GOMORRHA – REISE IN DAS REICH DER CAMORRA

Er zählt in diesem Jahr mit zu den bedeutendsten Kinofilmen überhaupt, entstand in Italien und wurde vielfach international preisgekrönt: Bekam beim Cannes-Wettbewerb den „Großen Preis der Jury“; wurde bei der Frankfurter Buchmesse als „Beste Internationale Literaturverfilmung“ hofiert; war beim EUROPÄISCHEN FILMPREIS zu Recht gleich 5facher Gewinner; erhielt diesen großen Europäischen Filmpreis in den Kategorien „Bester Film“; „Bester Regisseur“; „Bestes Drehbuch“; „Beste Kamera“ und „Bester Darsteller“ (Toni Servillo).

Dabei handelt es sich um den Spielfilm „ GOMORRHA – REISE IN DAS REICH DER CAMORRA“ von Matteo Garrone (It 2007; 137 Minuten; Start D: 11.09.2008),

einem 40jährigen Römer, dessen Film „Körper der Liebe“ 2004 im Berlinale-Wettbewerb lief. Der sich des gleichnamigen Reportage-Bestsellerromans des Journalisten ROBERTO SAVIANO aus dem Jahr 2006 annahm und von einer Art „Dritte-Welt-Region“, 200 km von Rom entfernt, erzählt: NEAPEL und Umgebung. Dort herrscht der kriminelle Mob. Unromantisch, trist, kalt, düster und brutal. Anhand von fünf, zunächst unabhängigen Handlungssträngen und Einzelschicksalen werden nach und nach die verbrecherischen Mechanismen einer Organisation deutlich, die in einem Geflecht aus Gewalt, Angst und Ausbeutung ein ganzes Land dekradiert/diffamiert/beherrscht und dabei selbst zu einem riesigen globalen „Industriezweig“ angewachsen ist.

Italien lebt, atmet, trudelt inzwischen in einer Art vorzivilisatorischer Erstarrtheit herum, wird in diesem packenden, spannenden, mitteilsamen Zeitdokument-Spielfilm deutlich: Ein 13jähriger gerät zwischen die Fronten zweier Clans; der Buchhalter der Mafia und sein Versuch, dem System zu entkommen; die lukrative wie illegale Deponie-Entsorgung giftiger Abfälle; der kreative Schneider der Mafia, der auch für die chinesische Konkurrenz arbeitet; zwei junge, übermütige Kids, die zu viel „Scarface“-Kino im Kopf haben und für ihre kessen Pubertär-Spielchen grausam bestraft werden. Eine Symphonie des Niedergangs, entstanden an Originalschauplätzen rund um Neapel: Ohne die übliche Romantisierung bzw. Verklärung („Der Pate“); ohne Sympathieträger; ohne herkömmliche Spannungsmotive.

Stattdessen: Eine knochentrocken beobachtende Dramaturgie des „Normalen“; jederzeit auf Augenhöhe mit der Wirklichkeit, zugleich mit kühler Distanz und authentischer Räderwerks-Präzision. Motto: Ein (europäisches) Land wird gerade von innen-her böse „aufgefressen“, ist von einem üblen Virus befallen, für den ein Gegenmittel nicht in Sicht ist. Und die Camorra-Typen: Selten hat man sie so fratzenhaft-häßlich, so erbärmlich, so primitiv-normal wie herrschaftlich gesehen/erlebt. Sie können SO auftreten, so tun, so leben, so SEIN, weil es in diesem Dschungel des Unter-Niveaus immer bevölkerter wird: Die Entsolidarisierung schreitet fort; hier zeigt sich die konkrete Hölle im 21. Jahrhundert, mitten in Italien/Europa, also ganz in unserer Nähe. Ein wütendes Ohnmachtsgefühl macht sich breit; „…realistisch bis an die Schmerzgrenze…“, notierte das ZDF-„Heute Journal“.

Die Vorlage zu dieser atemberaubenden Gesellschaftsstudie lieferte, wie gesagt, der 28jährige italienische Journalist ROBERTO SAVIANO mit seinem gleichnamigen Buch von 2006, in dem er einige erschütternde Ereignisse zusammen mit eigenen Erinnerungen zu einer Collage des Schreckens veröffentlichte. In Italien schlug seine sorgfältig recherchierte Reportage über die Macht der Camorra wie eine Bombe ein und wurde mehr als 1,4 Millionen Mal verkauft. Inzwischen ist das Buch in 33 Sprachen übersetzt und weltweit ein Erfolg: In Deutschland ist es im Vorjahr erschienen und landete ebenfalls sofort auf der Bestsellerliste. Und: In Italien avancierte auch der Film auf Anhieb zu einem Kino-Hit und hat dort schon mehr als 10 Millionen EURO eingespielt. Fazit: Selten war FILM, also Unterhaltung, so aufregend, so informierend, ohne zu manipulieren (= 4 PÖNIs).