Perfect Sense Kritik

PERFECT SENSE“ von David Mackenzie (D/GB/Schwed/Dänemark 2010; 92 Minuten; Start D: 08.12.2011); von ihm, dem 1966 geborenen schottischen Regisseur, kennen wir hierzulande seine Werke „Young Adam – Dunkle Leidenschaft“ von 2003/mit Ewan McGregor + Tilda Swinton, „Hallam Foe – This is my Story/2007/“Gildepreis“ der Deutschen Filmkunsttheater sowie „Toy Boy – Dein Vergnügen ist sein Job“ von 2009, mit Anne Heche + Aston Kutcher. Mit „Perfect Sense“, also „Perfekte Sinne“, hat er seinen bislang wirkungsvollsten Arthouse-Volltreffer gelandet. Als packendes Independent-Kino.

Thema: Die Apokalypse. Eine Katastrophe. Bahnt sich auf unserem Planeten an. Heute. Jetzt. In diesem Moment. Beginnend in Glasgow. Aber nicht „so“ wie wir diese im üblichen Filmkopf haben. Als Tsunami. Über außerirdische Bedrohung. Oder als terroristischer Angriff. Oder als weltweite Seuche mit Unmengen von toten Menschen (wie zuletzt in Soderberghs modernem Pest-Film „Contagion“). Sondern als „ganz normale“ Erscheinung. Die NICHT zum Tode führt. Sondern die Menschheit nur „umfunktioniert“, aber weiterleben lässt.

Stichworte: Geruch, Geschmack, Gehör. Sehen. In dieser Reihenfolge. Unser tägliches Fühlen. Empfinden. Aufnehmen. Erblicken. Verwerten. Wie selbstverständlich ist DAS doch. Doch plötzlich Schluss „mit normal“. Eine weltweite Epidemie. Bei der die Menschen nach und nach ihre Sinneswahrnehmungen verlieren. Erst vereinzelt, dann immer mehr. Kein Riechen mehr möglich. Der Geruch ist weg. Ausgelöscht. Panik und Entsetzen allerorten. Öffentliche Plätze wie Bahnhöfe, Flughäfen, Markträume werden wegen Ansteckungsgefahren gemieden. Das öffentliche Leben erlahmt. Auch in den Restaurants. Deshalb wird Chefkoch Michael arbeitslos. Und hat nunmehr Zeit und Muße, sich um seine neue „Flamme“ Susan zu kümmern. Sie ist Forscherin und hat unmittelbar mit dieser neuen Krankheit zu tun. Die sich fortsetzt. Gerade haben sich die Menschen daran gewöhnt, halt eben ohne „Geruch“ weiterzumachen, geht der Geschmack „über den Jordan“.

Aber nach einer gewissen Zeit der Desorientierung hat man sich auch „daran“ gewöhnt und macht weiter. Akzeptiert diese „Vorkommnisse“. Als gegeben. Unbegreifbar, aber offensichtlich nicht veränderbar. Derzeit. Nun liegt es in der Kunst des Kochens, jenseits von Fett und Mehl die fade gewordene Zunge durch besonders salzige und säurehaltige Nahrung „zu inspirieren“. Michael und Susan versuchen sich ebenfalls „anzupassen“, doch je intensiver sich ihre Beziehung zu einer festen Liebe entwickelt, je mehr spüren auch sie die „irren Folgen“ dieser unaufhaltsam weiter herrschenden Keime. Angst kriecht herum. Ausgelöst durch körperliche „Unbeherrschtheiten“. Die nicht zu steuern sind. Dann ist das Gehör an der Reihe. Was die einfachste zwischenmenschliche Kommunikation unfassbar erschwert. Schließlich, heißt es, werden auch die Augen bedroht. Die Blindheit naht. Nur gegenseitiges Fühlen/Erfühlen ist noch möglich. Doch dazu, dafür muss man sich erst einmal finden. Vorher.

Eine Liebe. Eine mögliche Liebe in unmöglichen Zeiten. Gerade haben sich Zwei gefunden, denen eine Chance gehört, gehören sollte, die aber inmitten dieser „Auswüchse“ mit immer neuen Herausforderungen, zivilisatorischen Auswüchsen konfrontiert werden. „Stellvertretend“ für die Menschheit. Die weiterleben „darf“, aber nicht mehr „so“ wie gewohnt, sondern „völlig neu“. Anders. Die sich „dafür“ extrem umstellen muss. Unsere ganze schöne Ordnung, Sicherheit, unsere Regeln und unser Geregeltes bedürfen einer neuen „Praxis“. Wenn wir weitermachen sollen. Wollen, Können. Dürfen.

Eine spannende Parabel. Mit viel Realitätsgeschmack. Als melodramatisches Zivilisations-Drama. Unser Da-Sein. Unser Leben. Unsere Gefühle. Unsere Ichs. Unsere Präsenz. „Bisheriges“, Bewährtes, erweist sich mittenmal als funktionsuntüchtig. Rezepte oder Medizin sind nicht in Sicht. Wir müssen diese Komplikationen, die Veränderungen quasi blitzschnell akzeptieren. Wenn es weitergehen soll. Auch und vor allem im Privaten. In der Partnerschaft. Aber auch hier herrschen bisweilen chaotische Emotionszustände. Wie soll man „SO“ weiterleben? In nunmehr dieser Dauer-Stille??? Wo das Fallen, das Betrachten eines Baum-Blattes nunmehr „Erleben“ bedeutet? Und in dieser dann totalen Dunkelheit? Am (Film-)Ende? Kann es „so“ etwa überhaupt weitergehen?

Was für ein Klasse Kopf-Movie! Mit provokanten Gedanken und einer meditativen Off-Kommentatorin. Mit Endzeit-Stimmung ohne Endzeit. „Nur“ mit Veränderung(en). Und atmosphärischen Hauptakteuren: Der jugendlich wirkende 39jährige Schotte EWAN McGREGOR („von „Trainspotting“ über „Star Wars“ bis zum katholischen Schurken in „Illuminati“), der einst das Angebot, 007-James Bond zu spielen, ablehnte, wirkt als „beginnender Erwachsender“ authentisch. Will erstmals partnerschaftliche Verantwortung übernehmen und sieht sich plötzlich mit unlösbaren irdischen Problemen konfrontiert. Die Französin EVA GREEN, 2006 die Liebschaft von „James Bond“ Daniel Craig in „Casino Royale“, ist als Epidemiewissenschaftlerin von kluger wie attraktiver Präsenz. Versteht, begreift diese ihre Welt auch nicht mehr. Obwohl sie doch für Ideen und Lösungen mitsorgen soll.

Ein ungemein intensiver, sensibler Katastrophenfilm. Der „die Dinge des (heutigen) Lebens“ relativiert. Ohne Katastrophenbotschaft. Sondern mit Verstand und viel Gefühl. Behutsam und spannend.
„Perfect Sense“ ist ein wirkungsreicher „Schocker“ zum hervorragenden gedanklichen „Mitnehmen“ (= 3 ½ PÖNIs).