Me too – Wer will schon normal sein? Kritik

ME TOO – WER WILL SCHON NORMAL SEIN?“ von Alvaro Pastor & Antonio Naharro (B+R; Spanien 2009; 103 Minuten; Start D: 05.08.2010); die mit ihren Kurzfilmen bekannt gewordenen spanischen Drehbuch-Autoren und Regisseure („Invulnerable – Unverwundbar“ von Alvaro Pastor/2005; bekam mehr als 40 internationale Preise) präsentieren hier ihren ersten Kino-Spielfilm. Nach dem „Oscar“-prämierten Streifen „Das Meer in mir“ von Alejandro Amenábar aus dem Jahr 2004 ist dies erneut ein überzeugendes Werk aus dem „Rain Man“-Genre: „Helden mit Handicap“. Bzw.: Filme über und mit Menschen mit Behinderung.
Ein Gen-Defekt. Eine Störung. Eine angeborene Chromosomenstörung, wie es medizinisch korrekt heißt: Beim DOWN-SYNDROM, der Trisomie 21, handelt es sich um eine solche körperliche Störung. Sie ist nicht therapierbar, aber behandelbar. Der 34jährige Spanier PABLO PINEDA ist der erste Europäer mit Down-Syndrom, der einen Hochschulabschluss erworben hat. In „Yo, también“ (Originaltitel, übersetzt „Ich, auch“)) spielt er in der Rolle des Daniel sein Alter Ego; es ist seine erste Rolle als Schauspieler. Beim Festival in San Sebastian wurde er als „Bester Schauspieler“ ausgezeichnet.

„Ich bin von Kopf bis Fuß Down-Syndrom“: Daniel ist es gewohnt, dass man ihm wenig zutraut. Oder dass man ihm „vorsichtig“, ängstlich, zaudernd begegnet. Also geht er gleich in die Offensive. Daniel hat einen glänzenden Studienabschluss gemacht und tritt nun mit seinem „Diplom in Sonderpädagogik“ seinen ersten Job an. Voller Energie, Lust und Freude. Daniel ist ein sympathischer wie cleverer Typ. Kann über sich lachen und witzig parieren. Ist ein guter Beobachter und unauffälliger Kollege. „Jetzt nur noch heiraten“, meint er am Anfang kurz einmal zu seinen Eltern. Die über seine Lebenserfolge mächtig stolz sind. Als er am Arbeitsplatz mit seiner blonden Kollegin Laura in Kontakt kommt, beginnt der ganz normale emotionale Taumel. Bei dem sich im Grunde „die Positionen“ verkehren. Denn wer von beiden „mehr“ „behindert“ ist, ist oft nicht auszumachen. Laura schleppt „viel Mist“ in ihrem Seelen-Gepäck herum. „Und warum willst du normal sein?“, fragt sie ihn einmal spöttisch, resignierend.

Eine Love-Story. Eigentlich zwei, denn auch in der Tanzkurs-Nachbarschaft ist der emotionale Einschlag bei zwei behinderten Menschen enorm. Und auch hier greifen die „Normalen“ unangemessen ein. Bestehen auf Regeln, Ordnung, gesellschaftliche „Sauberkeit“. Bei Laura und Daniel ist es da schon anders. Sie haben genug mit sich zu tun. Und ihren „Wallungen“. Die im Kollegen-, Freundes- und Familienkreis ein ums andere Mal zu Tuscheleien, hämischen Bemerkungen und Kopfschütteln führen.
Im Grunde ist es simpel: Eine faszinierende Love Story. Mit vielen seelischen Haken und Ösen. Mit all diesen Auf und Abs. Zweifeln. Hoffnungen. Entdeckungen. Er ist offiziell „behindert“, sie „normal“. Manchmal schaut es umgekehrt aus. „Und warum willst du normal sein?“

Eben keine Kitsch-Posse. Kein Mitleids-Drama. Keine Behinderten-Posen. Schon gar keine dämliche 08/15-Schnulze. Stattdessen ein wunderschöner, tragikomischer Berührungsfilm. Um zwei reizvolle, spannende, „atmosphärische“ Menschen. Dicht, dran, tief. Emotional wie gedanklich. Es macht jederzeit Spaß, es ist ein herzerwärmendes Vergnügen, hier zuzuschauen, hier mitzufühlen, mitzudenken. Aufmüpfig, sensibel, nachvollziehbar. Glaubwürdig. Überzeugend. PABLO PINEDA ist eine Wucht. Besitzt Dustin Hoffman-Charme. Absolut authentisch, packend, ein Leinwand-Held. Neben seiner gigantischen Bildungsleistung zieht er nun auch als feiner Schauspieler seine sensationellen Kreise. Unglaublich. Toll. Beeindruckend. Charismatisch. Seele zeigend. Körpersprachlich beeindruckend, sehr berührend. Wie eine verschmitzte Chaplin-Figur. LOLA DUENAS gehört zum darstellerischen Spitzenpersonal Spaniens. Bekam den einheimischen „Oscar“, sprich „Goya“, für ihre Rolle das Rosa in „Das Meer in mir“ und zählt zum Almodóvar-Ensemble (zuletzt: „Zerrissene Umarmungen“). Ist hier mitreißend wandlungsfähig, widersprüchlich, ein emotionaler Dauerticker. Wie sich die Beiden sich pointiert, ironisch, zärtlich, zerrissen duellieren, ist Kino-Leben-pur. Kann sich melodramatisch international messen. Große Gefühle. Große Leinwandstärke. Lola Duenas bekam für ihren Part als Laura im Frühjahr verdientermaßen ihren 2. „Goya“ als „Beste Schauspielerin“.
„Me Too“ oder was für ein feiner, intensiver Unterhaltungsfilm! Wunderbar (= 4 PÖNIs).