HARRY BROWN

ER wurde am 14. März 1933 im „Unterschichten“- Südost-London in bitterarmen Verhältnissen geboren, als Maurice Joseph Micklewhite, Jr., Sohn eines Fischmarktarbeiters und einer Putzfrau. Heute hat er unter dem Künstlernamen MICHAEL CAINE rd. 100 Filme gedreht, zweimal den (Nebendarsteller-)“Oscar“ gewonnen („Hannah und ihre Schwestern“ von Woody Allen/1987; „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ von Lasse Hallström/2000), wurde zudem vier weitere Male für den (Hauptdarsteller-)“Oscar“ nominiert (zuletzt für „Der stille Amerikaner“/2003), wurde von Queen Elizabeth am 16. November 2000 zum Ritter geschlagen und darf sich offiziell nun SIR titeln und gilt als lebende Schauspieler-Legende.

Mein Lieblingsfilm von Michael Caine ist einer seiner Anfangsfilme, der zwar 2003 von Koch Media auf DVD veröffentlicht wurde, aber derzeit vergriffen ist: „Ipcress – Streng geheim“ aus dem Jahr 1965. In dem Caine den britischen Agenten Harry Palmer (mit der deutschen Stimme von Peer Schmidt) mimt, den offizielle Stellen austricksen wollen. Und der sich zu wehren weiß.
Michael Caine ist einer der präsentesten und zugleich uneitelsten Schauspieler überhaupt. Ein Gentleman, der sowohl als diabolischer Psycho-Mörder in Brian de Palmas „Dressed to Kill“ (1980) zu überzeugen wusste wie auch als intellektueller „My Fair Lady/Higgins“-Pädagoge in „Rita will es endlich wissen“ (1983) oder als souveräner Butler in den Batman-Filmen „Batman Begins“ (2005) + „The Dark Knight“ (2008). Wenn ER auftritt, der sich selbst mal als einen „Cockney-Proll“ bezeichnete, ist stets Neugier und oft EREIGNIS angesagt.

Dass ein neuer Michael-Caine-Film seine deutsche Premiere nicht im Kino hat, sondern „nur“ auf DVD, überrascht schon. Dabei handelt es sich um den im Programm beim diesjährigen „Fantasy Filmfest“ erstmals vorgestellten britischen Klasse-Film

HARRY BROWN“ vom Regie-Debütanten Daniel Barber (GB 2009; B: Gary Young; K: Martin Ruhe; M: Martin Phipps; Ruth Barrett; Pete Tong; Paul Rogers; 103 Minuten; DVD-Veröffentlichung: 21.10.2010).

Daniel Barber, unbekannt. Ebenso wie sein Kurzfilm „The Tonto Woman“, der 2008 für den „Oscar“ nominiert war. Im Blick- und Mittelpunkt: Der alte Harry. Harry Brown. Er ist Rentner, lebt bescheiden wie unauffällig in einer Sozialsiedlung im Südosten von London. Seine Frau ist schwer erkrankt, liegt im Krankenhaus im Koma und wird sterben. Sein Kontakt zur Welt ist die Beobachtung, wie Junge-Leute-Gangs „draußen“ immer aggressiver wüten sowie das tägliche Schachspiel mit dem alten Freund Lenni/Leonard (DAVID BRADLEY). In einem wenig besuchten Pub, in dem Wirt Sid (LIAM CUNNINGHAM) es profitabel zulässt, dass Drogendealer hier ihre Geschäfte tätigen können.

Lenni wird schikaniert. Von Jugendlichen, die ihn täglich Zuhause bedrohen. Als er umgebracht wird, ist Harry Brown dermaßen angewidert, dass er aufbegehrt. Das ehemalige Mitglied der Royal Marines und den Nordirland-Veteranen packt die Wut. Da die Polizei nicht weiterkommt, nimmt ER „die Sache“ in seine Rache-Hände. In einer Heute-Zeit, wo die Zivilisation in bestimmten Gegenden Londons immer mehr verkommt, wo keine Moral und Sozialisation mehr herrscht, wo es keine Kultur des respektvollen Umgangs, der vernünftigen Begegnung und des würdevollen Miteinanders mehr gibt, wird Harry Brown zornig. SEHR zornig. Und dabei auch SEHR aggressiv. Eine Blutspur zieht sich durch London, was die amtlichen Stellen handeln lässt. Taktisch wie faktisch. Motto: Jeder kocht hier sein eigenes zynisches gesellschaftliches Süppchen; demokratische Spielregeln scheinen immer mehr außer Kraft gesetzt.

„Es ist kein brutaler Film, sondern ein Film über Brutalität“, erklärt Michael Caine Film und Rolle im Interview-Bonusmaterial. „Wir zeigen die reale Gewalt, die so jeden Tag stattfindet auf den Straßen unserer Städte“. Kollegin EMILY MORTIMER (bekannt z.B. als Mutter in „Lieber Frankie“/2004), die hier eine entsetzte wie angewiderte idealistische Polizistin spielt, ergänzt: „Der Wert eines menschlichen Lebens heute in London scheint immer geringer zu werden“.

Der Film „Harry Brown“ ist keine stupide hollywoodsche „Ein Mann sieht rot“-Masche (zur Erinnerung: Charles Bronson als wüster New Yorker Abknall-Henker in dem Michael-Winner-Klassiker von 1974), sondern erzählt aufregend vom menschlichen Niedergang. Will mit keiner sozialen „Erklärung“ alibihaft das „Ausrasten“ von Kids umgarnen, sondern sagt und zeigt – hier sind Kriminelle, die in der Mehrzahl einfach eklig kriminell sind und auch sein wollen. Die ein eigenes, gewalttätiges System gegründet haben, um ihre Lust ausleben zu können, schlecht, bösartig, gemein sein zu können. Und mörderisch. Die allgemeinen Umgangsregeln werden von ihnen außer Kraft gesetzt, die Macht der Stärkeren dominiert. Wir sind das Pack. Fassungslos darüber reagiert schließlich ein alter Mann. Den (zunächst) alle unterschätzen. Der sich selbst lange Zeit „unterschätzt“. Der glaubt, seinen Mistkerl in sich unter Kontrolle zu haben. Und dann DEN doch rausläßt. Rauslassen muss. Weil die Traurigkeit, Empörung, Wut nicht mehr zu unterdrücken, nicht mehr zu kontrollieren ist.

„Harry Brown“ ist ein düsterer, packender und sowohl atmosphärisch wie darstellerisch kalter Thriller. Als eine Art moderner Städte-Western in bleichen Farben. Mit einem grandiosen MICHAEL CAINE ohne Hero-Appeal, sondern als Mensch, der – verständlicherweise? – explodiert. Explodieren muss. Sein Harry Brown ist eine differenzierte, diskutable Figur. Dank seiner einmal mehr eindringlichen, besonnenen wie  körpersprachlich intensiven Interpretation.
„Harry Brown“ ist GROSSES SPANNUNGSKINO. Als Muss-DVD. Mit auch übrigens – deutsch untertiteltem – großartigem Bonusmaterial, wo weggefallene Szenen präsentiert werden, die unbedingt den Film bereichert hätten (wie die unter die Haut gehende kluge Gesprächs-Szene mit dem Priester im Pub). Hier hat man sich gute Ergänzungs-Mühe gegeben.

In der „Daily Mail“ war zu lesen: „Ein Rache-Thriller, der ein sündiges Vergnügen ist“.
In der „Süddeutschen Zeitung“ stand (am 9. September 2010): „Ein Blick in die Zukunft unserer Gesellschaft“ (= 4 1/2 PÖNIs).

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