Neuner Kritik

Das ist eine Überraschung!: Schon zum zweiten Mal hintereinander ist ein deutscher Film d i e Kino-Premiere der Woche. Nach “Spieler“ von Dominik Graf nun „NEUNER“ von Werner Masten (D1990; B:: Jurek Becker; 93 Minuten; Start D: 08.11.1990).

Die Geschichte von “Neuner“ (MANFRED KRUG) kann man kurz und knapp beschreiben: Eine Frau rennt ihrem Mann weg, doch der sucht sie nicht. Drumherum: Die großen Themen Tod, Leben, Liebe und Geld, betrachtet mit ironischer Distanz. Manfred Krug spielt einen deutschen Provinz-Unternehmer, dessen Schicksal sich in Berlin ganz schön dreht. War “Männer“ von Doris Dörrie vor Jahren ein komödiantischer Hit, ist “Neuner“ jetzt die legitime Fortsetzung. Aus Heiner Lauterbach ist Manfred Krug geworden. Er ist in die Jahre gekommen, akzeptiert immer noch nicht die langweiligen und spießigen Regeln des Erwachsen-Seins und behält sich laut, selbstbewusst und egoistisch vor, auch weiterhin frei nach Schnauze leben zu dürfen. Dabei stößt Neuner natürlich seine Umgebung oft vor den Kopf. Ein Grobian, der dann auch seiner Frau einiges zumutet. Zwar ist Neuner schroff, dafür aber ehrlich. Er macht sich und anderen nichts vor. Das ist seine Qualität, deshalb mag man ihn. Auch wenn andauernd in seinem Umfeld durch ihn Scherben zerdeppern und Illusionen kaputtgehen, dieser grobe Typ steht wenigstens zu dem, was er sagt und tut. Ein Hans – Dampf um die fünfzig, wie schön.

“Neuner“ – der Film. Da sage noch einer, wir hätten keine guten Autoren. Jurek Becker beweist mit diesem Drehbuch erneut seine herausragenden Qualitäten für herrlichen, deftigen Sprachwitz und doppeldeutige Pointen. Wie schon beim Fernseherfolg mit “Liebling Kreuzberg“ brennen seine Dialoge vor schwarzem Humor und gehören zum Besten was das deutsche Kino in den letzten Jahren zu sagen hatte. Und: Da sage noch jemand, wir hätten keine Stars mehr: Manfred Krug ist auch im Kino ein As und Aas, er ist ein Typ im besten Sinne. Als bulliger, schnauziger Solist ist er eine ehrliche, aber keine sehr feine Haut. Der herum grummelt wie einst W.C. Fields mit seinen komischen Schrecklichkeiten. Der lustvoll gemein ist, dennoch “Herz“ besitzt und durch große Kraft und Ausstrahlung beeindruckt. Neuner-Krug ist alles andere als ein „glatter“ Typ und Charakter, und darauf haben wir im deutschen Film lange warten müssen. Drumherum agieren professionelle Stichwortgeber wie Claudia Wedekind als gestresste Ehefrau, Entdeckung Sybille Canonica als Beinahe-Geliebte, “Fahnder“ Klaus Wennemann als durchtriebener Haus-Freund und Peter Lohmeyer,
der “Jojo“ bei “Spieler“, hier als neurotischer Sohn.

Fazit: Das so einzigartig aufeinander eingespielte und abgestimmte Paar Jurek Becker/Manfred Krug sollte gehegt und gepflegt und zur weiteren Kino-Arbeit “genötigt“ werden (= 4 PÖNIs).