Peacock DVD-Kritik

Keine Risikobereitschaft mehr – von Independent-Filmen hat sich Hollywood inzwischen fast verabschiedet. „Dafür“ sei kein Geld mehr vorhanden. Obwohl DIE ja vergleichsweise wenig kosten. Und Filme wie „Juno“; „Thank You For Smoking“ oder der vielfach „Oscar“-prämierte Streifen „SLUMDOG MILLIONÄR“ nur die Spitze eines höchst innovativen, furiosen Klasse-Film-Eisbergs der letzten Jahre bedeuten.
Um solch ein „kleines“ und weitgehend unabhängig entstandenes amerikanisches Billig-Movie-Juwel handelt es sich bei dem hierzulande soeben auf DVD erstveröffentlichten Film

PEACOCK“ von Michael Lander (Co-B+R; USA 2008/2009; 91 Minuten; DVD-Veröffentlichung: 04.11.2010).

Es ist der Debütfilm des bei uns völlig unbekannten Regisseurs, der – gemeinsam mit Ryan Roy – auch das Drehbuch verfasste. Spielort: Ein kleines Nest in Nebraska. Peacock. Zeit: Die 50er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Dort führt Mr. John Skillpa ein ganz und gar unauffälliges Leben. Arbeitet tagsüber, „leicht“ schikaniert von seinem arroganten Chef (BILL PULLMAN), fast sprachlos im Keller einer Bank. Um nach Feierabend sofort in sein kleines Haus „zu verschwinden“. Der nachbarliche Kontakt ist äußerst spärlich. Denn John Skillpa umgibt ein Geheimnis, das nie an die Öffentlichkeit gelangen soll: ER ist eine „gespaltene Persönlichkeit“. Mal ist er John Skillpa, mal tritt er als EMMA Skillpa auf, seine „Ehefrau“. Der Grund für dieses Geschlechter-Doppel in einer Person liegt in der Vergangenheit, entstand offensichtlich durch „konsequenten“, ekligen Dauermissbrauch der Mutter.

Die ist seit einem Jahr tot, hat aber bei John viel angerichtet, hat bei ihm tiefe „Spuren“ hinterlassen. Doch davon weiß niemand etwas, ahnt niemand etwas. Und das wäre auch so geblieben, wenn nicht eines Tages ein Eisenbahnwaggon mitten in dem Garten von John/Emma Skillpa gelandet wäre. Ein zufälliges Eisenbahnunglück. „Emma“ hält sich gerade im Garten auf und wird für Johns Frau gehalten. Fortan gibt es John und Emma „öffentlich“. Und einen quälenden seelischen Dauer-Zweikampf: Zwischen der sanften, mehr und mehr am örtlichen Gesellschaftsleben interessierten, teilnehmenden EMMA und dem „überrumpelten“, linkisch wie verklemmt auftretenden JOHN mit seinen aggressiven Schüben. Während die beliebte Emma ihre „Entscheidungen“ trifft, wird John zunehmend perplexer („Ich bin der Herr im Haus“). Als dann auch noch die junge Maggie (ELLEN PAGE) mit seinem kleinen Sohn auftaucht, „verheddert“ sich das komplizierte Geschehen noch mehr. Denn auch hier mischt sich EMMA („John kann nicht verstehen wie wichtig Familie ist“) so vehement planerisch ein, dass John beschließt, sie „verschwinden“ zu lassen will. John wird jetzt für Emma zur akuten Bedrohung. Also für sich selbst. Das Duell „Ich gegen Ich“ kann starten.

„Peacock“ ist ein kleiner, feiner, eher stiller, rede-ruhiger Intensiv-Thriller. Mit sehr viel atmosphärischem und bilderstarkem Spannungs-Charme (vom französischen Kamera=As: PHILIPPE ROUSSELOT/“Der Bär“ von Jean-Jacques Annaud; „Big Fish“ + „Charlie und die Schokoladenfabrik“ von Tim Burton; Kino-zuletzt „Sherlock Holmes“ von Guy Ritchie). Der natürlich an D I E GESPALTENE PERSÖNLICHKEIT des Spannungskinos überhaupt erinnert, an das von Anthony Perkins einst im Hitchcock-Klassiker „Psycho“ (1960) so faszinierend gespielte „Mutter-Söhnchen“ Norman Bates. Hier nun tritt der 32jährige irische Schauspieler CILLIAN MURPHY ohne Nachzuäffen, mit viel „vorsichtigem“ Ausdruck, in dessen Suspense-Schatten. Der durch seine Nebenrollen-Mitwirkung an Filmen wie „Inception“, „The Dark Knight“, „Das Mädchen mit dem Perlenohrring“ (als Metzgerjunge, der Scarlett Johansson verehrt), „Batman Begins“ und „Unterwegs in Cold Mountain“ interessant-„auffällig“ gewordene Mime ist körpersprachlich ein Psycho-Ereignis.

Unaufgeregt, sensibel, behutsam setzt er seine zwei „Seelchen“ in Aktion und versteht es kraftvoll wie vielschichtig sie zu positionieren, ohne dass es albern, deftig, peinlich wird. Ganz im Gegenteil: Cillian Murphy führt eine emotional fein „geladene“ gratwandlerische Energie-Performance vor; überzeugend wie originell angesiedelt zwischen 1 A – Thriller-Klima und beklemmendem Menschen-Drama. Dabei kommt ihm zugute, daß sich hier namhafte Hollywood-Schauspieler gerne als Ensemble-Stichwortgeber mit zur Verfügung gestellt haben, wie „Oscar“-Lady SUSAN SARANDON; die Kanadierin ELLEN PAGE („Juno“); BILL PULLMAN (der US-Präsident in „Independence Day“) sowie Keith Carradine und Josh Lucas. Deswegen hier: Eine auch angenehm auffallende gute Typen-Parade.
In einer superben US-Independent-Entdeckung, jetzt bei uns auf DVD – „PEACOCK“. Schauer-schön.

Anbieter: „Kinowelt Home Entertainment“.