MANDY

„MANDY“ von Panos Cosmatos (Co-B + R; Kanada/USA 2017; Co-B: Aaron Stewart-Ahn; K: Benjamin Loeb; M: Jóhann Jóhannsson; 121 Minuten); glauben Sie es mir oder nicht, aber: dies ist ein Horror-Rache-Western vom Schönsten-Gemeinsten-Verrücktesten überhaupt. Ein Film zum Hass-Mögen. Er war d e r Mitternachts-Hit beim diesjährigen „Sundance-Festival“ und lief auch in einer Nebenreihe beim Cannes-Festival im Frühjahr.

„Blutgericht in Texas“ hieß 1974 der deutsche Kinotitel für das legendäre Kettensägen-Massaker „The Texas Chainsaw Massacre“ von Tobe Hooper, heute könnte „Mandy“ gut und gern auch „Blutgericht in Kalifornien“ heißen. Denn die jetzige Blut-Show ist angesiedelt in den Shadow Mountains, in den berühmten Schattenbergen, die sich in der Mojave-Wüste im Osten Kaliforniens befinden. Zur Zeit: 1983.

Und: Wo schließlich auch riesige Kettensägen zum komischen Einsatz kommen und wie Schwerter benutzt/angewandt werden.

Schon diese blutroten Schriften im Vorspann signalisieren ahnungsvoll: Barbarei. Und dann tönt auch noch Ronald Reagan „vielversprechend“ aus dem Auto-Radio: „Ein großes spirituelles Erwachen findet in Amerika statt. Eine Erneuerung der traditionellen Werte, auf denen Amerikas Güte und Größe aufgebaut ist; eine überwältigende Mehrheit ist gegen Pornografie, Abtreibung und…“; genervt schaltet Red Miller (NICOLAS CAGE) ab. Genau aus „solchem“ amtlichen Gebrabbel hat er sich – gemeinsam mit seiner Freundin Mandy (ANDREA RISEBOROUGH/neulich die wunderbare Stalin-Tochter in „The Death of Stalin“) – hierhin zurückgezogen. In ein abgelegenes Waldhaus. Er ist als Holzarbeiter tätig, sie hat einen Job als Kassiererin in einer in der Nähe gelegenen Tankstelle und ist im Übrigen mit kunstvoller Fantasy-Malerei beschäftigt. Beide sind sich gut genug, führen ein zufriedenes, zurückgezogenes Leben.

In das urplötzlich Jeremiah Sand (LINUS ROACHE) mit seiner Sekten-Clique einbricht. Bestialisch einbricht. Jeremiah, eine Wahnhaft-Variation des Massenmörders Charles Manson (1934 – 2017), der 1969 durch die bestialische Ermordung der Roman Polanski-Ehefrau Sharon Tate „weltweite Berühmtheit“ erlangte. Jeremiah Sand, Anführer der Gruppe „Children of the New Dawn“, ist aus demselben Kaliber von Irrsinn und menschlicher Drecksau gestrickt und hat sogar schwarze Motorrad-Dämonen aus dem Dunkel heraufbeschworen, die mit ihm zusammen in der Region das buchstäblich Böse, Widerliche, Ekelhafte ausüben. „Vollziehen“. Als Mandy ihrem Entführer Jeremiah nicht untertan sein will, sondern ihn im Gegenteil auslacht, bringt er sie vor den Augen ihres verletzten und gefesselten Red um. Verbrennt sie. In einem Sack. Bei lebendigem Leibe.

Die Bösen sind zwar vom Allerschlimmsten, aber, pardon, auch dumm und dämlich. Sie lassen Red zurück in dem Glauben, der würde sowieso bald abkratzen. Und kann ihnen nie und nimmer künftig gefährlich werden. Gar schaden. Wir – als Django-Keoma-Eastwood-Versteher – wissen aber, dass dies ein immenser Trugschluss ist. Der UNS, den „lüsternen“ Zuschauern, bald sehr SEHR viel Rache-Freude bereiten wird. Wie hier. Denn Red Miller ist nicht totzukriegen. GANZ IM GEGENTEIL. Der schmiedet sich erst einmal eine metallene Kriegsaxt-Armbrust. Pumpt sich schnell noch – von wegen Verletzungen/Schmerzen ignorieren plus entsprechende Adrenalinschübe „bekommen“ – eine LSD-Teufelsdroge in die Nase und ab geht die wüste Luzie. Der „aufgekratzte“ „Rote Müller“.

„The Internet“: „Nicolas Cage losing his shit on screen is awesome“: Ein Video mit seinen Ausrastern ist im Internet ein Hit. Der Neffe von Francis Ford Coppola und „Oscar“-Preisträger von 1996 („Leaving Las Vegas“) NICOLAS CAGE, Jahrgang 1964, spielt seit Jahren fast nur noch in Schund-Movies mit und arbeitet offensichtlich ununterbrochen. Dass diese Filme hierzulande nicht mehr die Kinos erreichen, sondern gleich fürs einheimische Heimkino verramscht werden, ist plausibel. Zuletzt ging es noch, siehe kürzlich „Mom and Dad“ (s. Heimkino-KRITIK), war aber auch unangenehm etwa in „211 – Cops Under Fire“ (2017) oder davor in „The Humanity Bureau“. „Irgendwo muss er halt hin mit diesem Wahnsinnstalent (oder passender: Talent zum Wahnsinn)“, schreibt Christoph Petersen in „Filmstarts“. Hier lässt ihn Regisseur PANOS COSMATOS, Sohn des Hollywood-Regisseurs George P. Cosmatos („Rambo II -Der Auftrag“; „Tombstone“), der 2010 mit „Beyond the Black Rainbow“ debütierte, die volle freie Hand: zum totalen Blut-Twist. Motto: Grimassen-Ziehen, Abbrüllen und Drauflos-Kloppen. Als psychedelischer, radikaler Gewalt-Tanz. Vor ausufernden, zumeist blutroten Farbfiltern, mit apokalyptischen Splittereffekten und einem Satz, der „so“ auch noch nie gefallen sein dürfte bei solch einer neblig-nebulösen Proll-Treibjagd: „Du hast mein Lieblingsshirt ruiniert“. Was natürlich der sofortige wie verständliche Grund für eine berechtigte Kopf-Ab-Schlagen-Antwort ist.

Eine Stunde dauert es allerdings, bis es los geht… „Sundown dazzling day / Gold through my eyes / But my eyes turned within / Only See / Starless and bible back“, schmalzen „Kings Crimson“ mit Sänger Greg Lake anfangs. Eine gute, ruhige Stunde, während der man noch hofft, dass es doch nicht zu dieser berserkerhaften Trash-Ekstase kommen wird. Wie vermutet. Doch dann meldet er ES schon deutlich an: Der isländische Komponist JÓHANN JÓHANNSSON, der schon die begeisternden Scores zu „Sicario“ und „Arrival“ verfasste und arrangierte, und der hier wiederum für einen virtuosen, köstlich dröhnenden, die Bilder adäquat begleitenden elektronischen Klangteppich mit Sog-Wirkung sorgte. Es war seine letzte Filmmusik, denn am 9. Februar 2018 starb der komponierende Keyboarder 48-jährig in Berlin.

„Du strahlst kosmische Dunkelheit aus“, nölt Jeremiah einmal Nicolas „Red“ Cage an. Und wo er recht hat, hat er recht. Nicolas Cage schüttelt sich lange durch und zieht dann als Höllen-Bruder seinen schrecklich-beeindruckenden Bastard-Feldzug durch.

GUT SO: Sein Film „Mandy“ avanciert mit Sicherheit zum Scene-Kult-Hit (= 4 PÖNIs).