Mädchen und der Tod Kritik

DAS MÄDCHEN UND DER TOD“ von Jos Stelling (Co-B + R; NL/Russl/D 2012; Co-B: Bert Rijkelijkhuizen; K: Goert Giltay; M: Bart van de Lisdonk; 122 Minuten; Start D: 16.05.2013); wir müssen unbedingt unseren Sehschalter im Kopf umpolen. Hier. Umdrehen. Sonst ist dieser „holländische“ Überraschungsstreich nicht zu goutieren. Zu genießen. Dabei lockt schon der Name des niederländischen Co-Autoren und Regisseurs: Der am 16. Juli 1945 in Utrecht geborene Konditor-Sohn JOS STELLING ist auch hierzulande „unvergessen“ mit seinen zwei cineastischen Meisterstücken „DER ILLUSIONIST“ und „DER WEICHENSTELLER“ aus den Achtzigern. In diesen beiden Filmen zeigt sich besonders seine einigartige Kunst der faszinierenden Wortlosigkeit. Die originellen Figuren in seinen Geschichten werden ausführlich beobachtet und drücken sich dabei mehr über ihre ausdrucksvolle Mimik als durch Worte aus. Ähnlich auch wunderbar hier.

Die Zeit(en): Im ausgehenden 19.Jahrhundert. Der Ort: Tannenberg in Sachsen. Die Gedanken: Angetippt von einem alten Band mit Gedichten des russischen Nationaldichters Alexander Sergejewitsch Puschkin (1799 – 1837). In denen es um die ewige menschliche vergebliche Träumerei geht: „Liebe zerstört alles; sie ist eine Illusion“. Der Ort: Ein abgelegenes verruchtes Hotel. Mit Sanatoriums- und Bordell-Atmosphäre. Wo der junge Russe Nicolai Unterschlupf für eine Nacht begehrt. Nicolai befindet sich eigentlich auf der Durchreise nach Paris, wo er Medizin studieren will. Eigentlich. Als er Elise begegnet, ist es um ihn geschehen. Aber Elise ist nicht frei, sie „gehört“ dem Besitzer, einem greisen Grafen (sensationell: DIETER HALLERVORDEN). DER mit dem Geld. Alles bestimmt. „Regiert“. Dominiert. Regelt. Dreimal wird Nicolai immer wieder hierher zurückkehren, um Elise „zu befreien“. Für sich zu gewinnen. Zum Schluss sogar mittels eines ganz absurden Kartenspiels. Mit dem bösen Alten.

Gefühle und Schicksal. In einem bizarren (Horror-)Gebäude. Wo sich eine kauzige Figurenbande zusammengefunden hat. Als Knechte. Lakaien. Dienerschaft. Kurtisanen. Buckelnd. Vor DEM, der bezahlt. Sie – gut – leben lässt. Wenn sie denn funktionieren. Nach seiner Pfeife tanzen. Eindringlinge werden nicht geduldet. Akzeptiert. Müssen sich auf „allerlei“ gefasst machen. So dass eigentlich nichts Unangenehmes für den Herrn und Herrscher hier eintreten sollte. Passieren kann. Doch als Nicolai auftaucht, wird es mittenmal „brenzlig“. Für DIE hier. Vor allem aber für den Regenten. Hat die wahre Liebe etwa doch eine Chance? Wenn man so unermüdlich ausdauernd auftritt wie Nicolai? Der „seine Julia“ als Elise gefunden hat? Und unbedingt, unter allen Umständen, „haben“ will?

Die Bilder. Diese Bilder. Die bisweilen in ihrer bizarren Maskerade an Stanley Kubrick („Barry Lyndon“) erinnern. Eine gar nicht feine Gesellschaft und ihr absurdes, beharrliches, Reglementleben im fahlen Licht eines abgeschlossenen Lebenskäfigs. Gesichert, behütet, aber ohne Identität. „Das Mädchen und der Tod“ ist vor allem körpersprachlich intensiv. In einem stimmigen, stimmungsvoll-schelmischen Rhythmus. Zwischen Donner, Träumerei und Melancholie. Und, natürlich, Puschkin, Trauer. Von wegen Vergeblichkeit. Unzulänglichkeit. Unerreichbarkeit. Im Gefühlstaumel der wahren LIEBE.

Ein grandioser Film. Mit gewaltigen großen kleinen Seelen-Bildern. Und deren lächelnder, schmerzvoller Berührungscharme. Und mit diesen sanften schwarzhumorigen Poesie-Pointen. Der 28jährige russische Schauspieler LEONID BICHEVIN fightet als Don Quichotte den unermüdlichen, windmühlenartigen Gefühlskampf seines Lebens. Die Niederländerin SYLVIA HOEKS bemüht sich nach schönen Kräften, seine Dulcinea zu sein. Zu werden. Und „unserem“ DIETER HALLERVORDEN obliegt es, den zerstörerischen König grandios vorzugiften. Jos Stelling, dessen vorletzter Film „Duska“ (2007) uns nicht erreichte, präsentiert sich jetzt mit einer erlesenen, schwarz-amüsanten kleinen Magie des Scheiterns. Mit einem Hauch von lustvollem Shakespeare in der menschlichen Wildnis. Köstlich. Zum Denken und Fühlen (= 4 PÖNIs).

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