, in dem einst auch der britische Premierminister David Cameron Mitglied war (= 4 PÖNIs).