Raum

Wenn ein Film bei der deutschen Kino-Uraufführung (in diesem Frühjahr) die qualitative Höchstbewertung – 5 PÖNIs – bekommen hat, verdient er es auch, beim Heimkino-Start noch einmal hervorgehoben zu werden:

RAUM“ von Lenny Abrahamson (Irland/Kanada 2014; B: Emma Donoghue; nach ihrem gleichnamigen Roman/2010; K: Danny Cohen; M: Stephen Rennicks; 118 Minuten; Start D: 17.03.2016; Heimkino-Veröffentlichung: 28.07.2016); die Vorstellung ist mit „grässlich“ noch viel zu harmlos benannt, entsetzlich trifft es zwar auch nicht annähernd, aber zutreffend-schreckliche Worte hierfür zu finden, dafür ist „Sprache“ nicht ausreichend. Leider aber ist „Raum“ nicht unrealistisch. Wie wir längst wissen.

Die ersten Momente. Die Blicke. Zwei Menschen. Befinden sich allein in einem verriegelten Raum. Von neun Quadratmeter. In diesem schäbig anmutenden kleinen Zimmer sind vorhanden: ein Bett, eine Mini-Toilette, eine Koch-Ecke, ein Tisch, ein Schrank. Ein Fernsehapparat. An der hohen Decke ist „eine Lücke“, von dieser kommt Oberlicht „von draußen“ herein. Der Raum, das ist die Welt. Unsere reale Welt. Für den soeben fünf Jahre jung gewordenen kleinen Jack (JACOB TREMBLAY). Der hier mit seiner Ma lebt: Joy Newsome (BRIE LARSON). Vor sieben Jahren ist die damals 17jährige Joy entführt worden. Von Old Nick (SEAN BRIDGERS). Der sie seit damals hier in diesem „Room“ (Originaltitel) eingesperrt hat, um mit ihr „eine Beziehung“ zu führen. Jack ist sein Sohn; das Ergebnis unzähliger Vergewaltigungen.

Jack kennt nur diesen Raum. Ma hat ihm klargemacht, dass hier und nur hier „die Welt“ existiert. Eine andere gibt es nicht. Was im Fernsehen zu sehen ist, sei Fiktion. Traum. Erfindung. Hat sie ihm beigebracht. Dieser Raum. Ist alles. Hier wird geschlafen, gegessen, gespielt. Mit den „Freunden“, den Cartoon-Figuren. Von der Mattscheibe. Die Mutter bemüht sich, der kindlichen Fantasie dieses Universum so „schmackhaft“ wie möglich zu machen. Sein Da-Sein so erfüllend wie möglich tagtäglich zu gestalten. Aus Eierschalen werden Ketten gebastelt, sie bringt ihm lesen bei, macht tägliche Gymnastik mit ihm. Wenn Old Nick auftaucht, verkriecht sich der Junge in den Schrank. Ihre „Bedingung“ für den „Ehemann“, dass sie „mitmacht“. So konnte Jack zu einem „ganz normalen“ Jungen aufwachsen; trotz dieser vielen fürchterlichen Zumutungen und Zustände; von denen er nichts ahnt. Bislang. Jedenfalls.

Doch die Illusionen „schwächeln“. Zunehmend. Jack ist herangewachsen und stellt immer mehr Fragen. Die Belastbarkeit von Joy stößt an Grenzen. Als sie Jack erstmals und vorsichtig davon erzählt, was tatsächlich „ist“ und dass „draußen“ sehr viel mehr „Welt“ vorhanden sei, wird dies zum komplizierten Pläneschmieden für eine Flucht.

Diese gelingt. Aufregung allerorten.

„Draußen“ aber zeigt sich für das Kind und vor allem für die Mutter auf sehr unterschiedliche Weise „die neue Welt“. Es gilt, „Freiheit“ zu (er-)lernen. Wieder oder ganz neu. Die Aufnahme von Freiheit. Realität. Leben. Eigenständigkeit. Frei atmen. Können. Dürfen. Sollen. Müssen. Zugleich: Das grausame Geschehen zu verarbeiten. Dieser ganze Neu-Anfang. Innerhalb des Familien-Verbundes wie auch in und mit dieser komplizierten (Medien-)Welt. Physisch, aber vor allem psychisch. Stichwort: Joy und der Seelen-Horror. Während Jack den Übergang von Staunen, Entdecken, Mitmachen und schließlich Akzeptieren sehr viel besser „hinkriegt“, geht das Leiden für Joy weiter.

Ein Thriller? SO spannend ist der Film durchaus. Ein Gut-Böse-Movie, keineswegs. Natürlich ist die Wut auf diesen Mistkerl Old Nick groß, aber er bildet insgesamt hier nur eine widerliche Rand-Figur. Eine schlimme Bestie am Rande. Wo aber ist hier „die Schublade“, in die wir den Film zu packen gedenken? Zunächst – was er NICHT ist: Kein Billig-Reißer, kein Krimi-Schmöker mit Beiläufigkeit-Reiz, kein Pathos-Geschrei. SONDERN: Ein sagenhaftes, verblüffendes Psycho-Drama. Mit einer unter die Haut gehenden Suspense. Mit sehr viel und vielfach kaum erträglicher Glaubwürdigkeits-Atmosphäre. In Sachen Klaustrophobie sowie der vielen Stimmungsschwankungen der Mutter; zwischen Depression, Panik-Attacken und geheimem Aufbegehren. Weil die Liebe zu ihrem Sohn kein totales Aufgeben duldet. Und ihr Vorhaben stärkt, gemeinsam aus dem Raum herauszukommen.

Und mit zwei Akteuren, die unglaublich gut, überragend-gut, „funktionieren“. Spielen. Ich zögere in diesem Moment: Spielen? Hört sich nach „zu wenig“ an. Diese beiden faszinierenden Schauspieler vermitteln nie den Eindruck von „Tun“, sondern von „Echt“. Sie „sind“; sie existieren in ihren Charakteren. Sie berühren ungemein. Deshalb kommen wir ihnen dermaßen nahe. Empfinden mit ihnen. Sind emotional mit-aufgewühlt. Ich weiß nicht wie der Filmemacher LENNY ABRAHAMSON, dessen vierter Spielfilm „Frank“ (s. Kino-KRITIK) mir neulich überhaupt nicht gefallen hat, es geschafft hat, den 2010 in Kanada geborenen JACOB TREMBLEY „so“ hinzuleiten, dass er in und mit jeder Pore diese Unschuld Jack vermittelt. Dessen Sensibilität und Präsenz jedenfalls sind enorm. Und in jeder Phase überzeugend. Glaubhaft. Mitteilsam. Ebenso ergreifend: Die „dafür“ mit einem „Oscar“ als „Beste Hauptdarstellerin“ kürzlich belohnte BRIE LARSON. Bisher mal mehr, mal weniger auffallend in Filmen unterwegs wie „Rampart – Cop außer Kontrolle“ (als Tochter von Woody Harrelson), neben Mark Wahlberg in „Spieler ohne Skrupel“ oder in „Dating Queen“ (an der Seite von Amy Schumer), hat sie hier ihre ersten zwei Leinwand-Sternstunden. Vermag Mitleid zu verscheuchen, um Anteilnahme, Neugier, tiefste Aufmerksamkeit zu erreichen. Ist als Mutter, die entschieden erst um ihr Kind und danach um sich fightet, eine körpersprachlich erschütternd-beindruckende Wucht.

Empfehle schließlich auch den gleichnamigen Roman der Drehbuch-Autorin EMMA DONOGHUE, aus dem Jahr 2010, der – genauso wie der Film – die Erzählweise aus der Sicht des Kindes beinhaltet und von der „The New York Times“ mit = „Einer der größten Triumphe der neueren Literatur“ = belobigt wurde.

Etwas vergessen?: Das Ensemble. JOAN ALLEN, WILLIAM H. MACY und TOM McCAMUS haben eigentlich mehr als nur Erwähnung verdient.

Der Film „RAUM“ ist herausragend: bewegend, spannend, großartig menschlich einnehmend (= 5 PÖNIs).

Anbieter: „Universal Pictures Germany“