PARANZA – DER CLAN DER KINDER

PÖNIs:      (4/5)

„PARANZA – DER CLAN DER KINDER“ von Claudio Giovannesi (Co-B + R; Italien 2017; Co-B: Roberto Saviano, Maurizio Braucci; nach dem gleichn. Roman von Roberto Saviano/2015; K: Daniele Cipri; M: Andrea Moscianese, Claudio Giovannesi; 105 Minuten; deutscher Kino-Start: 22.08.2019); lief im Frühjahr im Berlinale-Wettbewerb und erhielt den „Silbernen Bären“ für das „Beste Drehbuch“.

Zum Davor: 2006 wurde der italienische Schriftsteller und Journalist ROBERTO SAVIANO mit seinem kritischen Buch „Gomorrha: Reise in das Reich der Camorra“ berühmt. Der Preis: Seitdem steht er ständig unter Polizeischutz. 2008 verfilmte der Regisseur Matteo Garrone den Stoff unter dem Buch-Titel (s. Kino-KRITIK) und wurde vielfach ausgezeichnet. Vor drei Jahren veröffentlichte Roberto Saviano seinen nächsten Roman: „La paranza dei bambini“, also „Der Clan der Kinder“. Thema: Kriminelle Kinderbanden in Italien. Regisseur CLAUDIO GIOVANNESI, der bereits zwei Folgen der italienischen TV-Reihe „Gomorrha“ inszenierte, übernahm dieses Buch als Grundlage für seinen neuen Film und schrieb auch am Drehbuch ebenso mit wie der Literat Roberto Saviano, der auch als Mit-Produzent beteiligt ist.

Wir befinden uns im heute. Im EU-Land Italien. Dies bedarf der unbedingten Erwähnung, denn was wir hier sehen, erleben, mitgeteilt bekommen, riecht zunächst einmal nach purer schmutziger (Hollywood-)Fiktion. In einem Viertel in Neapel. Sanitá. Wo der Nachwuchs weder zur Schule geht noch eine Arbeit hat oder bekommt. Aussicht darauf – zwecklos. Auch die Jugendarbeitslosigkeit ist hoch. Also lungern sie herum. In Cliquen. Sehen und begehren aber: Markenturnschuhe, Motorroller und überhaupt – das schnelle Geld. Als einige Mafia-Bosse umgebracht oder verhaftet werden, entdeckt eine Jungen-Gruppe ihre Chance und „besetzt“ die gerade „frei gewordenen“ Macht-Plätze. Die 15-jährigen verbreiten fortan ihre eigenen Rituale: mit Klauen, Überfällen und abgeschauten Macht-Posen. Denn für sie gibt es kein Morgen, keine zivilen Perspektiven, keine gesellschafts-„einvernehmliche“ Hoffnung. Sie dealen mit Drogen und fangen an zu morden. Während sie nachts bei ihren Eltern schlafen und erste Erfahrungen in Sachen Liebe machen. Die „Paranzas“, wie sie sich selbst nennen, „Die Bande“, wollen alles, und dies am besten gleich. Während die alten Bosse, die überlebt haben, in den Knast wandern oder sich in den Vorruhestand begeben, lauern sie auf ihre Chancen. Und diese kommen schneller als gedacht. Das „Wir sind Gewinner“-Gefühl steigt.

Der Film bleibt an Nicola dran (markant: FRANCESCO Di NAPOLI). Seine Mutter betreibt eine kleine Wäscherei, leidet wie so viele andere Geschäftsleute in der Nachbarschaft unter dem Muss der regelmäßigen Schutzgeldzahlungen. Ihr Sohn will sie davon „befreien“. Erst schließt sich seine Clique, einer führenden regionalen Bande an, bevor sie selbst „das Bestimmen“ übernehmen. Die Rausch-Spirale beginnt: Armut, Arbeitslosigkeit, Kriminalität. Macht. Money. JA. „La paranza dei bambini“ handelt vom Verlust der Unschuld. Und den Gedanken, ob es jemals überhaupt eine Möglichkeit geben wird, diesem Dreck und Milieu zu entkommen. Der tägliche Krieg hat hier längst Gewalt- und Unterdrückungs-Ausmaße angenommen, die nicht mehr aufzuhalten, geschweige denn abzustellen sind. Sagt der Film.

Bei bzw. in dem die meisten Beteiligten Laien sind. „Es war kein Casting, bei dem sie zu uns gekommen sind, vielmehr sind wir in ihre Viertel gegangen“, berichtete Claudio Giovannesi auf der Berlinale. Es kommt ‘rüber, dass ihre Wut nicht nur gespielt ist. Der Film ist IHR Film; ihr Anliegen, ihre Wut und Verzweiflung. „Es gibt kein gesellschaftliches Ordnungssystem mehr und niemand setzt sich ernsthaft damit auseinander, in welche Richtung sich diese Jugendlichen gerade hinbewegen. ES gibt keinen Staat mehr in irgendeiner Form, wie wir ihn kennen – denn Verhaftungen und Repressalien allein sind keine Lösungen, keine Prävention… Und Neapel? Neapel fungiert wieder einmal als Versuchslabor unter freiem Himmel. Als Wunde, die erkannt werden muss, wenn man verstehen will, was genau in diesem Moment unter den Jugendlichen an den Randgebieten in Berlin, Paris, London, Johannisburg, New York und Mexiko-Stadt passiert“ (Roberto Saviano im Presseheft).

Der Film ist wie sein Buch, ist wie eine Keule, die auf uns niederprasselt wie die Kugeln aus einer Neun-Millimeter (= 4 PÖNIs).

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