MELANCHOLIA

„MELANCHOLIA“ von Lars von Trier (B+R; Dän/Schwed/Fr/D 2010; K: Manuel Alberto Claro; M: Richard Wagner; 136 Minuten; deutscher Kino-Start: 06.10.2011); lassen Sie uns von dieser blödsinnigen „NAZI“-Pressekonferenz anlässlich der Welturaufführung bei den Filmfestspielen von Cannes im Frühjahr Abstand nehmen. Und halten. Viel lieber – da ist der neue Film dieses 54jährigen dänischen Autoren-Regisseurs. Der nach eigenen Angaben schwer depressiv ist. Mit schizophrenen Schüben, wovon sein Ekel-Drama davor, „Antichrist“, nachhaltig zeugte. Und blutrünstig zeigte.

Hier nun gibt sich der gebeutelte Maestro wieder in die, also seine totale Schwermütigkeit. Motto: Die Welt an sich und überhaupt geht unter. Sehr schön und ganz langsam. In lichtvoller Zeitlupe. Unter krachender Wagnerscher Musikbegleitung. Die Menschen, die dies in seinem Film miterleben, sind schwerstgeschädigt. Depressiv. Teilweise irrsinnig. Ihr Umfeld – ein bourgeoiser Luxus-Müllhaufen. Auf dem Lande. Fein schäbig. Also äußerlich, architektonisch, wunderbar, mit zauberhafter Garten-Landschaft, innerlich, im Mensch-(Da-)Sein, verfault. Krank. Seelisch ruiniert. Beziehungsweise umgekehrt. Am Anfang gibt‘s bereits den Schluss: Denn als Ouvertüre ist eine 7minütige Endzeitstimmung annonciert. Mit ästhetisch hochfeinen Bildmotiven. Vom Menschen, von der Landschaft, von Pferden, von den Untergangsschwingungen. Richard Wagners „Tristan“-Musik brüllt aus allen Lautsprechern.

Dick und doll. Eine schön-schreckliche Endzeitstimmung. Denn im gar nicht einmal so fernen All kündigt sich eine Kollision an. Zwischen zwei Planeten. Zwischen Melancholia und der Erde. M., übergroß, wird die Erde opulent vernichten. Vorher aber gilt es, eine Hochzeit zu feiern. Eine prächtige. Ganz teure. Justine (KIRSTEN DUNST, das Mary Jane Watson-Liebchen von „Spiderman“/2002-2007) heiratet ihren Michael (ALEXANDER SKARSGARD). Er ist ganz vernarrt in sie, sie in ihn auch. Manchmal jedenfalls. Wenn sie gut drauf ist. Wenn sie aber „ihre Schübe“ hat, wird sie unleidlich. Wir sehen, bemerken, ihre permanente Wechselstimmung. In der feinen Gesellschaft wird das ignoriert. Es MUSS gefeiert werden. Aufwändig. Programmgemäß. Schließlich bricht die totale Verzweiflung bei ihr durch. Ist nicht mehr zu übertünchen. Das war‘s dann auch: Eine ganz kurze Hochzeit. Und Ehe. Und überhaupt. Trauer. Traurigkeit. Finale 1.

Und weiter geht es. Jetzt mit der Justine-Schwester Claire (CHARLOTTE GAINSBOURG) im hauptsächlichen Blickfang. Die und ihr reicher Mann John (KIEFER SUTHERLAND), der sich für Astronomie begeistert, nehmen Justine bei sich im pompösen Schlosshaus auf. Claire wird jetzt immer unruhiger. Verzweifelter. Grübelnder. Depressiver. Während sich zugleich der Zustand ihrer Schwester etwas bessert. Claire „spürt“ den bevorstehenden Weltuntergang. Aber DER lässt sich Zeit. Zieht sich hin. Vorher nimmt sich ihr Ehemann John mit Tabletten das Leben. Hat halt doch nicht Recht gehabt mit seiner Vermutung, Planet Melancholia würde an der Erde vorbeischrammen. Von wegen. Denkste. Finale 2. Wieder mit viel Wagner-Getöse. Aus. Total.

Ein seelischer Krüppel inszeniert die Welt aus der Sicht eines seelischen Krüppels. Das mag therapeutisch in Ordnung sein, ist und wirkt aber ellenlang und trotz dieser vielen schönen stilisierten Feinst-Bilder stinklangweilig. Das Interesse am hiesigen Personal hält sich begrenzt. Traurige Schnuten sind an der Tagesordnung. Oder gleichgültige. Oder wütende (CHARLOTTE RAMPLING mufft herum; JOHN HURT gibt sich alterslocker geil). Zwischendurch immer mal wieder Symbolfetzen vom bevorstehenden irdischen Ende. Wolken, Natur, Pferde und diese trostlosen Bewegungen der Menschen. Mit viel düsterem „Aha“ umweht. Die Geschichte ist sowieso wurscht. Ob sich Mensch A nach links oder rechts oder geradeaus bewegt, bleibt egal. Gesagtes tönt beliebig. Wohin man blickt, erblicken wir nur Qual. Viel Qual. Als Dauer-Qualen. Deformierte Seelen. In den Hauptfiguren. Die Anderen (wie Stellan Skarsgard oder Udo Kier) sind sowieso mehr oder weniger belangloses „Beipack“. Staffagen für die Filmlänge.

„Melancholia“ von Lars von Trier, der Film, provoziert nicht, berührt kaum, sondern quält – obwohl die Leistung von Kirsten Dunst als ewig-trübe Justine Respekt verdient. Fürchterlich. Da hilft auch die Fütterung mit viel Hochglanz-Ästhetik durch Bild und Musik nichts, denn hier ist, wirkt alles nur deprimierend. Soll es ja wohl auch: Das stete Wühlen im tiefsten Seelen-Stau. Passend dazu geht dann die ganze Erde gleich mit-unter. Mensch Lars: Nö. Wenn schon Abschied, dann verrückter. Bitte. Spannender. Reizvoller. Nicht so lahm-dämlich. Und total dröge. Deine Therapiestunden im Kino nerven nur. Entsetzlich (= ½ PÖNI).

P.S.: Kirsten Dunst wurde in Cannes als „Beste Darstellerin“ ausgezeichnet.