Hotel Lux Kritik

HOTEL LUX“ von Leander Haußmann (B+R; D 2010/2011; 105 Minuten; Start D: 03.11.2011); um ganz credits-korrekt zu sein – das Drehbuch entstand „nach Motiven von Uwe Timm und Volker Einrauch“ (Presseheft). Und auf das Drehbuch kommt es hier zunächst SEHR an. Denn der am 26. Juni 1959 in Quedlinburg geborene Leander Haußmann, der diesen Film seinem verstorbenen Vater Ezard Haußmann gewidmet hat, hat viel gutzumachen. Kinomäßig. Seine letzten drei „leichten“ Streifen dort waren, höflich formuliert,…“nicht so doll“: „Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken“ (2007); „Robert Zimmermann wundert sich über die Liebe“ (2008) sowie das verkorkste Lina Braake-Remake „Dinosaurier – Gegen uns seht ihr alt aus!“ (2009). Natürlich, davor hat er auch kultige Späße wie „Sonnenallee“ (1999), „Herr Lehmann“ (2003) und „NVA“ (2005) geschaffen. Jetzt aber wird es ernst. Mit dem Leichten. In einer „Tramödie“ („Süddeutsche Zeitung“). Und dies ist das Schwerste.

„Stimmung“ zu böser Zeit „pfiffig“ zu kreieren. Sozusagen „Sein oder Nichtsein“ auf gut deutsch. Mit einem Hauch von „Jules und Jim“. Und mit einem Vollblut-Komödianten in der Hauptrolle. Bei dessen Namenserwähnung hierzulande sofort die lachhaften Erinnerungen blühen: MICHAEL „Bully“ HERBIG: Der 43jährige Münchner brachte „Erkan & Stefan“ im Jahr 2000 auf die Leinwand und hat danach mit seinen beiden Kinofilmen „Der Schuh des Manitu“ (2001/11,7 Mio. Zuschauer), „(T)Raumschiff Surprise – Periode 1“ (2004/9,1 Mio.) Erfolgsmaßstäbe gesetzt. Sowohl als Regisseur wie auch als komischer Player. Seine Filme „Lissi und der wilde Kaiser“ (2007) und „Wickie und die starken Männer“ (2009) setzten der Zuspruch fort. Rund 30 Millionen Interessenten hat „Bully“, der einst im Fernsehen mit der „Bullyparade“ (zwischen 1997 bis 2002/6 Staffeln) ulkig loslegte, mit seinen eigenen Filmen im Kino erreicht. Zwischendurch schaute er sich auch schon mal „woanders“ als Darsteller-Solist „auffällig“ um („Asterix bei den Olympischen Spielen“/2008; „Die Geschichte vom Brandner Kasper“/2008).

Hier aber hat er einen „ganz anderen“ Film zu stemmen. In dieser 11 Millionen Euro teuren komfortablen deutschen Produktion. Als Berliner Komiker, der einen unbeugsamen, besser unbiegsamen Komiker mimt. In schlimmen Zeiten. Hans Zeisig heißt er. Und wird in den 1930iger Jahren für seine Bühnen-Parodie als Stalin ebenso hofiert wie sein Freund Siggi Meyer, der „den Hitler“ gibt (JÜRGEN VOGEL). 1938 aber ist endgültig Schluss. Mit lustig. Während Kommunist Siggi untertaucht, gibt Zeisig „eine Nazi-Nummer“ zuviel. Und muss umgehend abhauen. Doch nicht das erhoffte Hollywood ist das Reiseziel, sondern Moskau. Vorerst. Wie er glaubt. Das Hotel Lux. Eine düstere Herberge. In DER Kommunisten-Freunde aus der ganzen Welt untergebracht sind. Wie auch Wilhelm Pieck, Walter Ulbricht, J.R. Becher oder Kurt Funk. Alias Herbert Wehner. Hier trifft er auch wieder auf Frida, die attraktive niederländische Untergrundkämpferin (THEKLA REUTEN). Doch die – von ihm – erhoffte Fortsetzung des Berliner Techtelmechtels gibt es nicht: „Sie sind nur ein harmloser Clown“. Von wegen. „Der Chef“ befasst sich nun sogar mit ihm. Höchstpersönlich: Josef Stalin (VALERY GRISHKO). Man hält ihn für Hitlers geflohenen Leibastrologen. Nun will Genosse „Väterchen“ von dessen „wahrsagerischen Fähigkeiten“ auch profitieren. Überlebenskunst und „Körper-Künste“ sind fortan gefragt. Artikulations-Akrobatik. Als Sterndeuter. Inmitten einer immer schizophrener, zynischer, mörderischer werdenden „Polit-Show“.

Dieses Hotel Lux hat es tatsächlich gegeben. Doch anstatt die Weltrevolution wurde „die Säuberung“ geplant. Und durchgeführt. Viele Zugereiste verschwanden damals hier. Vor allem 1937, 1938. Haußmann stellt dieser grausamen politischen Epoche einen „deutschen Chaplin“ entgegen. Bewusst naiv. Geradezu charmant-„dusslig“. Mit witzigem Trotz. Sein Hans Zeisig spielt, als eigentlich unpolitischer Entertainer, auf der Balance-Tastatur der Farce. Ein „Schlawiner“ schlawinert sich wie ein preußischer Schwejk durch böse Zeiten und schlimme Räume.
Michael Herbig kriegt diese Mixtur zwischen Paradiesvogel und Betroffener mit vielen „fürchterlichen Nuancen“ fein hin. Mit virtuosen Gedanken an Roberto Benigni („Das Leben ist schön“) und an einen Marcello Mastroianni-Macho-Lover. Und Haußmann schafft dieses gefährliche Zwischenspiel zwischen Posen- Klamauk & widerlichem Politgetöse weitgehend „unfallfrei“ zu inszenieren. Emotional „überschaubar“. Zwar nicht so „toll-leichtfertig“ wie einst ein Lubitsch oder Mel Brooks mit diesem „Sein oder Nichtsein“-Rhythmus, aber immerhin erstaunlich passabel unterhaltend. Unangestrengt. Unverfroren. Schräg-hässlich. Dicht.

Mit JÜRGEN VOGEL als „das Kostüm“ von Hitler und VALERY GRISHKO als „gefoppter“ Dämon Stalin sind weitere exzellente packende Mitstreiter zu nennen. Manko: Die viel zu „aufgeputzte“ Holländerin Thekla Reuten (zuletzt neben George Clooney in „The American“) als überzeugte Kommunistin mit attraktivem Bett-Blick. DAS und SIE wirkt ein bisschen „daneben“. Und setzt der Love Story fade “Hörner“ auf. Hier verflacht der Film viel zu sehr. Verschenkt glatt eine emotionale Zündung. Bleibt aber dennoch insgesamt immens schwarztreibend komödienstark.
Während Michael Herbig immer präsenter wird. Charismatischer. Den „Bully“ abgelegt hat. Mal als Hans „Dampf“ Albers-Charmeur, mal als cleverer seriöser Witzbold wunderbar protzt. Der Schauspieler hat den Regisseur inzwischen offensichtlich überholt. Wie spannend wird DAS denn… (= 3 ½ PÖNIs).

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