Nichts als die Wahrheit

Der DVD-Markt wird immer spannender, will sagen – besser. Immer öfters gibt es bei uns Entdeckungen zu annoncieren, für die im hiesigen Kino vorab kein Platz (mehr) war. Um solch eine „deutsche Erstveröffentlichung“ handelt es sich bei der im Jahr 2008 für geschätzte 11,5 Millionen Dolar in Memphis/Tennessee gedrehten amerikanischen Independent-Produktion

NICHTS ALS DIE WAHRHEIT“ von Rod Lurie (B, Co-Prod.+R; USA 2008; 102 Minuten; DVD-Veröffentlichung: 02.03.2010); O-Titel: „Nothing But the Truth“.

Der heute 47jährige, in Israel geborene amerikanische Produzent, Drehbuch-Autor und Regisseur Rod Lurie absolvierte 1984 die US-Militär-Akademie und diente in der US-Army. Arbeitete als Filmkritiker (für die New Yorker „Daily News“ und diverse anderer Zeitschriften). Drehte ab 1998 Kurzfilme (preisgekrönt: „4 Second Delay“) und fing dann an, Lang- bzw. Spielfilme zu realisieren:

„Rufmord – Jenseits der Moral“ war im Jahr 2000 sein Debütfilm (mit Gary Oldman, Joan Allen + Jeff Bridges), gefolgt von „Die letzte Festung“ (2001/mit Robert Redford). 2007 folgte der kürzlich bei uns auch auf DVD erstaufgeführte Streifen „The Champ“ (mit Samuel L. Jackson + Josh Hartnett). In seinem neuen Werk befaßt sich Rod Lurie mit einer „durch wahre Ereignisse inspirierten“ Politgeschichte. Thema: „Irgendjemand hat streng geheime Informationen enthüllt. Das ist ein Akt des Verrats“: Die Journalistin Rachel Armstrong (KATE BECKINSALE/die „Ava Gardner“ in „Aviator“ von Martin Scorsese) enthüllt in einem Artikel in der „Capitol Sun-Times“ die Identität einer geheimen CIA-Ermittlerin: Erica Van Doren (VERA FARMIGA/die als Geschäftsfrau und Zeit-Partnerin von George Clooney in „Up in the Air“ mit einer „Oscar“-Nominierung bedacht wurde). Ihre Recherche ist korrekt und löst, aus vielerlei aktuellen Gründen, ein „politisches Erdbeben“ in Washington, im unmittelbaren Machtzentrum, aus, fordert aber nun sogleich auch „das System“ heraus. In Gestalt des Sonderermittlers Dubois (MATT DILLON/“L.A. Crash“), der unbedingt „ihre Quelle“ für diese Information wissen will.

Doch Rachel Armstrong weigert sich, diese offenzulegen. Sie beruft sich auf den Quellenschutz. Und der zugesagten unbedingten Vertraulichkeit. Als Staatsanwalt und Richter daraufhin ihren „Fall“ zur „nationalen Sicherheitsfrage“ erklären, sind ihre gesetzlichen wie verfassungsmäßigen Schutzrechte hin. Rachel muß aussagen, will sie nicht riskieren, ins Gefängnis zu kommen. Und genau dies passiert. Rachel bleibt standhaft, muß dadurch in den Knast. Beugehaft. Was in der Folgezeit sowohl die Ehe mit dem Polit-Autor Ray (DAVID SCHWIMMER/der „Ross Geller“ in der TV-Serie „Friends“) gefährdet wie vor allem auch ihre Beziehung zu ihrem geliebten kleinen Sohn Preston nachhaltig „stört“. Obwohl ihr Star-Anwalt Alan Burnside (ALAN ALDA) alles versucht, sie freizubekommen, muß Rachel Armstrong hinter Gittern bleiben. In einem kriminellen Umfeld, das nicht gerade „sanft“ mit ihr umgeht. Durch die folgenden Ereignisse allerdings stellt sich für die engagierte Journalistin, die in der Zwischenzeit sogar eine Nominierung für den begehrten „Pulitzer-Preis“ bekommen hat, die dringliche Frage, ob ihre journalistischen Prinzipien es wirklich wert sind, ihre Existenz dermaßen aufs Spiel zu setzen. Zumal ihre Haltung auch für die enttarnte CIA-Agentin schlimme Folgen hat. Schließlich….., und die Auflösung ist mehr als verblüffend.

Ein spannender, ein wortreicher, ein intelligenter Verbal-Thriller. Für Zuschauer, die es gerne unterhaltsam-klug wie zugleich außerordentlich nachdenklich mögen. Denn dieser Film läßt „kopfmäßig“ nicht kalt, ganz im Gegenteil. Wir erinnern uns an einen Justizskandal aus der Bush-Ära: Wo die US-Journalistin Judith Miller 2003 tatsächlich 85 Tage im Gefängnis saß, weil sie die Identität einer Undercover-Agentin der CIA in der „Washington Times“ aufgedeckt hatte. Und ihre Quelle nicht preisgeben wollte. Ähnlich hier. Wo „das System“ nicht lockerläßt, nicht lockerlassen will. „Prinzipien“ auf beiden Seiten. Wer hat recht? Was ist rechtens? Fundamentale Fragen über den Rechtsstaat werden ebenso angerissen wie demokratisches Unverhalten gezeigt. „Terrorismus-Stimmung“ sorgt für ein „merkwürdiges Rechtsverständnis“.

Dabei vermeidet Rod Lurie eine simple Gut-Böse-Zeichnung, sondern stellt einzig das (angenehm spektakelfreie) Geschehen in den gedanklichen wie erzählerischen Mittelpunkt: Investigativer Journalismus basiert einzig auf Vertraulichkeit. Und diese gilt es entweder zu behalten oder zu brechen. Bei Letzterem aber ist der Reporter als seriöser Vertreter der 4. Gewalt „zerstört“. Ein- für allemal. Und die Machtstellen der Politik können „jubeln“. Und fortan „unbehelligt“ weitermachen. Darum geht es. Und wenn man schließlich „die Lösung“ kennenlernt, ist der Verstörtheitsfaktor immens. Bei allen Beteiligten, und gerade auch beim Zuseher.
Das Darsteller-Ensemble ist engagiert, angenehm glaubwürdig, interessant-bravorös in der „Frontstellung“. Eben weil es hier weder „Schurken“ noch „Helden“ gibt. Sondern im Grunde (zu) viele Verlierer.

KATE BECKINSALE, die im Vorjahr von den Lesern des US-Magazins „Esquire“ zur „Sexiest Woman Alive“ gewählt wurde, hält sich „tapfer“ in der Rolle der unbeugsamen Journalistin; VERA FARMIGA als enttarnte „Nachbarin“ ist ein Erlebnis; MATT DILLON, erstmals in einem Anzug (wie Rod Lurie im Bonusmaterial stolz erklärt), mimt den konsequenten Staatsbeamten mit lächelnder Härte; ALAN ALDA hat als Star-Anwalt mit unerwartet vielen „Blockaden“ zu tun und brilliert wunderbar-unaufdringlich…..: Der neue amerikanische DVD-Film „NICHTS ALS DIE WAHRHEIT“ geht buchstäblich wie wortwörtlich unter die prima-angespannte Kopfhaut.
Eine tolle DVD-Entdeckung!

P.S.: Im Bonusmaterial, Stichwort „entfallende/herausgenommene Szenen“, gibt es eine Szene, die unbedingt hätte drinbleiben müssen. Gänsehaut-pur, wenn der Ehemann der enttarnten CIA-Agentin erklärt, was er erfahren hat und….; diese hochemotionale Szene hätte unbedingt im Film belassen werden sollen, so geht sie unter die Haut und „gehört dazu“…..

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