Mein Praktikum in Kanada Kritik

MEIN PRAKTIKUM IN KANADA“ von Philippe Falardeau (B + R; Kanada 2014; K: Ronald Plante; M: Marin Léon; 108 Minuten; Start D: 26.05.2016); der kanadische Filmemacher PHILIPPE FALARDEAU, Jahrgang 1968, ist ein noch ungeschliffener Diamant im cineastischen Welt-Zirkel. Der studierte Politik-Wissenschaftler fing beim Fernsehen an, bevor er ab dem Jahr 2000 begann, als Autoren-Filmer Spielfilme zu realisieren. Zwei von bislang fünf stießen bei uns auf Außenseiter-Interesse: „MONSIEUR LAZHAR“ (gewann den Publikumspreis beim Locarno-Festival und war 2012 für den Auslands-„Oscar“ nominiert) sowie „Ich schwör’s, ich war’s nicht“, der 2008 auf der Berlinale beim Kinderfilm-Wettbewerb den Hauptpreis, den „Gläsernen Bären“, gewann sowie anschließend mit dem „Großen Preis“ des Deutschen Kinderhilfswerk bedacht wurde.

Sein neuer Film heißt original-übersetzt: „Guibord zieht in den Krieg“.

Eine schöne Eingangsmitteilung: „Dieser Film beruht auf wahren Begebenheiten, die noch nicht stattgefunden haben, es jedoch bald werden“. Irgendwo in der franco-kanadischen Provinz. Im Nordwesten von Quebec. Dem Bezirk des unabhängigen wie volksnahen Abgeordneten Steve Guibord (PATRICK HUARD). Dessen Büro sich im ersten Stock eines Dessous-Geschäftes befindet. Monsieur Guibord, der ehemalige Eishockey-Profi, hat gerade viel zu tun, örtliche „Schwingungen“ einigermaßen zu verhandeln. Händeschütteln bei der Landfrauen-Vereinigung, LKW-Fahrer-Streik auf der Verbindungsstraße, Indianer-Interessen, die gegen den Raubbau der Wälder protestieren. Guibord ist ständig auf Achse. Möchte es eigentlich allen recht machen: Der Forst- und Minenindustrie, den Ureinwohnern, den Bürger-Begehren. Neu an seiner Seite: Der aus Haiti stammende junge Politologe Souverain Pascal (IRDENS EXANTUS), der ein Praktikum bei ihm absolviert. Motto: Hautnah Demokratie sehen und lernen. Und wie es der Zufall so will: Steve Guibord wird plötzlich landesweit „wichtig“. Die Regierung plant, Soldaten in den Krieg im Nahen Osten ziehen zu lassen, aber im Parlament herrscht derzeit eine Patt-Situation. Nun kommt es ausgerechnet darauf an, wie sich der Provinz-Abgeordnete Guibord entscheidet. ER wird mittenmal „begehrt“. In die Hauptstadt eingeladen, wo ihm unverblümt die Oberen klarmachen: Wir regeln alles, „sie machen ihre Demokratie wie geplant“. Im Übrigen wäre doch vielleicht ein Minister-Posten interessant. Also möglich.

Auf den unabhängigen wie eigentlich umgänglichen Abgeordneten kommen turbulente Zeiten zu. Jeder „will“ etwas von ihm. Gründe hier, Gründe dort. Und auch in seiner liberalen Familie geht es „heftig“ zu. Während der aufgeschlossene Praktikant und Philosophie-Experte Pascal immer mehr zum engeren, zum professionellen Berater wird. Mit „interessanten“ Ratschlägen. Wobei dann auch dessen Familie per Skype mit-eingebunden ist in diesen eigenwilligen Chor der „wahren“ Demokratie-Betrachtung.

Eine listige Polit-Parabel. Auf und über „praktische Demokratie“. Mit augenzwinkerndem Sesamstraßen-Charme-Geschmack: Wer wie was? Wo wie das? Wieso weshalb warum? Wer viel fragt bleibt…unsicher. Demokratie, so die komödiantischen Pfeile, ist in der praktischen Handhabung, also das mit dem Volk tatsächlich = direkt = befragen, „verwirrend“. Zumal die mächtigen Lobbyisten mächtig „drücken“. Eigentlich unmöglich, um eine halbwegs gerechte Entscheidung fällen zu können. Die anderswo umgehend als „ungerecht“ empfunden wird. Wie soll ein einziger Mandatsträger das alles bewerkstelligen? Um halbwegs „lebend“ aus dem Findungs-Dilemma herauszukommen? „Geht“ also Demokratie eigentlich überhaupt nicht? Und wenn nicht, wie: was dann?

„Mein Praktikum in Kanada“ charmt in die satirische Filmrichtung des Klassikers „Mr. Smith geht nach Washington“ von Frank Capra aus dem Jahr 1939; wo James Stewart als „Pfadfinder-Chef“-Provinzler von arroganten Macht-Habern vorgeführt wird, bis er schließlich Profil entwickelt. Mit den politischen wie menschlichen Robustheiten von heute spielt Drehbuch-Autor und Regisseur Philippe Falardeau auf dieser unterhaltsamen, im Mittelteil mitunter zu bräsig ausgelassenen Polit-Tastatur. Um von den lächerlich-ernsten Zuständen zu erzählen, wenn direkte Demokratie angesagt ist. Oder: Wenn zivilisierte Menschen, also Wähler, sich wie Schachfiguren „demokratisch“ vorführen lassen. Wollen.

Ein zum Mögen amüsantes Road-„Comedy“-Movie über den unerhörten Souverän (= 3 ½ PÖNIs).