PETER’S FRIENDS

PETER’S FRIENDS“ von Kenneth Branagh (GB 1992; 101 Minuten; Start D: 29.04.1993).

Man will ja vorsichtig sein mit Begriffen wie “Ausnahme-Talent“ oder gar „Genie“. Aber es gibt inzwischen innerhalb der internationalen Kritiker-Szene nicht wenige, die IHN so einstufen. IHN: KENNETH BRANAGH. Der heute 31jährige Ire ist ein künstlerischer Senkrechtstarter und eine kreative Multi-Begabung. Während er auf der Bühne Shakespeare-Triumphe feierte, ein Theater leitete und mit 30 Jahren bereits seine erste Biographie veröffentlichte, begann er vor 3 Jahren seine Leinwand-Karriere mit der bombastischen Shakespeare-Adaption “Henry V.“ einzuläuten. Dafür gab‘s sogleich eine “Oscar“-Nominierung und 2 Europäische “Felix“-Preise. Auf der 92er Berlinale war Kenneth Branagh mit dem melodramatischen, hitchcockähnlichen Thriller “Schatten der Vergangenheit“ vertreten, erntete viel Beifall und bekam einen “Silbernen Bären“. Heute startet sein 3. Kinofilm, und im nächsten Monat ist auf den Filmfestspielen von Cannes bereits seine 4. Produktion zu sehen.

“Peter’s Friends“ heißt der heute anlaufende Film, der im Grunde mit einem altbackenen und wenig originellen Thema daherkommt: Eine frühere Studenten-Clique trifft sich nach 10 Jahren wieder. 8 mehr oder weniger vergnügte Leutchen prallen kurz vor dem Silvesterfest auf einem prachtvollen britischen Landsitz aufeinander. Den hat Gastgeber und Single Peter von seinem Vater geerbt, und es ist ihm ein besonderes Anliegen, seine alten College-Kumpels für ein paar fröhliche Stunden um sich zu wissen. Aha, denkt da der Betrachter: Das hatten wir doch alles schon und oft. Diese rührseligen Erinnerungsanekdoten, diese Damals-War‘s-Besser-Atmosphäre, dieses Wehklagen über verlorene Zeiten, diese typischen Typen: Macker, Emanze, Aschenputtel, Mutter-Glucke, Sex-Diva und so weiter, und so weiter. Doch: Es fällt sogleich auf, dass es hier sehr viel “süffisanter“ als anderswo zugeht.

Die Dialoge sind von feinster Ironie und komischer Bissigkeit, man kommt von Anfang an in eine Stimmung. Übrigens auch musikalisch mit den besten Oldies der Achtziger. Jeder wird quasi-vorgestellt, darf sich in Positur bringen und herausputzen, wobei Regisseur Branagh seine Figuren nie denunziert. Wir schmunzeln und lachen mit ihnen, nie hinterhältig über sie. Und das ist auch schon das Erfolgsgeheimnis. Man nehme einige großartige, aber nicht unbedingt nur sehr bekannte Schauspieler aus der Londoner Bühnen-Umgebung, gebe ihnen bestes Dialog-Futter mit zünftigen Pointen auf den Weg und lasse sie sich mal ordentlich “austoben“. Das ist es.

“Peter‘s Friends“ ist eine im allerbesten Sinne “simple“ Komödie über Freundschaft, Liebe und andere Katastrophen. Es geht um menschliche Beziehungen und die erste Lebensbilanz: Was haben wir in einem Jahrzehnt gemacht? Wie haben wir gelebt? Wo haben wir versagt? Was ist aus den verheißungsvollen Plänen geworden? Wo sind die Ängste? Wie wird es weitergehen? Warum liebt mich keiner…??? “Peter‘s Friends“ funktioniert, weil der Grundton herrlich-leicht, aber nicht seicht, phantastisch-humorvoll, aber nicht ulkig ist. In “Peter‘s Friends“ stecken, wie man so schön sagt, “die Dinge des Lebens“, und deshalb entdecken wir auch viel von dem in ihm, was wir kennen, identifizieren und verstehen können. Branagh selber spielt natürlich ebenso wieder mit wie seine großartige Dauerpartnerin und Ehefrau Emma Thompson, die ja bekanntlich kürzlich mit einem “Oscar“ für ihre Rolle in “Howards End“ ausgezeichnet wurde. Beide führen ein Ensemble von exzellenten Mitspielern an, denen das Vergnügen anzusehen ist, hier mitwirken zu können.

Ein herrlich aufgekratzter, frecher, emotionaler, intelligenter Film, eine kleine, wunderbare Perle der Unterhaltungskunst: “Peter’s Friends“ von und mit Kenneth Branagh (= 4½ PÖNIs)!