PROMETHEUS – DUNKLE ZEICHEN

PROMETHEUS – DUNKLE ZEICHEN“ von Ridley Scott (USA 2011; B: Jon Spaihts + Damon Lindelof; K: Dariusz Wolski; M: Marc Streitenfeld; 124 Minuten; Start D: 09.08.2012); am letzten Wochenende war es endlich soweit – das NASA-Roboterfahrzeug „Curiosity“ erreichte nach achteinhalb Monaten Flug am 6. August 2012 den Mars. Um dort nun in den nächsten zwei Jahren nach eventuellem „Leben“ zu forschen. Da ist die Kino-Menschheit bekanntlich schon (sehr) viel weiter.

Mitte Januar 2011 kam die Meldung, dass der britische Regisseur und Produzent Sir Ridley Scott, einer der renommiertesten und einflussreichsten Filmkünstler überhaupt, KEINE weitere „Alien“-Folge mit seinem neuen Projekt mehr verfolgt. Nach mehrjähriger Planung, so das US-Branchenblatt „Hollywood Reporter“, sei diese Idee, ein Prequel von „Alien“ herzustellen, geplatzt. Aus den Plänen sei aber ein neues Projekt mit dem Titel „Prometheus“ erwachsen, verkündete das Studio „Fox“. „Prometheus“ enthalte noch „Stränge von Alien-DNA“, sagte Scott. In seinem neuen Film gehe es um „einzigartige, große und provozierende“ Ideen.

Wir erinnern uns gerne. Weil „damit“ ein Genre völlig neu, also außerordentlich kreativ durchdacht, visuell bis dato einzigartig sowie spannend „umgemodelt“ wurde: „ALIEN – DAS UNHEIMLICHE WESEN AUS EINER ANDEREN WELT“ von Ridley Scott, ein amerikanisch-britischer Science-Fiction-Horrorfilm, mit seinen vom Schweizer Künstler H. R.GIGER entworfenen (und mit einem „Oscar“ belobigten) neuen prächtigen Schauer-Figuren. BRD-Kinostart war am 25. Oktober 1979. „Alien“ zog drei „reguläre“ Fortsetzungen, von jeweils anderen Regisseuren inszeniert, nach sich: 1986 (James Cameron), 1992 (David Fincher) sowie 1997 (Jean-Pierre Jeunet). Mit SIGOURNEY WEAVER in ihrer Legenden-Rolle als Ellen Ripley: Die erste Action-Heldin der Kinogeschichte.

Mitte September 1979: Es war auf der Rückfahrt von einer Studienfahrt in die Bretagne. Zwischenstation: Paris. Kino-Nachtvorstellung mit „Alien“. Eine cineastische Prägungs-Erfahrung. Wie sich herausstellen sollte. Von Ridley Scott. Mit an Bord des Raumschiffes Nostromo: Der britische Schauspieler JOHN HURT in der Rolle des (eigentlich) „normalen“ Besatzungsmitglieds Gilbert Ward Kane. Immense wie unvergessene Aufregung, als aus dessen Brustkorb plötzlich ein außerirdisches Wesen herausbrach. Im August 2012 ist es die Wissenschaftlerin Elizabeth Shaw (NOOMI RAPACE), die in „Prometheus“ mit einem Alien-Embryo „belastet“ ist. Und die in einem phantastisch choreographierten, brillant fabrizierten Schreckens-Szenario eine Abtreibung an sich selbst durchführt und sich danach den aufgeschnittenen Bauch von einer Maschine mit Büroklammern zutackern lässt. Um sich danach sogleich wieder ins Kampfgetümmel zu begeben.

Prometheus ist in der griechischen Mythologie Freund und Kulturstifter der Menschheit. Schöpfer. Prometheus heißt im Jahr 2093 vielsagend das Raumschiff. In dem sich ein Forscherteam auf Mission befindet. Finanziert durch einen Großkonzern soll auf einem weit entfernten Planeten nach den Ursprüngen und Existenz-Antworten der Menschheit gesucht werden. WER sind wir, WER hat uns WARUM „so“ geschaffen? Ist Gott etwa ein Außerirdischer, der DORT ansässig ist? Oder ist alles sehr viel „rationeller“ zu erklären, zu deuten? Haben uns dort lebende „Spezies“ einst erschaffen? Sind SIE die „Bauwesen“ der Menschheit? Die wahren „Ingenieure“ des Homo Sapiens? Die tatsächlichen Schöpfer? Der menschlichen Rasse? Und gibt es möglicherweise über SIE Rat, Sinn-Erklärungen sowie, natürlich, der immerwährende menschliche Ursprungswunsch – ewiges Leben? Ziel der Wahrheits-Suche ist der Planet LV-223 (beim ersten „Alien“-Movie hieß der Planet, auf dem das Raumschiff Nostromo landete, LV-426). Die acht- beziehungsweise neunköpfige Besatzung befindet sich seit zwei Jahren im Kälteschlaf. Ihren Schlaf überwacht der Android David (MICHAEL FASSBENDER). Er ist so etwas wie ein intelligenter mechanischer Bord-„Hausmeister“. Er treibt Sport, nimmt regelmäßig Mahlzeiten zu sich und schaut sich gerne Filme wie „Lawrence von Arabien“ an. Peter O’Toole imponiert ihm derart, dass er sich sein blondes Haar auch so „vornehm“ kämmt und dessen eitle (hochmütig wirkende) Manierismen übernimmt. Für ihn bedeutet diese Reise „Unfug“, schließlich kennt er ja SEINE Schöpfer. Seine Hersteller. Sein stets „überlegenes“ Lächeln jedenfalls signalisiert mehr „Unruhe“ denn Freundlichkeit. Doch „dafür“ hat die nun „aufgewachte“ Crew keinen Tief-Blick. Sie macht sich, unter der strengen Führung von Meredith Vickers (CHARLIZE THERON), der Tochter des Auftraggebers, des fast 100jährigen Konzernbosses Peter Weyland (GUY PEARCE), auf „zur Arbeit“. In den dunklen Kratern des Planeten. In den düsteren Höhlen. Und Gängen. Um natürlich, nach und nach, sagen wir mal, „ziemlichen Schiffbruch“ zu erleiden. Körperlich wie gedanklich. Beziehungsweise umgekehrt. Monstermäßigen Schiffbruch. Motto: Die Philosophie des Horrors. Oder: Die annoncierten „DNA-Aliens“ legen mächtig los.

Sir Ridley Scott. Brite. Geboren am 30. November 1937. DER, der Filme malt. Der diplomierte Grafik-Designer. Dessen schon erster Film – „DIE DUELLISTEN“ – optisch „umhaute“ (Preis der Internationalen Filmfestspiele von Cannes 1977 in der Kategorie „Bestes Erstlingswerk“). „BLADE RUNNER“ setzte 1982 den meisterhaften „Alien“-Alptraum von 1979 gedanklich und vor allem irdisch-visuell fort. „THELMA & LOUISE“ bedeutete 1991 unvergessene tolle Frauen-Power. Mit wieder auch grandiosen bildlichen Eindrücken. „Gladiator“ („Oscar“ als „Bester Jahresfilm 2000), „Black Hawk Down“, der dokumentarisch wirkende Action-Kriegsfilm, „HANNIBAL“, die immer noch unterschätzte „Schweigen der Lämmer“-Fortsetzung von 2001, sowie die softe Seelen-Reise „Ein gutes Jahr“ (2006/mit Russell Crowe) und zuletzt die kraftvolle moderne „ROBIN HOOD“-Performance (2010 Eröffnungsfilm der Filmfestspiele von Cannes/wieder mit Russell Crowe) zählen zu den cineastischen Großtaten dieses hervorragenden, herausragenden Filmemachers. Der bisher dreimal für den „Oscar“ als „Bester Regisseur“ nominiert war („Thelma & Louise“; „Gladiator“ + „Black Hawk Down“), ihn aber noch nie zugesprochen bekam.

Und DER hier „patzt“. Mit seiner 130 Millionen Dollar-Produktion. Auf hohem Niveau. Denn sein Werk wirkt zerteilt. Inhaltlich erklärungsvoll, redselig, mehr bedeutungsschwanger denn bedeutungstief. Mehr theoretische Theologie denn provokante Erklärung. Der Gott des Gemetzels: Erst wird (zu) viel palavert, dann geht es ans Bedienungseingemachte. In Sachen Horror & Zugriff. Auf die dummen Menschen. Die natürlich, wie schon damals bei Agatha Christie („Ten Little Niggers“/1939), nach und nach „dezimiert“ werden. Müssen. Hier von den bekannten Wurm- und Schleim-Dinos. Aus der Alien-Family. Begleitet von vielen Pauken und Trompeten.

Auch die Figuren geben (zu) wenig „her“. Bleiben weitgehend anonym, charakter-leer, uninteressant. Mit Ausnahme: MICHAEL FASSBENDER als Mensch-Maschine David zeigt sich in der Mischung aus einem David Bowie der 70er („Schöner Gigolo, armer Gigolo“) und eben Peter-„Lawrence von Arabien“ O’Toole als spannender Zwitter. Mit undurchsichtigem Charme. Und rätselhafter Ausrichtung. NOOMI RAPACE dagegen, neulich die verstörende Punkerin Lisbeth Salander in den schwedischen „Millenium“-Adaptionen nach Stieg Larsson („Verblendung / Verdammnis / Vergebung“), hat hier erhebliche Mühe, in die (riesigen) Fußstapfen einer Sigourney Weaver-„Ripley“-Fighterin aus den „Alien“-Kriegen zu treten. Vermag die Horror-Sinn-Chose nicht „zu schultern“. Bleibt blass. Wenig identifizierbar. Wie auch „Oscar“-Lady CHARLIZE THERON („Monster“) als giftige blonde Meredith Vickers mehr „statisch“ denn „spaßig“ wirkt. Nein, insgesamt, die Schauspieler hier können wenig punkten. Weil Sir Ridley einmal mehr leidenschaftlich „malt“: „Die Duellisten“ im All. Inmitten einer gigantischen atmosphärischen Motiv-Pracht. Das Design ist, buchstäblich, ungeheuerlich. Alptraumhaft. Gefährlich „atmend“. Doppelbödig. Mit diesen monströsen Kalt-Bauten. Den furchterregenden Masken. Diesen unheimlichen Grab-Geburtsstätten. Mit dem lauernden Innen-Leben.

„Prometheus“ ist ein optischer Vulkan. Pompös her- wie eingerichtet. Voller effektvoller Bildergewalt. Höllenstark. In der monumentalen Ausstattung. Mit diesem faszinierenden „Äußeren“. Der Schauwert ist enorm. Lebendig. In der Bewegung. Reaktion. Interpretation. Während „das Innere“ weitgehend absäuft. Thematisch, figürlich, sinn-leer. Als Behauptung herumfließt. Ohne Spaß, Spannung, Wucht. Marke: Der kleine, dumme Mensch und seine weiterhin verzweifelten wie vergeblichen Bemühungen, sich selbst auf die antiken Gründungsspuren zu kommen. Warum, wieso können wir es nicht dabei belassen – gegen unsere „Aliens“-Erzeuger ist kein Gedanken- wie Kräfte-Kraut gewachsen. Oder so. Um „so etwas“ geht es wohl hier. (= 3 PÖNIs plus ½ für den bewunderungswürdigen Sir Ridley Scott / Alien forever oder: Folgt nun sein Sequel zum Prequel???)